Passion 2022

Oberammergau steht auf der Bühne

Leiden und Sterben Christi: Die Bewohner des Dorfes legen bei den Passionsspielen ein klares Bekenntnis zur Heilsgeschichte ab – und zum Theater.
Passion Oberammergauer
Foto: IMAGO / Rudolf Gigler | Oberammergau zeigt den Leidensweg Jesu mit barocker Wucht.

Der 42-jährige Frederik Mayet, künstlerischer Direktor und Pressesprecher des Münchner Volkstheaters, stand bereits im Jahre 2000 als Johannes in Oberammergau auf der Bühne und erscheint nun als Jesus, wie schon beim letzten Mal vor zwölf Jahren. Die Augen der rund 4 400 Zuschauer im Passionstheater richteten sich bei der Premiere mit besonderer Erwartung auf ihn. Dem Menschensohn verlieh er eine würdige Gestalt, die auch in der mit schlagendem Realismus dargestellten Geißelung durch die Henkersknechte nichts von der Aura seiner königlichen Abkunft und göttlichen Sendung verlor.

Dieser Mensch hat die gesamte Schmach der Schöpfung auszuhalten, daran besteht kein Zweifel. Die Pandemie verlängerte das Warten auf die neuen Passionsspiele auf zwölf Jahre. Die Geduld hat sich gelohnt. Was Spielleiter Christian Stückl und die Oberammergauer dieses Jahr auf die Bühne ihres überdimensionalen Festspielhauses gestellt haben, fordert in seiner existenziellen Wucht jeden Zuschauer heraus. Jesus handelt konkret hier und jetzt. Die Bühnenhandlung erspart uns in ihren knapp fünfeinhalb Stunden nichts.

Der Realismus des Leidens deutlich dargestellt

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In der Brutalität spätmittelalterlicher Altäre wird der Gottessohn ans Kreuz geschlagen, mit der barocken Wucht in den Darstellungen des siebzehnten Jahrhunderts wiederum, zugleich aber, in unmittelbarer menschlicher Erschütterung der Zeugen, wird die Kreuzabnahme vollbracht. Jede Szene ist nicht zuletzt bewegte Kunstgeschichte, und wie die Regie hier die zu- und abnehmenden Volksmassen choreographiert und die Solisten dagegen absetzt, spiegelt das Auf und Ab der öffentlichen Meinung ebenso wie die schwankende Beziehung des Einzelnen zur Masse.

Der Volksmenge und -meinung kam in den letzten fünf Tagen des Lebens Jesu bekanntlich eine entscheidende Rolle zu. Nachfolge des griechischen Chores ebenso wie Spiegel der Massen in unserer verhetzten Gegenwart, zeigt sich die Massenszene in Oberammergau stets kunstgeschichtlich souverän: Grande Opéra des 19. Jahrhunderts, barocke Bewegung des 17., und beim perfekt koordinierten Auftritt der behelmten Soldaten ist der Renaissance und dem italienischen Maler Paolo Uccellos gedacht. Die Dimension der Bühne ist theatertechnisch eine Unmöglichkeit, das Festspielhaus nur dank akustischer Verstärkung bespielbar. Diese freilich bringt ihren eigenen Deklamationsstil hervor.

„Eine einzigartige Initiative wie die Oberammergauer Passionsspiele
bieten Gelegenheit mitanzusehen,
wie aus der Mitte der Bevölkerung heraus jeder Art
von falschem „aggiornamento“ entgegengesteuert,
wie sowohl dem Theater als auch der Liturgie
Impulse zu ihrer Wiedergeburt verliehen werden.“

Andrea Hecht, sechzig Jahre alte Kauffrau, Holzbildnerin und seit 1970 auf dieser Bühne in verschiedenen Rollen, verkörpert gerade in den Stabat-Mater-Momenten eine zutiefst erschütterte Mutter, deren Leid keinen im Haus kalt lassen kann. Die Verbindung von traulich-bayrischer Intonation und heilsgeschichtlicher Bedeutung der Figur wird diese Interpretation der Muttergottes unvergessen machen. Der 53-jährige Hotelier Anton Preisinger wiederum repräsentiert als Pilatus die regierungsinstrumentelle Gegenwelt, bereits im eilenden Gang als Römer und Spross jener großen Juristenkultur zu erkennen.

Als die Oberammergauer Passionsspiele vor fast vierhundert Jahren inmitten des Dreißigjährigen Krieges gegründet wurden, konnten sie bereits auf eine Tradition des geistlichen Spiels zurückblicken, die ins Mittelalter reicht. Das spezifische Oberammergauer Spiel war zudem ein Kind der Oper, die sich in jenen Jahren entwickelte, zu erkennen besonders in den starken dramatischen und musikalischen Kontrasten.

Die Suche nach Nähe zum heutigen Publikum

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Der Prosatext der heutigen Fassung stellt eine allegorisch-pädagogische Zuspitzung der Kreuzwegstationen dar, über welche sogenannte Kernworte Jesu verteilt sind; jene Stellen, die in manchen Bibeln fettgedruckt werden und vor allem der Bergpredigt entstammen. Vergleichbar der Einheitsübersetzung der Bibel sucht die gegenwärtige Textfassung möglichste Nähe zum heutigen Zuhörer, und wie diese mag sie der Alltagssprache bisweilen zu weit entgegenkommen.

Wie ein Gemälde mit verschiedenen übereinander getragenen Schichten hat auch die Musik ihre unterschiedlichen Entstehungsstadien in sich aufgespeichert. Das Oratorium nimmt ein Drittel der Länge des Gesamtspiels ein, zeigt die filigranen Züge der Erstkomposition von 1750 ebenso wie der Klassik, Mendelssohns und Wagners, kann freilich die Bearbeitung im zwanzigsten Jahrhundert nicht verleugnen. Es handelt sich um eine Nervenmusik, ihren dramaturgischen Momenten wie angegossen.

Einheit aus Theater und religiösem Kult

 

 

Sie löst die gesprochenen Szenen in zusammenfassenden Momenten ab, die zudem im Hintergrund mit lebenden Bildern aus dem Alten Testament konterkariert werden: Von der Vertreibung aus dem Paradies über Kain und Abel bis hin zu Isaaks Opferung. Hier wird die Beziehung von Jesu Worten zu Stellen des Alten Testaments in direkter szenischer Gegenüberstellung offenbart. Mit rhetorischem Geschick versucht die gegenwärtige Fassung alle Stellen, die als judenfeindlich verstanden werden könnten, als biblisch erscheinen zu lassen.

Besonderes Ereignis dieser Fassung der Passionsgeschichte ist freilich die Rolle des Judas. Bei der Premiere spielte der 22-jährige Schauspielstudent Cengiz Görür die Verzweiflung des reuigen Verräters in mitreißender Intensität. Das Orchester ist unter der Bühne untergebracht. Wie die Richard-Wagner-Festspiele sind die Passionsspiele nicht zuletzt eine Erneuerung des Theaters; beide gehen von der Einheit von Theater und religiösem Kult aus, beide gewinnen daraus ihren Duktus, neue Bühnentechnik und eine frische Herangehensweise und erinnern uns daran, worum es im Theater eigentlich geht: Sympátheia, die innere Erschütterung, das Mitleiden des Zuschauers, sein innerlich gereinigtes Daraus-Hervorgehen, wie es Aristoteles in seiner Poetik formulierte. Das ist das ewige Theater, und das Epische Theater Bert Brechts konnte sich mit seiner distanzierend-intellektuellen Haltung trotz lange anhaltender Popularität zu keinem Zeitpunkt dagegen durchsetzen.

Das Gesamtergebnis der Aufführung überzeugt

Die neoklassizistischen Seitenteile der Bühne verkörpern ebenso wie Säulen die römische Welt, die Puppentheaterspitze in der Mitte erinnert daran, wie auch diese Form des Dramas aus dem altbayrischen Komedi-Spiel hervorging. Alle Mitwirkenden sind Bürger von Oberammergau und keine Berufsschauspieler. Mitten aus dem Sein des jahrhundertealten Dorflebens auf die Bühne tretend, bringt sich jeder Ammergauer selbst ein; und seine Beziehung zur Heilsgeschichte. Das Gesamtergebnis ist stark und gewachsen und kann mühelos die erdrückende Vielfalt der jahrtausendealten Ikonographie dieser folgenreichen Ereignisse einfließen lassen.

Es ist interessant zu beachten, wie das Verblassen des Theaters in politischem und soziologischem Aktivismus einerseits und jenes der heiligen Messe andererseits als parallele Entwicklungen ab Mitte der sechziger Jahre begannen. Eine einzigartige Initiative wie die Oberammergauer Passionsspiele bieten Gelegenheit mitanzusehen, wie aus der Mitte der Bevölkerung heraus jeder Art von falschem „aggiornamento“ entgegengesteuert, wie sowohl dem Theater als auch der Liturgie Impulse zu ihrer Wiedergeburt verliehen werden. Der Purismus der Sandfarben, in der die Darsteller, des dörflichen Schwarz, in dem der kommentierende Chor, also wir selbst, gehalten sind, widerspricht jedem „miesen Unernst“ (Heinrich Böll) von heute, sei es in Liturgie oder Theater.

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