Gottesbeweis

Neue alte Wege zu Gott beschreiten

Vom Atheismus zum Glauben: Wie der katholische Philosoph Edward Feser die Gottesbeweise der Tradition wiederbelebt.
Alpha und Omega
Foto: IMAGO / Future Image

Der Mensch kann gar nicht anders, als über Gott nachzudenken. Das kann selbst von denen, bei denen dieses Nachdenken in der Leugnung Gottes mündet, nicht ernsthaft angezweifelt werden. Strittig ist dagegen, was bei der geistigen Beschäftigung mit Gott herauskommt. Was vermag die Vernunft überhaupt auszurichten, wenn es um die Erkenntnis Gottes geht?

Dass Gott uns in der überreichen Fülle seines Wesens in dieser Welt stets ein Geheimnis bleiben muss, ist Konsens unter den großen Denkern des Abendlandes. Anders sieht es dagegen bei der grundlegendsten aller Fragen über Gott aus, nämlich ob wir Seine Existenz durch gründliches Nachdenken auf allgemeinverbindliche Art und Weise beweisen können.

Kerngeschäft der Philosophie

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Gottesbeweise gehörten über Jahrhunderte zum Kerngeschäft der Philosophie, bis der von Moses Mendelssohn treffend als „Alleszermalmer“ apostrophierte Immanuel Kant sich in seiner Kritik der reinen Vernunft von 1781 daran machte, allen Beweisversuchen den argumentativen Boden unter Füßen wegzuziehen. Um über die Existenz einer Sache eine sinnvolle Aussagen treffen zu können, bedürfe es, so Kant, stets eines Zusammenspiels unseres Verstandes mit der Sinnlichkeit. Über die Existenz eines transzendenten Gottes – der sich unserer Sinnlichkeit entzieht – könne daher grundsätzlich keine Erkenntnis gewonnen werden.

Nachdem es längere Zeit so aussah, als hätte die akademische Philosophie die Fundamentalkritik Kants an den Gottesbeweisen vollumfänglich akzeptiert, erlebt der Versuch, die Existenz Gottes mit den Mitteln der Vernunft nachzuweisen, in den letzten Jahren eine regelrechte Renaissance. Eine der interessantesten Stimmen im Chor der zeitgenössischen Theisten ist der am Pasadena City College in Kalifornien lehrende Philosoph Edward Feser, der zudem als einer der bedeutendsten Neuthomisten der Gegenwart gilt.

„So verschieden die Startpunkte und die von ihnen ausgehenden Wege auch sind,
am Ende führen doch alle zum selben Ziel,
nämlich zur Erkenntnis einer letzten, notwendigerweise existierenden Ursache,
die einfach, unveränderlich, ewig, immateriell, makellos, allmächtig,
vollkommen gut, intelligent und allwissend ist“

In den USA ist Feser, der auch einen vielgelesenen Blog betreibt, inzwischen über die engen Grenzen der akademischen Philosophie hinaus bekannt. Dafür dürfte insbesondere seine scharfe Kritik am „New Atheism“ und dessen bekanntestem Vertreter, dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins, gesorgt haben.

Zur Wiederbelebung der philosophischen Gottesbeweise hat Feser mit seinem Buch „Fünf Gottesbeweise“ (Editiones Scholasticae, 2018) maßgeblich beigetragen. Auf den ersten Blick könnte man vielleicht den Eindruck bekommen, es handle sich um ein rein philosophiehistorisches Werk, das die Gottesbeweise von Aristoteles, Plotin, Augustinus, Thomas von Aquin und Gottfried Wilhelm Leibniz wiedergibt. Aber dieser Eindruck täuscht. Denn was Feser leistet, ist eine außergewöhnliche Synthese aus kenntnisreichem Rückbezug auf die Tradition einerseits und eigenständigem, systematischem Denken andererseits. Nicht um buchstabengenaue Exegese geht es Feser, sondern darum, die Beweisideen, die sich bei den genannten Geistesgiganten finden lassen, in ein neues, möglichst klares, zugängliches und argumentativ schlüssiges Gewand zu kleiden.

Gottesbeweise sind rational und emotional gerechtfertigt

Der Ausgangspunkt der von Feser nachgezeichneten Wege zu Gott ist stets ein anderer: Mit Aristoteles beginnen wir bei der simplen Tatsache, dass es Veränderung gibt und schreiten im Denken fort zu der einen, unveränderlichen Ursache, in der alle Veränderung letztlich gründen muss. Mit Plotin setzen wir an beim Unterschied zwischen Zusammengesetztem und Einfachem und enden bei der Einsicht, dass es ein absolut Einfaches geben muss, das die letzte Ursache aller Zusammensetzung ist. Mit dem heiligen Augustinus starten wir bei der Beobachtung, dass es neben konkreten Dingen wie dieser schwarzen Tinte auch abstrakte Dinge wie die Schwärze gibt und landen schließlich bei der Erkenntnis, dass das Abstrakte in einem göttlichen Intellekt beheimatet sein muss.

Apologetische Munition im „Gefecht“ mit Atheisten

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Mit dem heiligen Thomas fangen wir bei der Differenz zwischen dem Was-Sein einer Sache (seiner Essenz) und seinem Dass-Sein (seiner Existenz) an und begreifen zum Schluss, dass es ein Wesen geben muss, in dem Essenz und Existenz zusammenfallen, das also mit anderen Worten nichts anderes ist als pure Existenz und das zugleich die Ursache für die Existenz von allem anderen ist. Schließlich gehen wir mit Leibniz vom Prinzip des zureichenden Grundes aus, dem zufolge es für alles eine Erklärung gibt, und sehen am Ende, dass es ein notwendiges Wesen geben muss, in dem alles Kontingente seine Erklärung findet. So verschieden die Startpunkte und die von ihnen ausgehenden Wege auch sind, am Ende führen doch alle zum selben Ziel, nämlich zur Erkenntnis einer letzten, notwendigerweise existierenden Ursache, die einfach, unveränderlich, ewig, immateriell, makellos, allmächtig, vollkommen gut, intelligent und allwissend ist – sprich: zur Erkenntnis, dass Gott existiert.

Fesers „Fünf Gottesbeweise“ sind auch als apologetische Munition im Gefecht mit Atheisten von großem Wert. Wer schon mal eine Diskussion mit einem sich selbst für gebildet haltenden Gottesleugner erlebt hat, der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit die kecke rhetorische Frage gehört haben: Wenn alles eine Ursache braucht und Gott die Ursache von allem sein soll, was ist dann die Ursache von Gott? Von Feser kann man lernen, dass kein einziger Beweis der Tradition je die These aufgestellt hat, dass alles eine Ursache habe. Der vermeintlich scharfsinnige Konter des Atheisten geht daher völlig fehl. Gott ist die notwendigerweise existierende Ursache, die selbst keiner Ursache bedarf. Gottes Existenz hat, wenn auch keine Ursache, so doch eine Erklärung: Sie erklärt sich selbst. Anders als Selbstverursachung ist Selbsterklärung nämlich durchaus möglich. Wer begriffen hat, dass Gott reine Existenz ist, der wird die Frage, was die Ursache für Gottes Existenz sei, als unsinnig erkennen.

Eine Widerlegung der These von der kalten Vernunft

Schon ein Jahrhundert vor Kant hatte Blaise Pascal in seinen Pensées Zweifel an den „metaphysischen Gottesbeweisen“ geäußert. Neben erkenntnistheoretischen Bedenken hegte Pascal, der selbst tiefgläubiger Katholik war, insbesondere Zweifel an ihrer motivationalen Kraft. Diese Beweise „liegen“, so Pascal, „dem menschlichen Denken so fern und sind so verwickelt, dass sie kaum zu Herzen gehen.“ Fesers eigene Biographie kann als Widerlegung dieser These von der kalten Vernunft angesehen werden. Laut eigener Aussage begann Fesers Abkehr vom Atheismus und seine Rückwendung zum Glauben, als er als junger Dozent Seminare über die großen Gottesbeweise hielt und dabei bemerkte, dass die Standardeinwände und Vorurteile, die er während seines Studiums gehört hatte, sich bei genauerer Betrachtung in den meisten Fällen als haltlos erwiesen.

Selbstverständlich ist der Glaube immer ein Gnadengeschenk Gottes und nicht durch Nachdenken zu erzwingen. Aber wie Fesers Werk und Vita zeigen, kann die Philosophie durchaus helfen, die argumentativen Mauern abzureißen, mit denen die Menschen im Namen der Vernunft Gott aus ihrem Herzen aussperren.

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