Ungeschminkt

Das Ende der Kanzlerschaft Merkel kommt zäh

Wo ist eigentlich Angela Merkel? Politische Lebenszeichen von ihr sind selten geworden. Dabei ist der Mythos längst gestrickt.
Angela Merkel
Foto: Christian Mang (Reuters/Pool) | Was macht diese Kanzlerin eigentlich hauptberuflich, fragt sich die Kolumnistin.

Was macht die Kanzlerin eigentlich hauptberuflich, drängte sich mir kürzlich als Frage auf? Schon ein ganzes Weilchen, insbesondere seit dem Afghanistan-Debakel, das sie 16 Jahre lang aus deutscher Perspektive zu verantworten hat, und sogar aktuell in der heißen Wahlkampfphase zur Bundestagswahl 2021 ist die Mutti der Nation auch im Rahmen ihrer Partei wie vom Erdboden verschluckt. Gut, als chronisch leidendes, konservatives CDU-Mitglied schwanke auch ich bei der Einschätzung, ob dies wirklich ein Problem ist, oder nicht vielleicht sogar besser so.

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Man müsste sonst ehrlicher Weise kurz vor Ende ihrer Kanzlerschaft doch noch die Rücktrittsfrage stellen mitsamt der überforderten Verteidigungsministerin und Flammkuchenbäckerin Kramp-Karrenbauer als auch dem SPD-Außenministerimitator Heiko Maas. Das wiederum würde derzeit nur den Grünen nutzen. Das will nun wirklich keiner bei CDU und SPD riskieren.

So halten also alle angesichts der drohenden Bundestagswahl und den nahezu unerklärlichen Beliebtheitswerten eines Olaf Scholz die Füße und die Stimmen still. Der Königsmörder war historisch noch nie beliebt. Und Laschet hat es schließlich schon schwer genug mit sich selbst.

Merkel agiert aus der Deckung

Das letzte echte Lebenszeichen der Kanzlerin in Bild und Farbe vernahm ich indes im Boulevard dank ihres heiteren Auftritts in kanariengelbem Blazer bei einer Berliner Filmpremiere, während zeitgleich Menschen in Kabul nach deutschen Rettungsfliegern Ausschau hielten. Danach durch ihre Forderung, dass ab sofort auch in Bussen und Bahnen nur noch Menschen mit Corona-3G-Zertifikat verkehren sollen dürfen. Für jemanden, der seit 16 Jahren mit gepanzerten Dienstwagen zur Arbeit gebracht wird, natürlich eine wohlfeile Forderung. Aber auch besonders spannend unter dem Aspekt, dass manche Verkehrsverbünde mit großen Hinweisschildern zum Benutzen des öffentlichen Nahverkehrs auffordern, indem sie versichern, dass die Infektionsgefahr hier nachweislich unerheblich sei. Es also keinen sachlichen Grund gibt, Menschen ohne Corona-Impfung den Zugang zu verweigern. Schikane brauchte aber noch nie eine Logik.

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Doch zurück zur Kanzlerin, die bald a.D. sein wird. Vielleicht. Angesichts der zu erwartenden, knappen Wahlergebnisse mit darauffolgenden, wahrscheinlich langwierigen Koalitionsgesprächen erhöht sich gerade die Gefahr, dass sie zur Ewigen Kanzlerin einer Interimsregierung erklärt werden muss, bis sich endlich eine neue Regierung mit wem auch immer an der Spitze zusammengerauft haben wird.

Nicht auszudenken, was da abseits der parlamentarischen Kontrolle innen- und außenpolitisch als auch an den Landesgrenzen noch alles angerichtet werden kann, bevor das Kanzlerinnenamt seine Umzugskartons endgültig packt.

„Nicht auszudenken, was da
abseits der parlamentarischen Kontrolle
innen- und außenpolitisch als auch an den Landesgrenzen
noch alles angerichtet werden kann,
bevor das Kanzlerinnenamt seine Umzugskartons endgültig packt“

Andererseits verweigert das Parlament bereits seit 2015 konsequent die Erfüllung seiner Kontrollfunktion gegenüber der Regierung und zur Verlängerung der Feststellung einer „epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ erschienen nicht einmal alle Abgeordneten der Opposition. Soll man der Frau anlasten, dass das Parlament sich freiwillig selbst entmachtet? Für den Zeitungsmarkt wird eine nicht enden wollende Kanzlerschaft Merkels jedenfalls noch problematisch werden. Die Cover-Storys und Nachrufe sind ja alle jetzt schon im Regal, das kann man nicht endlos strecken oder gar umschreiben. Angela Merkel sei „revolutionär“ gewesen, sie habe „etwas ganz Neues“ gemacht. Politik gelte als Spiel von Intrige, Demütigung und Rache, sie aber habe dabei nicht mitgemacht, ergoss sich gerade unterwürfigst „Die Zeit“ in einer Lobhudelei. Man weiß nicht, Brechreiz oder lieber Fremdschämen für den Kollegen? Ein paar Herren in der CDU hätten zudem sicher noch ein paar Anmerkungen.

Ganz sicher bleibt es jedenfalls eine steile These über eine Frau, die ihre Karriere einst damit begann, dass sie mit Helmut Kohl ihren größten Förderer eiskalt von hinten erledigt hat, um sich selbst an die Spitze zu stellen. Aber keine Frage: Der Mythos um ihr unschätzbares politisches Erbe ist bereits vor dem realen Ende fertig gestrickt.

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