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Nichts strahlt so wie tätige Liebe

Der Krieg gegen die Ukraine bringt - bei allen schrecken - auch wieder das Gute im Menschen zum Vorschein: Aufopferungsvoll stehen viele Freiwillige und Mitarbeiter großer Organisationen den Hilfebedürftigen bei. Viele setzen dabei auf Gottvertrauen.
Ukraine-Konflikt - Geflüchtete in Polen
Foto: Christoph Reichwein (dpa) | Der Andrang ukrainischer Kriegsflüchtlinge ist groß. Organisierte Hilfe und privater Beistand leisten Großartiges - so wie hier ein Imbissbudenbesitzer aus den Niederlanden, der kurzentschlossen in Polen sein Zelt ...

Das romantische Bild trügt; der saumlose Farbverlauf von Graublau in tiefes Lachsrot über der weiten See trägt mit sich eine Ruhe, die ins größere Bild so gar nicht passen mag. Hier, an der russischen Grenze mit Blick auf den finnischen Meerbusen. Im August habe ich meinen Freund Sergey in Estland besucht, der dort ein Auffangcenter für ukrainische Flüchtlinge aufgebaut hat. Sie hatten mich zu einer Team-Auszeit geladen und ich konnte zu Mitarbeitern und geflohenen Frauen sprechen. Was Sergey und sein Team dort leisten, hat mich beeindruckt.

Sie arbeiten täglich 16 Stunden, weil der Bedarf so groß ist. Seine Gruppe hat Teams, die in der Ukraine und in Belarus tätig sind, und ist in der ganzen russischsprachigen Welt vernetzt. Wir kennen uns schon länger; vor einigen Jahren sprach ich auf einer Konferenz in Kasachstan, die er organisierte. Doch seit dem 24. Februar tut er nichts anderes als geflohenen Familien zu helfen. Es sind Frauen und Kinder; die Männer sind an der Front, in der militärischen Ausbildung oder warten auf die Einberufung; von den Ehemännern und Vätern, deren Frauen und Kinder bei Sergey sind, ist bisher noch keiner gefallen.

„Millionen von Menschen leben seit Monaten
in provisorischen Unterkünften fernab ihrer Heimat.
Viele bangen täglich um ihren Vater, Bruder, Ehemann, Sohn.
Viele wissen nicht, ob ihr Haus noch steht“

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Ein paar schlichte Gedanken:

(1) Auch wenn wir uns mittlerweile an den Krieg „gewöhnt“ haben, ist die Tatsache nach wie vor absolut erschreckend. Nur wenige Autostunden von hier werden Dörfer und Städte zerbombt, weil ein Land das andere überfallen hat.

(2) Millionen von Menschen leben seit Monaten in provisorischen Unterkünften fernab ihrer Heimat. Viele bangen täglich um ihren Vater, Bruder, Ehemann, Sohn. Viele wissen nicht, ob ihr Haus noch steht. Man stelle sich einen kurzen Moment lang vor, das träfe auf einen selbst zu.

(3) Auch in dieser Situation gibt es Menschen, die voller Hoffnung und Kraft bleiben. Ich habe mit einer Frau gesprochen, die aus dem Oblast Donezk kommt, einem der Zentren der Kämpfe. Sie erzählte mir mit strahlenden Augen, dass Jesus ihre Kraft ist und sie im Gebet neue Zuversicht findet. Sie wirkte gefasst, hoffnungsvoll, glaubensstark. Diese Frau konnte auf der tagelangen Flucht zwei Koffer mitnehmen, mehr nicht.

(4) Es gibt nichts, was so strahlt und so schön ist wie tätige Liebe. Es ist so leicht, in Diskussionen für „die gute Sache“ zu sein. Sich im Internet für das Richtige zu empören. Ich habe in Estland erschöpfte und übermüdete Mitarbeiter erlebt, die seit über einem halben Jahr komplett über ihre Kräfte gehen, weil sie Menschen dienen. Und weil sie Jesus nachfolgen. Die sich selbst hingeben und keine Gegenleistung verlangen. Wahrhaft große Menschen.

Beten für die Menschen in der Ukraine und in Russland

Lass uns im Gebet und in unseren Gedanken die Menschen in der Ukraine nicht vergessen. Lasst uns auch für die Menschen in Russland beten, unter denen Stimmen hörbar werden, dass dieser Krieg falsch ist. Ich kenne auch Leute dort, die alles riskieren, wenn sie Stellung beziehen. Gerade Geistliche stehen in einem inneren Zerriss, ob sie die Sicherheit ihrer Gemeinde und ihrer Familien riskieren sollen, indem sie sich gegen den Krieg positionieren. Andere freilich bleiben unerschütterliche russische Nationalisten „im Namen Gottes“. Lasst uns auch diese beiden Gruppen in Russland nicht vergessen.

 

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