Kaisergedenken

„Nicht aufgeben“

Am 1. April jährte sich der Todestag von Kaiser Karl von Österreich zum 100. mal – Auch in Wien fand eine Gedenkveranstaltung statt
Fesch und fromm: Kaiser Karl I. von Österreich
Foto: Wikimedia Commons | Fesch und fromm: Kaiser Karl I. von Österreich. Gemalt von Theodor Mayerhofer, 1917.

In zahlreichen Veranstaltungen wurde an verschiedenen Orten Europas des 100. Todestages des seligen Kaiser Karl gedacht. Der letzte regierende österreichische Kaiser verstarb am 1. April 1922 im Exil in Madeira. Die Kaiser Karl Gebetsliga organisierte eine Pilgerfahrt über Fatima nach Madeira, an der auch ein großer Teil der Familie Habsburg, mit Karl von Habsburg, dem Chef des Hauses Österreich, an der Spitze, teilnahm. In München organisierten die Sudentendeutsche Landsmannschaft und die Paneuropa-Union Deutschland einen Gottesdienst, der vom Apostolischen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterović, und dem Exarch für die katholischen Ukrainer des byzantinischen Ritus, Bischof Bohdan Dzyurakh, zelebriert wurde. In der Messe wurde besonders für den Frieden in der Ukraine gebetet. In Olmütz veranstaltete die Theologische Fakultät der dortigen Universität ein Symposion, das Leben und Wirken des seligen Kaisers beleuchtete. In der Kathedrale der Stadt wurde eine Reliquie eingesetzt.

Der St. Georgs-Orden, ein europäischer Orden des Hauses Habsburg-Lothringen, lud gemeinsam mit der Paneuropabewegung Österreich und den Katholisch Österreichischen Landmannschaften zu einer Gedenkveranstaltung in Wien. Der Abt des Stiftes Lilienfeld, Pius Maurer, zelebrierte dabei die Votivmesse in der Salesianerinnenkirche. Das Kloster der Salesianerinnen in Wien geht auf eine Stiftung von Kaiserin Wilhelmine Amalia, der Witwe von Kaiser Josef I., im Jahr 1717 zurück. In der Predigt würdigte der Abt das Leben des Seligen mit dem Vergleich aus dem Evangelium, in dem das Beispiel mit dem Haus, das auf einem Fels gebaut ist, genannt wurde. So konnte Kaiser Karl den Willen Gottes treu erfüllen und für Gerechtigkeit und Friede eintreten.

„Während in Deutschland der Nationalismus betont wurde
und das Land auf der deutschen Nation beruhte,
war Österreich ein Vielvölkerstaat,
der sich aus der Vereinigung dieser Völker unter der Krone erklärte,
und der letztlich dann am Nationalismus zerbrach“

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Der Abt erzählte auch eine Geschichte, die sich bei einem Besuch des damals noch jugendlichen Erzherzogs in Ödenburg (Sopron) zutrug. Die Ordensschwester Vinzenca sagte damals voraus: „Er wird ein besonderer Angriffspunkt der Hölle sein.“ Der Gedanke wurde in den an die Messe anschließenden Vorträgen auch von dem Wiener Historiker Lothar Höbelt aufgegriffen. Er verwies auf die Verleumdungen und die Häme, denen der Kaiser während seiner Regentschaft und auch noch danach ausgesetzt war. Aber, so meinte Höbelt, das mache die historische Persönlichkeit aus, eben weil der Kaiser auch umstritten und angefeindet war.

In vier kurzen Vorträgen wurde nach der Votivmesse die Persönlichkeit des Seligen beleuchtet. Sein christlicher Glaube wurde dabei ebenso betont wie seine Politik, die in vielen Fällen für die heutige Zeit beispielhaft ist. So meinte Vinzenz Stimpfl-Abele, der Prokurator des St. Georgs-Ordens, dass der Glaube für den Kaiser nicht nur Stütze und Orientierung war, sondern vor allem Antrieb. Das zeigte sich in den Friedensbemühungen, und auch in neuen Einrichtungen wie einem Sozialministerium oder einem Gesundheitsministerium. Für die heutige Zeit, in der meist Prinzipienlosigkeit vorherrsche, sei der selige Karl ein Vorbild, weil er in einer schier ausweglosen Situation für Prinzipien gestanden sei.

Er wurde verleumdet, wie auch Christus

In Anspielung auf den derzeitigen Krieg Russlands gegen die Ukraine zitierte Stimpfl-Abele Kaiser Karl mit den Worten: „Die Welt ist groß genug, dass sich die Völker darin vertragen können.“

Die Theologin Katharina Deifel betonte die Ausstrahlung, die vom Christentum ausgeht und die auch bei Kaiser Karl fühlbar war. Er wurde verleumdet, wie auch Jesus verleumdet wurde. Durch den Glauben aber war er in Gott verwurzelt und konnte so die Kraft aufbringen, um all das zu ertragen. Als Kaiser hat der selige Karl nicht abgedankt, weil er sich – im Gegensatz zu anderen Monarchen – nicht aus materiellen Gründen der Verantwortung entziehen wollte. In der damaligen Zeit war er der einzige Regierungschef, der die Friedensinitiativen von Papst Benedikt XV. unterstützte. Gescheitert ist der Kaiser letztlich an den Kriegstreibern.

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Verantwortung vor Gott

Die langjährige Pressesprecherin von Otto von Habsburg und Autorin von zwei Büchern über Kaiser Karl, Eva Demmerle, begann ihren Vortrag mit einem Zitat des Kaisers. „Das kann kein Mensch länger vor Gott verantworten“, sagte der Monarch nach einem Front-Besuch. Das Zitat sollte die christliche Fundierung des Kaisers in Kombination mit der daraus erwachsenden politischen Verantwortung erläutern. Der letzte regierende österreichische Kaiser war der Einzige der damaligen Regierungschefs, der selber Fronterfahrung hatte, der also die Grausamkeit des Krieges kannte, und der auch deshalb nach dem Frieden suchte.

In vielen Fragen bewies der Monarch mehr Realitätssinn als die deutschen Verbündeten, die bis zuletzt an einen „Siegfrieden“ glaubten. So warnte Karl vor dem unbeschränkten U-Boot Krieg, der die Vereinigten Staaten von Amerika in den Krieg hineinziehen müsste. Auch den Transport Lenins nach Russland, um dort eine Revolution zu entfachen und so die Ostfront zu entlasten, lehnte er ab, weil er die Folgen einer Machtübernahme der Kommunisten erkannte.

Vielvölkerstaat Österreich, vereint unter einer Krone

Das Bündnis zwischen Deutschland und Österreich bezeichnete Eva Demmerle als Paradoxon. Zwar sei es aus der Geschichte erklärbar, aber die Gegensätze wurden immer deutlicher. Während in Deutschland der Nationalismus betont wurde und das Land auf der deutschen Nation beruhte, war Österreich ein Vielvölkerstaat, der sich aus der Vereinigung dieser Völker unter der Krone erklärte, und der letztlich dann am Nationalismus zerbrach. Mit der Zerstörung des Donauraumes als politische Einheit wurde in der Mitte Europas ein geopolitisches Vakuum geschaffen, das einerseits den Aufstieg Hitlers ermöglichte und auf der anderen Seite die Ausdehnung der Sowjetunion erlaubte.

Erst nach 1945 wurden mit der beginnenden europäischen Einigung daraus die Lehren gezogen. Es waren damals übrigens allesamt christliche Politiker, die das Projekt der europäischen Einigung in Gang brachten.

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Deutsche Hegemoniebestrebungen

Der Nationalismus spielte auch bei Konzepten wie dem Naumann-Konzept von Mitteleuropa eine wichtige Rolle. Im Gegensatz zur österreichischen Idee beruhte das Naumann-Konzept auf der Idee einer Hegemonie Deutschlands im mitteleuropäischen Raum. In Anspielung auf den aktuellen Krieg Russlands gegen die Ukraine meinte Demmerle, dass diese Hegemoniebestrebungen heute immer noch ihren Schrecken verbreiten. Dem entgegen steht ein Konzept Europas, das auf Freiheit und Selbstbestimmung beruht. Otto von Habsburg, der älteste Sohn des seligen Kaisers, hatte mit seinem Paneuropa-Engagement das Erbe der Habsburger-Monarchie in die neue Zeit übersetzt.

Der Frage, was vom Erbe Kaiser Karls bleibt, ging der schon zitierte Historiker Lothar Höbelt nach. „Nicht aufgeben“, nannte er als einen Punkt, für den Kaiser Karl steht. Höbelt bezog das auf die Restaurationsversuche in Ungarn. Die Berufung zur Politik nannte er als ein zweites Beispiel. Nach wie vor sind Habsburger in der europäischen Politik in verschiedenen Gebieten aktiv. Ebenso eine Anspielung auf die aktuellen Ereignisse im Osten Europas war der Verweis auf die Unabhängigkeit der Ukraine, die mit Kaiser Karl verbunden ist. Bezogen auf die europäische Einigung sprach Höbelt vom Konzept eines multilateralen Europa, das man heute als politische Erbe des seligen Kaisers sehen müsse. Nicht die Hegemonie sollte das Beispiel sein, sondern die Vereinigung der Nationen.

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