Feuilleton

Nur kurz waren wir „alle Amerikaner“

Epochenwende 9/11: Der Tag, an dem sich die Weltmacht verwundbar zeigte, und seine Folgen. Von Stephan Baier
Am 11. September 2001 wurden Wahrzeichen Amerikas attackiert.
Foto: dpa | Am 11. September 2001 wurden Wahrzeichen Amerikas attackiert.

Als Epochenwende und Beginn eines neuen Zeitalters wurde „Nine Eleven“ vielfach bezeichnet, doch welche Bedeutung hat der 11. September 2001 in der historischen Rückschau, 17 Jahre später? Tatsächlich war die Attacke islamistischer Terroristen auf das ökonomische und auf das militärische Wahrzeichen Amerikas, das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington, ein Schock für die Amerikaner und für die gesamte westliche Welt. Die – nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion – letzte verbliebene Supermacht der Welt hatte sich als verwundbar gezeigt. Ein Kolumnist der New York Times schrieb damals: „Die Terroristen haben erreicht, was der Kaiser, Hitler und das mächtige Nukleararsenal der Sowjetunion nie vermocht haben: Sie haben mit blutigen Angriffen Schrecken auf amerikanischem Boden verbreitet.“

Das stolze, heroische, dominante Amerika war erstmals zum Opfer geworden. Jenes Land, das ein volles Jahrzehnt lang das Monopol auf die Bezeichnung „Weltmacht“ hatte, dem Beobachter eine Weltherrschaft und globale Hegemonie zuschrieben, war vor den Augen der Weltöffentlichkeit verwundet, verletzt, gedemütigt worden. Zur weltpolitischen Allmacht seines Landes kam in jenen Jahren die innenpolitische Allmacht des Präsidenten: Seine Republikaner hatten die Mehrheit im Senat, im Repräsentantenhaus und im Obersten Gerichtshof. Peter Scholl-Latour meinte, dass„im abendländischen Mittelalter weder Papst noch Kaiser eine vergleichbare Verfügungsgewalt besaßen“. Kein Wunder, dass George W. Bush den mörderischen Fehdehandschuh aufnahm und einen „Krieg gegen den Terrorismus“ ausrief – fahrlässigerweise auch von „Kreuzzug“ sprach.

Die gefühlte Solidarität der Europäer mit dem verwundeten Amerika war nach 9/11 grenzenlos: Die deutsche Boulevardzeitung „Bild“ und die französische Qualitätszeitung „Le Monde“ titelten wortgleich „Wir sind alle Amerikaner!“ und „Nous sommes tous des Américains“.

Doch wenige Monate später war dieser Kredit an bedingungsloser Solidarität aufgebraucht. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld lästerte über „die alten Europäer“; Präsident Bush gab die Versuche, mit Freibrief der Vereinten Nationen in den Krieg gegen Bagdad zu ziehen, auf. Was war geschehen? Bush war das Gegenteil eines Außenpolitikers. Er meinte einst öffentlich, er kenne nur Texas und Mexiko – „den Rest der Welt erklärt mir Condi Rice“, seine Secretary of State. Doch mit 9/11 wurde der globale „Krieg gegen den Terrorismus“ zum Leitmotiv seiner Präsidentschaft.

In der „Tagespost“ war am 22. September 2001 zu lesen: „Es gibt auch eine Globalisierung des Terrors, des Schreckens und der Kriminalität. Doch zugleich – und auch dies lehren diese Tage – gibt es offensichtlich keine Globalisierung der Werte, des Ethos, der Weltanschauung, des Menschenbildes oder der Moral.“ Auch die Unbeholfenheit des US-Präsidenten, den richtigen Ton zu treffen, klang im „Tagespost“-Feuilleton an: „Der Aufruf des amerikanischen Präsidenten zu einem ,Kreuzzug gegen den Terrorismus‘ zeigt das ganze Ausmaß des wechselseitigen Nicht-Verstehens.“

Durch den Habitus unbegrenzter Stärke verspielte Bush die Solidarität, die Amerika im Augenblick verwundbarer Schwäche zugewachsen war: Die systematische Desinformation durch die Regierungen in Washington und London, der dualistische Messianismus, der aus den Reden des US-Präsidenten triefte, die Weigerung, Warnungen von Freunden und Verbündeten ernst zu nehmen, und die Hemmungslosigkeit im Umgang mit dem Völkerrecht und den Vereinten Nationen zersetzten die weltweite Solidarität mit Amerika.

Saddam Hussein mag ein skrupelloser und grausamer Diktator gewesen sein, aber er besaß weder die behaupteten Massenvernichtungswaffen noch war er ein globaler Pate des islamistischen Terrors. Der amerikanische Weltpolizist konnte das Regime des irakischen Tyrannen enthaupten, aber er scheiterte daran, eine stabile, geschweige denn freiheitliche und demokratische Ordnung im Irak zu etablieren. Hellsichtig hatte Papst Johannes Paul II. immer und immer wieder gewarnt. Was dem Irak-Krieg von 2003 folgte, entsprach den schlimmsten Befürchtungen des Papstes und vieler Nahost-Experten: Auf die ungerechte Ordnung folgten Chaos, Rechtlosigkeit, Unsicherheit. Araber gegen Kurden, Sunniten gegen Schiiten – meist aber mafiose und kriminelle Banden, die unter dem Deckmantel der Religion raubten, entführten, erpressten und mordeten.

Am 15. April 2003 war auf Seite 9 der „Tagespost“ zu lesen: „Sollten die Mächtigen in Washington tatsächlich gedacht haben, man könne das irakische Regime aus der Krisenregion herausziehen wie den Stöpsel aus der Badewanne, um dann das klare Wasser einer lupenreinen Demokratie einlaufen zu lassen? Die kommenden Wochen und Monate werden zeigen, dass auch nach der ,Enthauptung‘ des Regimes nicht Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie ausbrechen.“ Diese düstere Prognose sollte sich erfüllen. Am 13. Dezember 2003 wurde Saddam Hussein festgenommen – drei Jahre später wurde er von einem Militärgericht zum Tod verurteilt und gehängt. Die Lage der Menschen im Irak jedoch hat sich dadurch nicht verbessert.

Der katholische Erzbischof von Bagdad, Jean Benjamin Sleiman, meinte im Gespräch mit dieser Zeitung im Vorjahr: „Es hat sich seit dem Fall des Regimes von Saddam Hussein 2003 ein islamischer Fundamentalismus ausgebreitet wie die Pilze im Wald.“

Der Kreuzweg der irakischen Christen ist eine Folge der Militärintervention von 2003: Lebte zuvor gut eine Million Christen im Land von Euphrat und Tigris, so schätzt man ihre Zahl heute auf weniger als 250 000. Die arabischen Christen leiden unter Chaos und Schutzlosigkeit, Kriminalität und Konfessionalismus, Ethnisierung und islamischem Fanatismus. Weit über den Irak hinaus werden sie als Agenten des Westens verleumdet und für die Politik des Westens haftbar gemacht. Weltpolitisch lässt sich im Rückblick heute auch sagen, dass 9/11 und seine Folgen tatsächlich eine Zäsur markieren: Das Jahrzehnt amerikanischer Weltdominanz ging zu Ende – und machte einer multilateralen, chaotischeren, vielschichtigeren Wirklichkeit Platz. Friedlicher oder sicherer ist die Welt seither jedenfalls nicht geworden.

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