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Nichts an Ostern ist normal

Bei manchen Geschehnissen mag man nicht hinsehen, weil sie so unerträglich anzuschauen sind, dass sie einen Menschen überfordern könne, lähmen und in Verzweiflung stürzen können. Das Geschehen von Ostern kann die Menschen von dieser Schreckreaktion befreien.
Isenheimer Altar
Foto: Mathieu Cugnot (dpa) | Grausame Folter, der Tod am Kreuz: Für die einen ist es eher beiläufig ein Kunstgenuss, für die anderen die Darstellung der Marter des Sterben des Gottessohnes, die durchlitten werden mussten, um in der Auferstehung ...

Es gibt so Dinge, die sind bei näherer Betrachtung unerträglich. Eine Operation am menschlichen Auge, zum Beispiel. Es ist natürlich großartig, dass ein Mensch nachher wieder sieht, doch wer würde selbst gerne zusehen, wenn ein Skalpell in einen Augapfel schneidet? Für Dinge, die bei näherer Betrachtung unerträglich sind, haben wir Begriffe, an die wir uns gewöhnen. Beerdigung. Krieg. Todesstrafe. Verrat. Einmal im Jahr wird der Christenheit das Gedächtnis an eine Serie von Ereignissen zugemutet, die bei näherer Betrachtung unerträglich sind. Durch Gewöhnung abgestumpft finden wir es irgendwie normal, dass da ein Mann hängt, der an Füßen und Händen an einen Holzpfahl genagelt wurde.

Dass es da so ein harmloses Fest mit Hasen und bunten Eiern gibt, das sich doch um eine rundherum anmaßende Behauptung dreht. Nichts an Ostern ist normal, alles daran ist bei näherer Betrachtung unerträglich. Da ist zunächst der feige Petrus, der seinen Herrn in der Stunde größter Not im Stich lässt. Verrat unter Freunden. Da ist das Verhör vor Pilatus, nach dem ein wehrloser, gewaltloser Mensch einfach nur dafür zum grausamsten Tod verurteilt wird, weil er die Wahrheit sagt. Da ist der Karsamstag, an dem nichts passiert und alles in tiefes Schweigen gehüllt ist. Und schließlich die Erfahrung, dass mitten in einem Gräberfeld auf einmal neues Leben aufersteht.

„Möge jeder, der einmal an seinen eigenen Idealen gescheitert ist, jeder,
der einmal verraten wurde, jeder, der einmal miterleben musste,
wie die Wahrheit mit Füßen getreten wird, jeder, der festhängt in seinem Karsamstag
und sich an das Leben kaum mehr erinnern kann, möge jeder die Osterglocken hören“

Die ersten drei „Stationen“ gehören zur allgemein-menschlichen Erfahrung. Das Scheitern an den eigenen Ansprüchen. Großmäulig verkündet Petrus, selbst wenn alle Jesus verraten würden, er selbst sei bereit, für ihn bis in den Tod zu gehen. An guten Ideen und Werten fehlt es meistens nicht. Genau so die Szene vor Pilatus. Brutale Macht gewinnt über die gefesselte Wahrheit. Unerträglich, diese Vorstellung, doch auch genau so läuft es unter uns Menschen. Am Ende gar die Hinrichtung und danach das bloße Verstummen.

Den ganzen langen Karsamstag lang tut sich nichts. Totaler Stillstand. Tiefste Depression. Ausweglosigkeit. Gott ist tot, so könnte man zumindest an diesem Tag Nietzsche Recht geben. Mitten in diese Unerträglichkeit hinein dämmert der Ostermorgen. Auch diese Szene verläuft weniger triumphal, als man meinen könnte: Furcht und Staunen, Unglauben und Es-Nicht-Fassen-Können vermischen sich. Sollte das Leben tatsächlich gesiegt haben, sollte das Gräberfeld bei Golgotha sich in einen Ort der Auferstehung verwandeln?

Zur Heilung muss man dem Unerträglichen erst mal ins Auge sehen

Genau das ist die Botschaft von Ostern. Jesus lebt, das Grab ist leer, nach dem Tod kommt die Auferstehung. Und während Verrat, Hinrichtung und Ausweglosigkeit zutiefst menschliche Erfahrungen sind, schreit Ostern in unsere Ohren: all das hat nicht das letzte Wort. Es gibt mehr, es gibt etwas darüber hinaus. Möge jeder, der einmal an seinen eigenen Idealen gescheitert ist, jeder, der einmal verraten wurde, jeder, der einmal miterleben musste, wie die Wahrheit mit Füßen getreten wird, jeder, der festhängt in seinem Karsamstag und sich an das Leben kaum mehr erinnern kann, möge jeder die Osterglocken hören. Bei näherer Betrachtung unerträglich wie eine Operation am Auge ist Ostern doch genau das. Eine Heilung des Sehvermögens, auch wenn man dafür dem Unerträglichen erst einmal ins Auge blicken muss.

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