Befriedende Musik

„Nun danket alle Gott“

Der Choral erklang schon zum Westfälischen Frieden und wurde von den letzten, von der Sowjetunion freigelassenen Kriegsgefangenen und deren Angehörigen im Lager Friedland angestimmt.. Wie seitdem Musik den Frieden besingt und schafft.
12. MÄRZ 2022 - Symphonieorchester und Chor des Nationalen Akademischen Opern- und Balletttheaters Odesa
Foto: IMAGO / Ukrinform | Ein emotionales Zeichen für den Frieden: Das Symphonieorchester der National Academic Opera von Odessa hat mit einer Aufführung der ukrainischen Nationalhymne am 12. März zum Ende des Krieges aufgerufen.

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder“. Was das Sprichwort treffsicher auf den Punkt bringt, klingt schön, ist aber leider falsch. Denn tatsächlich zeigt das reichhaltige Liedrepertoire der Diktaturen von „Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen“ bis zu „Die Partei die Partei, die hat immer Recht“, dass gerade in Unrechtsregimen Musik ein hoher Stellenwert beigemessen und ihre Kraft, die Menschen auf ein Ziel hin auszurichten, bewusst genutzt wird. Aus gutem Grund. Schließlich wohnt der Musik eine bewegende Kraft inne, die sowohl zum Guten als auch zum Bösen hin ausgespannt sein kann.

Schon Platon wollte deshalb in seinem idealen Staat nicht alle Modi zulassen. Denn manche der alten Tonarten, die in gewandelter Gestalt auch die Basis des Gregorianischen Chorals bilden, wirken sich in negativer Weise auf den Menschen aus. Seine Beobachtungen sind empirisch belegbar, weshalb seine Tonartenlehre auch im Mittelalter überliefert wurde. Gegen stärkende, zum Kampf treibende Töne hatte Platon nichts einzuwenden, weil Wehrhaftigkeit in seinen Augen eine wünschenswerte Tugend war. Er wandte sich aber energisch gegen solche Melodien, die zur Verweichlichung führten, deren Anhören und Mitsingen eine verminderte Körperspannung zur Folge hatte. Zu recht. Denn was unsere Altvorderen mit Haltung beschrieben, ist ja weit mehr als eine Pose, sondern vielmehr ein Habitus, eine zur Gewohnheit gewordene Lebensform, in der die aufbauenden Kräfte, die Virtutes, die Tugenden ihre formende Kraft so tiefgreifend entfaltet haben, dass das Ergebnis dieses jahrelangen Übens vollkommen mühelos, gleichsam habituell wirkt.

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Auch wer für den Frieden eintritt, muss kämpferisch sein

Musik, die dem Frieden den Weg bereiten soll, muss demnach von einer Art sein, die in positiver Weise kämpferisch ist, zugleich aber das wertschätzende Miteinander stärkt. Dies funktioniert dann am besten, wenn Menschen nicht nur für sich allein, sondern für andere oder mit anderen singen und spielen. Denn der Prozess des aufeinander Hörens bewirkt ein miteinander Schwingen, das eher zu einem gewaltlosen Umgang mit den anderen geneigt macht als zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily hat dies einmal mit den Worten auf den Punkt gebracht, dass er dort, wo eine Musikschule geschlossen würde, wenige Jahre später eine Justizvollzugsanstalt für Jugendliche bauen müsse.

Dass Musik sowohl zum Frieden als auch zum Krieg motivieren kann, lässt sich an ganz praktischen Beispielen nachweisen. Das West-Eastern Divan-Orchestra wurde von Daniel Barenboim 1999 gegründet und besteht aus jüdischen und palästinensischen Musikern, deren Zusammenspiel ein klingendes Zeichen der Verständigung sein soll. Innerhalb des Orchesters funktioniert das auch ganz wunderbar. Aber von denen, die die Musiker mit ihrer Friedensbotschaft erreichen wollen, kommt ein ganz unterschiedliches Echo zurück. Viele lassen sich von der Begeisterung der Musiker, die inzwischen schon über zwanzig Jahre ihre klingende Friedensbotschaft in die Welt senden, anstecken und tragen sie in ihre Dörfer und Städte weiter.

„Dass es in Friedland gerade dieser Choral war, zeigt übrigens ein tief verwurzeltes Bewusstsein
für die friedenstiftende Kraft des Glaubens, war doch genau jenes Kirchenlied
auch zur Bekräftigung des Westfälischen Friedens zeitgleich in den Städten Münster
und Osnabrück erklungen“

Bei manchen aber sind die Fronten bereits so verhärtet, dass auch die schönsten Töne ihre Herzen nicht mehr erweichen und für die Saat des Friedens bereiten können. Fazit: Musik kann besänftigend wirken und stärkt das Sozialverhalten. Gleichsam automatisiert Wunder wirken kann sie aber nicht.

Dass Musik Menschen auch fit für den Krieg machen und dafür sorgen kann, dass die Kampfbereitschaft der Soldaten gestärkt wird und die Hemmschwellen für das Ausleben von Aggressionen fallen, zeigen die zahllosen Militärmärsche, aber auch die Tatsache, dass zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges in vielen Orgelinstrumenten ein Register namens „Heertrommel“ eingebaut war. Bei den Irak-Kriegen wurde in amerikanischen Panzern Rockmusik eingespielt.

Friedensmusik kann einen Hoffnungsraum eröffnen

Friedensmusik, die in der Geschichte der Kompositionen eine reichte Tradition hat, erweist sich als äußerst facettenreiches Genre. Dies hängt nicht zuletzt mit den recht unterschiedlichen Einsatzfeldern der zu dieser Gattung zählenden Werke zusammen. Sie reichen vom Bittgottesdienst um den Frieden bis zum Festakt, in der der Sieg über die übermächtig erscheinenden Feinde gefeiert wird. Friedensmusik vermag einen Hoffnungsraum zu eröffnen, in dem inmitten eines Krieges der Wille zum Frieden, der den Streit beendet, wirksam gestärkt wird. Sie kann aber auch das Überlegenheitsgefühl derer stärken, die ohne Not in die Schlacht gezogen sind und sich das Land ihrer friedlichen Nachbarn gewaltsam angeeignet haben und das jetzt einmal in aller Form feiern wollen. Dass Musik auch eine eminent politische Aussagekraft entfalten kann, zeigt der gegenwärtig in der Ukraine wütende Krieg. Er führte dazu, dass Musiker wie Valery Gergiev und Anna Netrebko, die an ihrer Nähe zu Vladimir Putin nichts ändern wollen, in der westlichen Welt keine offenen Ohren mehr finden. Eine positive und friedenstiftende Kraft entfaltet die Musik mitten in der Ukraine dort, wo Musiker im Kriegsgebiet ihre Kunst in den Dienst der Menschlichkeit stellen, wie es die junge Geigerin Vera Lytovchenko getan hat, die im Luftschutzkeller für ihre Nachbarn ukrainische Volkslieder spielte. Den Facettenreichtum der Friedensmusiken zeigt auch ein Blick in die Geschichte.

Als Napoleon im Jahr 1796 mit seinen rücksichtslosen Expansionsbestrebungen ganz Europa in Angst und Schrecken versetzte und dabei schließlich auch die Stadt Wien bedrohte, schrieb Joseph Haydn seine „Missa in tempore belli“. Das auch als „Paukenmesse“ bekannte Werk setzt hörbare Zeichen: Pauken für den Feind – Fanfaren für den Frieden. Wie schwierig der Umgang mit autoritären Machthabern für Musiker sein kann, zeigt die Sinfonie Nr. 5 d-Moll op 47 von Dmitrij Schostakowitschs. Denn der russische Komponist, der seinen amerikanischen Freunden ärgerlich entgegnete, dass sie alles von ihm verlangten, aber selbst nichts zu geben bereit wären, als sie ihn zur öffentlichen Abkehr von Stalin bewegen wollten, mit der er auch seine Familie und seine in Russland lebenden Freunde gefährdet hätte, kehrte mit diesem Werk nur scheinbar auf die Linie der Vorgaben sowjetischen Kulturdiktats zurück. Eine erzwungene Anpassung, bei der man auch den menschlichen Kontext mitlesen muss.

Musik bricht sich an entscheidenden Wendepunkten Bahn

 

 

Vielleicht kommt man der Rolle der Musik als Wegbereiterin des Friedens am nächsten, wenn man sich auf das Diktum bis orat, qui cantat, wer singt, betet doppelt besinnt. Denn da es die Gesinnung und die Ausrichtung sind, die das Wesen der Töne bestimmen, wird eine Musik umso friedenstiftender sein, je mehr sie gesungenes Gebet ist. Egal ob als flehende Bitte wie in zahllosen Vertonungen der Agnus Dei-Bitte „Dona nobis pacem“ oder als Dank für die endlich geglückte Rückkehr der Kriegsgefangenen in die Heimat wie beim spontan angestimmten Choral „Nun danket alle Gott“ im Lager Friedland – Musik bricht sich an entscheidenden Wendepunkten des Lebens ganz automatisch Bahn.

Dass es in Friedland gerade dieser Choral war, zeigt übrigens ein tief verwurzeltes Bewusstsein für die friedenstiftende Kraft des Glaubens, war doch genau jenes Kirchenlied auch zur Bekräftigung des Westfälischen Friedens zeitgleich in den Städten Münster und Osnabrück erklungen. Er jährt sich im nächsten Jahr zum 375. Mal. Grund genug, bis dahin Melodien anzustimmen, die dazu beitragen, dass die Gewalt dem Frieden weicht. In Osnabrück wird dies im nächsten Jahr durch die Uraufführung einer Friedensmotette des zeitgenössischen Komponisten Ludger Stühlmeyer geschehen, deren Textgrundlage ein Gedicht des protestantischen Theologen und Pfarrers Detlev Block ist. Wer sich näher für die Geschichte der Friedensmusik interessiert, kann das 2021 im Olms Verlag in der Reihe der Folkwang Studien erschienene Buch von Dominik Höink: „Religiöse Friedensmusik von der Antike bis zur Gegenwart“ zu Rate ziehen.

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