Feuilleton

Nur Gott führt aus der Seinsverlassenheit heraus

Im Kloster Heiligkreuztal diskutierte die Ernst und Friedrich Georg Jünger-Gesellschaft e.V. über „Technik und Medien“. Von Felix Dirsch
Die Brüder Friedrich Georg und Ernst Jünger.
Foto: IN | Die Brüder Friedrich Georg (links) und Ernst Jünger.

"Technik und Medien bei den Brüdern Jünger“ – das war das Thema eines Symposiums, das der Publizist und Übersetzer Alexander Pschera sowie der Verleger Thomas Bantle am Wochenende veranstaltet haben.

Der russische Ökonom Alexander Michailowski hielt den einführenden Vortrag über die „Philosophie der Technik in den 20er und 30er Jahren und Jüngers Arbeiter“. Er ordnete die Schrift „Der Arbeiter“ in den Technikdiskurs der Weimarer Republik ein. Michailowski spürte etlichen Vertretern der Technokratie-Bewegung nach, die heute weitgehend in Vergessenheit geraten sind. So ist das Manuskript „Die Philosophie der Technik“ aus dem Nachlass des seinerzeit profilierten Repräsentanten Heinrich Hardensett erst 2017 veröffentlicht worden. In diesem Text ist auch Ernst Jünger ausführlich rezipiert. Mit der Technokratie-Bewegung teilte Jünger das Anliegen, dass der Weg, der zurückzulegen sei, ein nationaler sein müsse.

Mit dem über viele Jahre andauernden Diskurs zwischen Heidegger und Ernst Jünger setzte sich der Philosoph Pascal Zorn auseinander. Heidegger widmete den Analysen des eher konträren Denkers etliche Beiträge, unter anderem in der Festgabe zu Jüngers 60. Geburtstag. Während Jünger im „Arbeiter“ eher die revolutionären Folgen der Implikationen der Technik herausstellte, fragte Heidegger nüchtern nach dem Wesen der Technik. Noch heute fallen die eschatologischen Untertöne, das Streben nach dem Neuen Menschen im „Arbeiter“ auf. Das antibürgerliche Manifest der Weimarer Republik par excellence. Zentraler Referenzphilosoph für beide Denker ist Friedrich Nietzsche, der für Heidegger die Metaphysik vollendet hat. Mit Nietzsche kommt auch die Nihilismus-Problematik ins Spiel. Hier schließt sich der Kreis zur modernen Technik, die an der Alltagssäkularisierung nicht wenig Anteil besitzt.

Interessant ist auch die Frage, wie der Nihilismus überwunden werden kann. Heidegger will ihn in seinem Aufsatz „Über die Linie“ wie den Nullmeridian überschreiten. Hierzu sollen auch so schwierig klingende Konstrukte des Denkens wie das Geviert helfen, eine dichterische Alternative zum Verbergen des Verbergens. Mit dem Geviert meinte Heidegger Himmel und Erde, Sterbliche und das Göttliche, womit er einen Gegenentwurf zu der von ihm konstatierten Heimatlosigkeit und Seinsverlassenheit des modernen Menschen suchte. Heidegger greift auch gern auf den Mythos Hölderlins zurück: In seiner späten Zeit hofft der vom Glauben abgefallene Katholik auf die Rettung durch einen Gott. In den Schoß der Kirche kehrt der Verfasser von „Sein und Zeit“ nicht mehr zurück. Anders Jünger, der im zehnten Lebensjahrzehnt noch zur katholischen Kirche konvertierte. In seinen späteren Jahren distanzierte er sich vom Nihilismus und fand einen Urgrund der Existenz. Im „Waldgang“ wird dieser durch die absolute Freiheit des „Hier und Jetzt“ repräsentiert, die das wohl stärkste Antidotum zur bürokratischen Einengung des Einzelnen in der Moderne darstellt.

Der Wuppertaler Philosoph Peter Trawny, vornehmlich durch die Herausgeberschaft von Heideggers berüchtigten „Schwarzen Heften“ bekannt, erörterte Jüngers Verhältnis zur Fotografie. Er zeigte, wie die Brüder dieses Mittel zur Delegitimierung der Weimarer Republik verwendeten. Der Bildteil des Buches „Gesicht der Demokratie“ von Edmund Schultz mit Vorwort von Friedrich Georg Jünger ist aufschlussreich. Besonders geißelte der Referent ein Bild, das im oberen Teil deutsche Auswanderer, im unteren indessen jüdische Zuwanderer zeigt. Bald nach 1918 verwendeten verschiedene politische Strömungen die Fotographie als beliebtes Propagandamittel.

Alexander Pschera beschäftigte sich mit Friedrich Georg Jüngers Traktat „Perfektion der Technik“ im internationalen Kontext. Anders als beim „Arbeiter“ liegt hier eindeutig ein kritischer Blick auf die Technik vor. Manche sehen in diesen Überlegungen eine Vorwegnahme ökologischen Gedankenguts. An zentraler Position setzte sich Friedrich Georg Jünger mit der Stellung und dem Dasein des Menschen angesichts von Maschinen, Fließbändern und Apparaten aller Art auseinander. Solche Fragen sind heute aktueller denn je, sind sie doch vor dem Hintergrund der bereits im Gang befindlichen Implementierungsprozesse der Digitalisierung mit neuem Nachdruck zu stellen. Kommt es zu einer Marginalisierung des Menschen? Neben Friedrich Georg Jünger argumentierten auch andere herausragende Kulturkritiker der Epoche wie Ortega y Gasset in diese Richtung. Befriedigt die Technik humane Bedürfnisse oder erhält sie einen zunehmend autonomen Stellenwert? Heute, im Zeitalter des IBM-Computers Watson, der auch komplizierteste Probleme schneller und besser lösen kann als selbst hyperintelligente Angehörige unserer Spezies, ist die existenzielle Dimension zweifellos eindringlicher. Pschera behandelte eine Reihe weiterer Kultur- und Technikkritiker wie Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew und Georges Bernanos. Letzterer betrachtete die Roboter für Frankreich als Fluch, während das Motto des technikaffinen Ernst Jüngers um 1930 gelautet haben könnte: „Deutschland für die Roboter“!

Jan Robert Weber setzte das Kolloquium am Samstagnachmittag mit einem Vortrag über den Verlust des Raumes in Zeiten der Beschleunigung fort. Der Reiseschriftsteller Jünger kam hier besonders zu Wort. Und Michael König vom Burgtheater Wien las aus Ernst Jüngers „Der Waldgang“. Schließlich standen noch die Vorträge von Niels Penke („Schiffbruch mit Zuschauer. Zur Technikkritik in ,Myrdun‘ und ,Der Waldgang‘“) und Helmuth Kiesel („Eumeswil und die Posthistorie“) auf dem Programm.

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