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„Noch nie habe ich mich so ahnungslos gefühlt“

Unser Autor spürt zunehmend Verunsicherung: Die Komplexität weltpolitischer Ereignisse ist nur schwer zu durchdringen, gesellschaftliche Entwicklungen zeigen sich von neuer Seite.
Serverschrank mit Netzwerkkabeln
Foto: Julian Stratenschulte (dpa) | Rot, schwarz, grün, rechts oder links? Klassische Zuordnungen verlieren zunehmend an Bedeutung, wenn Grüne Waffenlieferungen in ein Kriegsgebiet fordern oder die CDU sich über eine paritätisch besetzte Wahlliste ...

Von einem Kolumnisten darf man erwarten, eine Meinung zu haben. Die Zeitung, für die ich arbeite, warb lange mit dem verlockenden Slogan „BILD Dir Deine Meinung!“ Was aber, wenn man statt Antworten hauptsächlich Fragen parat hat? In dieser prekären Lage befinde ich mich.

Noch nie habe ich mich so ahnungslos gefühlt. Der Krieg in der Ukraine zum Beispiel. Was Putin da vom Zaun gebrochen hat, ist ein zum Himmel schreiendes Unrecht. Da gibt es kein Vertun. Und doch tue ich mich schwer damit, ein Land, das bislang vor allem für seine Korruption berühmt war und in dem Figuren wie der mit den Nazis kollabierende Partisanenführer Stepan Bandera als Nationalhelden verehrt werden, plötzlich als Vorposten der freiheitlich-demokratischen Welt zu feiern. Als der Papst neulich sagte, das „Bellen“ der Nato vor den Toren Russlands sei mitverantwortlich dafür, dass dieses Land sich in die Enge getrieben fühlt, erntete er dafür Empörung.

„Ich fühle mich zunehmend wie ein untrainierter Schwächling,
der in ein Bodybuilding-Studio geraten ist, wo er von lauter Meinungsstarken umgeben ist,
die mit unerschütterlichen Meinungen und Gewissheiten protzen“

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Ich fand diese Einlassung so absurd nicht, stand im Freundes- und Kollegenkreis – als ich den Fehler beging, dies auch noch zu äußern – aber ziemlich isoliert da. Andererseits: Die Nato ist ein Verteidigungsbündnis. So zu tun, als stelle sie für Russland eine Bedrohung dar, ist tatsächlich absurd. Ja, die westliche Staatengemeinschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten Dinge getan, die völkerrechtlich nicht ganz sauber warenund hat, wenn man nach Afghanistan oder nach Nordafrika blickt, gehörig Chaos angerichtet.

Aber was ist das überhaupt, „der“ Westen? Was macht unsere Werte aus? Ich kapituliere schlicht vor der Komplexität der Dinge. Ich fühle mich zunehmend wie ein untrainierter Schwächling, der in ein Bodybuilding-Studio geraten ist, wo er von lauter Meinungsstarken umgeben ist, die mit unerschütterlichen Meinungen und Gewissheiten protzen. Das Schlimme ist, dass die Themen, bei denen ich mir Ahnungslosigkeit eingestehen muss, immer mehr werden. Bis vor kurzem konnte ich mich herrlich über Leute aufregen, die statt zum Beispiel Ärzte oder Ingenieur Ärztinnen oder Ingenieurinnen sagen, weil ich das als Vergewaltigung unserer Sprache empfand.

Zunehmende Toleranz und öfter mal die Klappe halten

Jetzt, da meine Tochter studiert und erstmals ernsthaft mit dem Thema Berufswahl konfrontiert ist, finde ich es plötzlich gar nicht mehr so abwegig, dass ihr unsere Umgangssprache das Gefühl gibt, jeder Beruf der Welt stehe ihr offen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde das bemühte Gendern unserer Sprache höchst irritierend – aber ich ertappe mich immer öfter dabei, auch befremdlichen Meinungen Nachvollziehbares abzuringen. Auch beim Thema Klimaschutz geht es mir zunehmend so.

Die Angstmacherei der Klimaaktivisten ist nicht mein Ding, zumal mir Revolutionen, die von Oben angetrieben werden intuitiv suspekt sind. Aber auch mir wird es langsam unheimlich, dass im beschaulichen Paderborn Tornados wüten und das Gras im Berliner Tiergarten im Mai schon so verbrannt ist, als hätten wir einen langen Dürre-Sommer hinter uns. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich über herzlich wenige Dinge wirklich Bescheid. Daher habe ich mir jetzt vorgenommen, öfter mal die Klappe zu halten.

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