Feuilleton

Nationalheld und Kirchenbekämpfer

Kennen muss man Otto von Bismarck. Ob man ihn als Katholik auch mögen muss, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Aggressiv und wirr war der Kurs des Eisernen Kanzlers gegenüber der Kirche und dem Katholizismus. Ausgerechnet dadurch half er den Katholiken aber auch, ein eigenes, starkes Milieu zu bilden. Eine kritische Würdigung zum 200. Geburtstag. Von Michael F. Feldkamp
Miniatur-Denkmal Otto von Bismarcks
Foto: dpa | Kleiner Mann – ganz groß? Miniatur-Denkmal Otto von Bismarcks.

Vor 200 Jahren, am 1. April 1815, wurde Otto Graf von Bismarck in Schönhausen bei Stendal geboren. Mit seinem Namen verbinden sich die deutsche Reichseinigung von 1871, eine erfolgreiche Außenpolitik, die Schaffung eines modernen Verwaltungsstaats und eine fortschrittliche Sozialpolitik. Er hat in der deutschen und europäischen Geschichte tiefe Spuren hinterlassen. Altruismus war es nicht, der Bismarck diese Taten hat vollbringen lassen. Vielmehr war seine Motivation ein wie auch immer gearteter Instinkt zu Machterwerb und -erhalt; und so erschien Bismarck zeitlebens als ein skrupelloser Bündnispartner, dessen Kriege auf dem Wege zur Reichseinigung manchem Pazifisten noch heute als unnötig erscheinen, weil doch ständig enge diplomatische Beziehungen mit den Kriegsgegnern unterhalten worden waren.

Und auch in anderen Bereichen vermag die Geschichtswissenschaft seit längerem nüchtern und frei von Pathos Leistungen und Versagen Bismarcks klar zu benennen und neu zu bewerten.

Der Ertrag der Geschichtsforschungen geht wie so oft auch hier an der interessierten Öffentlichkeit vorbei. Ihr Bismarckbild ist längst durch seine frühzeitige Stilisierung zum Nationalhelden grundgelegt worden und bedurfte scheinbar noch nicht einmal nach dem formalen Akt der Aufhebung Preußens am 25. Februar 1947 einer größeren Korrektur.

Schon in den letzten Jahren seines Lebens und vor allem losgetreten durch seine Entlassung am 20. März 1890 durch Kaiser Wilhelm II. wurde er zur Reichsikone stilisiert. Wolfgang Hardtwig sprach von „Denkmalswut“ und meinte damit die vielen Denkmäler, Türme und nicht zuletzt Straßen und Alleen in allen Regionen Deutschlands, die Bismarcks Namen tragen. Für das deutsche Bürgertum konstatierte Paul Liman 1904 im Blick auf ein erbärmliches Versagen von Bismarcks Nachfolger Leo Graf von Caprivi: „Die Freudigkeit der Arbeit entschwand, selbst die Freudigkeit am Reich drohte zu versiegen.“ Bismarck hätte wohl nie einen würdigen Nachfolger finden können.

Während Bismarcks Ansehen in der deutschen Bevölkerung zu Lebzeiten stetig anstieg, setzte immerhin der deutsche Reichstag im Vorfeld zu seinem 80. Geburtstag am 1. April 1895 ein unmissverständliches Signal. Mit den Stimmen von Linksliberalen, Zentrum, Sozialisten und den Vertretern der Polen, Welfen und Elsässer scheiterte der Antrag auf eine gemeinsame Grußbotschaft an den Reichsgründer. Während die Massen längst dem Bismarck-Mythos verfallen waren und ihn selbst zur Kultfigur erhoben hatten, war das breite liberal-bürgerliche und sozialistische Lager unter den Parlamentariern nicht bereit zu vergessen, dass sie – wie eigentlich der gesamte Reichstag – von Bismarck stets als Reichsfeinde betrachtet worden waren.

Selbstverständlich blieb die Entrüstung weit über die monarchischen Kreise hinaus nicht aus. Die Geburtstagsfeiern für Bismarck nahmen in der Öffentlichkeit zugleich den Status anti-parlamentarischer Kundgebungen an. Selten war in der deutschen Geschichte bis heute die Diskrepanz zwischen parlamentarischer Vertretung und der Öffentlichkeit größer als am 1. April 1895. Sogar Kaiser Wilhelm II. suchte aus dieser Affäre für sich Kapital zu schlagen und besuchte wenige Tage später demonstrativ den auch von ihm ungeliebten Reichstag. Dennoch schadete dieser Beschluss langfristig gesehen wenigstens dem Reichstag nicht, der weiter daran arbeitete, seine Machtposition gegenüber dem Kaiser und der Reichsregierung auszubauen, die ihn umgekehrt naturgemäß beide als Intimfeinde verabscheuten.

Dass Bismarck glaubte, unmittelbar nach Reichsgründung auch einen innerstaatlichen Krieg führen zu müssen, scheint besonders bemerkenswert. Statt die Gegner der Reichseinigung, die Sozialisten, die Katholiken, die Elsässer, Lothringer, Dänen und Polen, als Minderheiten in den neuen Staat zu integrieren, schloss Bismarck diese kurzerhand aus und entzog ihnen auch noch liebgewonnene bürgerliche Rechte. Er glaubte, sich auf deren eingeforderte Treue zu Kaiser und Reich nicht verlassen zu können. Reichsfeind Nummer Eins war zweifelsohne das 1870 begründete Zentrum, das politisch die Interessen der katholischen Bevölkerung vertrat. Obwohl die Katholiken eine Minderheit waren, war die Zentrumspartei die einzige Partei im Reichstag, deren Wählerschaft wie auch Repräsentanten in den Kommunen, Ländern und im Reichstag, alle Bevölkerungsschichten umfasste. Eine einheitliche Kampfstrategie konnte gegen diesen Reichsfeind nicht entwickelt werden. Es reichte nicht aus, die Katholiken gemeinsam mit ihrem Papst als einen antiliberalen und weltfremden Hort der Reaktion auszugeben. Auch Bismarcks Ängste vor einer „gigantischen internationalen Verschwörung“, angeführt von einer „katholischen Revanche-Koalition“ und seine Furcht vor einer strategischen Einkreisung Deutschlands durch katholische Mächte klingt mehr als merkwürdig. Bismarck hätte wissen müssen, dass das Papsttum seit dem westfälischen Friedensvertrag von 1648 sich aus dem Konzert der europäischen Mächte verabschiedet hatte und erst recht seit den Demütigungen durch Napoleon im 19. Jahrhundert keine weltliche Macht zu einer Mobilmachung gegen Deutschland hatte. Spätestens aber mit dem Siebenjährigen Krieg hatte sich Europa vom Religionskrieg verabschiedet. Was waren das also für Hirngespinste, denen Bismarck sich hier hingab?

Die eigentliche Waffe des Katholizismus war der Glaube gewesen, aus dem heraus die katholische Soziallehre entwickelt worden war. Er wurde überzeugend von Parlamentariern vertreten, darunter Georg Graf von Hertling oder Franz Hitze, und vor allem Ludwig Windthorst. Blitzgescheit und kleinwüchsig an Gestalt war er „Bismarcks kleiner große Gegner“ (Wilhelm Spael). Tatsächlich gehen jüngere Forschungen auch davon aus, dass ihm der „parlamentarische Katholizismus“ (so Bismarck) gefährlich werden würde. Den galt es aus Bismarcks Sicht zu bekämpfen.

Ausgang des Kulturkampfes – dessen Begriff 1858 Ferdinand Lassalle geprägt hatte und den Rudolf Virchow am 17. Januar 1873 im Kontext der Auseinandersetzungen zwischen Bismarck und dem beginnenden politischen Katholizismus einbrachte – waren zwei parlamentarische Debatten:

Noch in seiner Thronrede 1867 hatte der preußische König und spätere Kaiser Wilhelm I. formuliert: „Das Bestreben meiner Regierung wird darauf gerichtet sein, den Ansprüchen meiner katholischen Untertanen auf meine Fürsorge für die Unabhängigkeit ihres Oberhauptes gerecht zu werden.“ Auf diesen Passus beriefen sich engagierte katholische Zentrumsanhänger am 8. Februar 1871 bei Kaiser Wilhelm I., um diesen für ein Engagement zum Schutz des Papstes und Erhalt des Kirchenstaates zu gewinnen, welcher nach ihrem Verständnis „Eigentum der gesamten Christenheit“ sei und im Kontext der italienischen Einigungsbewegung dem Untergang geweiht war. Der Appell blieb formal unbeantwortet. Aber Bismarck empfand den Zusammenschluss der Katholiken „als eine der ungeheuerlichen Erscheinungen auf politischem Gebiete“. Darüber hinaus wertete er gerade diese Aktion als einen Eingriff in seine Domäne, die Außenpolitik. Schließlich nahm der Kaiser in seiner Thronrede zur Eröffnung des Reichstags vom 21. März 1871 dann doch noch Stellung zu dem Unterfangen der Zentrumspartei: „Die Achtung, welche Deutschland für seine eigene Selbstständigkeit in Anspruch nimmt, zollt es bereitwillig der Unabhängigkeit aller anderen Staaten und Völker, der schwachen wie der starken.“ Wegen des Papstes wollte sich der Kaiser also mit dem jungen italienischen Reich nicht überwerfen. Das Zentrum sollte ja nicht noch einmal versuchen, für den Papst beim Kaiser zu appellieren.

Die zweite parlamentarische Auseinandersetzung ging um den Zentrums-Antrag auf ein Grundrecht der Freiheit des religiösen Bekenntnisses und die Selbstständigkeit der Religionsgenossenschaften. So wie er in der Preußischen Verfassung bestanden hatte, wurde sie für die Reichsverfassung abgelehnt. Insbesondere die Abgeordneten der protestantischen süddeutschen Länder, in denen staatskirchenähnliche Zustände herrschten, standen in Gegnerschaft zum Zentrum. Dieses durfte sich bloß nicht als dauerhafte politische Kraft etablieren. Es war unübersehbar – so Ludwig Windthorst ernüchtert –, „dass in dem neuen deutschen Reich die Lebensinteressen der katholischen Bevölkerung unberücksichtigt bleiben“ würden.

Auch Bismarck selbst reagierte: Mitte 1871 löste die preußische Regierung, die seit 30 Jahren bestehende katholische Abteilung im Kultusministerium auf. Wenige Monate später wurde der Kanzelparagraph in das Reichsstrafgesetzbuch eingefügt. Damit drohte einem Geistlichen die Haftstrafe, wenn er sich politisch äußerte. 1872 wurden durch das Jesuitengesetz die Jesuiten und „verwandte“ Orden aus dem Reich ausgewiesen. Darüber hinaus konnten willkürlich ausländische Angehörige anderer Orden ausgewiesen werden und Deutsche zu Aufenthalten an bestimmten Orten polizeilich angewiesen werden. Schließlich war das letzte Kulturkampfgesetz auf Reichsebene die Einführung der obligatorischen Zivilehe 1875; das Gesetz bestand bis Ende 2008 fort.

Alleine in Preußen, wo Bismarck von 1862 bis 1890 – mit einer kurzen Unterbrechung im Jahr 1873 – Ministerpräsident war, kamen nach Abschaffung der Verfassungsgarantien von 1850, die „Maigesetze“ des Kultusministers Adalbert Falk, aus dem Jahre 1873 hinzu, mit denen die Kirche der Staatsaufsicht unterstellt wurde. Der Staat hatte fortan seine Zustimmung bei der Verleihung geistlicher Ämter zu erteilen. Dem Staat war es gelungen, den Katholiken durch Verfolgung und Ausgrenzung ihre bürgerlichen Rechte auf Versammlungs-, Meinungs- sowie Religionsfreiheit erheblich einzuschränken. Auch in manchen anderen deutschen Ländern gab es Kulturkampfgesetze. Aber mit seinem vielzitierten Ausspruch vom 14. Mai 1872, „Nach Canossa gehen wir nicht – weder körperlich noch geistig!“ erhob Bismarck seinen Kirchenkampf zu einer „Angelegenheit der nationalen Ehre“ (Volker Ullrich).

Die Formulierungen und politischen Aussagen Bismarcks über die katholische Kirche waren auch nach der formalen Beilegung des Kulturkampfes 1878 stets wirr geblieben. Sie zeugten von großer Ignoranz und Borniertheit und trugen die tragischen Züge einer Verschwörungstheorie. Rudolf Morsey (2000) hat sich ähnlich, wenn auch etwas vornehmer ausgedrückt, wenn er über das Kapitel „Culturkampf“ in Bismarcks Erinnerungen urteilt, es sei „eine Mischung aus subjektiver Darstellung, Missverstehen(wollen), Anklage und Rechthaberei“.

Nach dem Trauma des Kulturkampfes versöhnte sich der katholische Klerus erst langsam mit dem kleindeutschen Nationalstaat. Um 1900, nach dem Sieg des Ultramontanismus sowie der Ausgrenzung der liberalen Katholiken während des Kulturkampfes, präsentierte sich die katholische Kirche Deutschlands in einer nie wieder dagewesenen inneren Geschlossenheit. Statt die Katholiken auseinanderzutreiben, führte Bismarck sie in ein eigenes „katholisches Milieu“, das erst seit den 1970er Jahren zu bröseln anfing; zweifelsohne ein deutsches Phänomen, das für die Bismarckzeit manche Gemeinsamkeiten mit modernen „Parallelgesellschaften“ aufzeigte. Schon auf dem Katholikentag in Krefeld im August 1898, knapp vier Wochen nach Bismarcks Tod, wurde konstatiert, dass er durch seine Politik dem Zentrum ungewollt zu „seiner heutigen angesehenen Stellung im öffentlichen Leben Deutschlands“ verholfen habe. Immerhin war das Zentrum von 1881 bis 1912 die stärkste politische Kraft im Reichstag gewesen.

Erst mit der Weimarer Reichsverfassung von 1919 fielen die letzten Einschränkungen für das kirchliche Leben der Katholiken. Die deutschen Katholiken konnten ihren Frieden finden, denn Bismarcks Reich war liquidiert. Die Erinnerung an den vor allem in Preußen besonders scharf ausgefallenen Kulturkampf lebte im kollektiven Gedächtnis der Katholiken noch lange fort und erklärt manches Verhalten der Katholiken während des nationalsozialistischen Kirchenkampfes.

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