Moral als Erbe der Reformation

„Moderne Flagellanten wollen Abbitte auf moralisch aufgeladenen Inseln“ – Kritik an den Folgen des Luthertums. Von Harm Klueting
Lutherdenkmal Hannover
Foto: dpa | „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“, fragte Luther. Wir haben ihn schon.

Das hier anzuzeigende Buch ist ein Beispiel dafür, dass der „erste Blick“ irren kann: Ein unbekannter Verlag, eine Gliederung, die von allem Üblichen abweicht und von „Marginalien“ statt von Kapiteln spricht, eine befremdliche Diktion – „Transformation von Konfession in ein therapeutisches Setting der Selbstsorge und Selbstvergewisserung“ – und ein Autor, der sich auf dem hinteren Umschlagdeckel vorstellt als „nicht eingebetteter, freier Beobachter, Konzeptioner, Essayist und Philosoph“. Was soll das? Doch dann blättert man in dem Band und stößt an etlichen Stellen auf Zitate von Erik Peterson – Herrmann nennt ihn „einen der besten theologischen Köpfe des 20. Jahrhunderts“ –, jenes ursprünglich evangelischen Theologieprofessors in Bonn und nach seiner 1930 erfolgten Konversion seit 1937 katholischen Theologieprofessors in Rom, den auch Papst Benedikt XVI. in seinen Schriften häufig erwähnt und der für den Theologen Joseph Ratzinger von inspirierender Bedeutung war.

Nimmt man Peterson als Gütesiegel und liest man dann das Buch von der ersten bis zur letzten Seite, so zeigt sich nicht nur die philosophische, sondern vor allem auch die hohe theologische und kirchengeschichtliche Bildung des Verfassers und seine hervorragende Kenntnis der Forschungsliteratur. Sein Luther- und sein Reformationsbild – die Reformation keine Zeitenwende, kein Epochenbruch, sondern in der Kontinuität zwischen Mittelalter und Neuzeit, auch nicht das Ereignis, mit dem „die aufgeklärte Vernunft das Licht der Welt erblickte“; die evangelische Kirche mitnichten die „Kirche der Freiheit“, wie der Cantus firmus der Luther-Dekade lautete – weckt Zustimmung und liegt auf der Linie der aktuellen Forschung auch evangelischer Kirchenhistoriker. Dabei leugnet Herrmann seinen katholischen Hintergrund nicht, argumentiert aber stark von einer ostkirchlichen Perspektive aus, die er zur „Wundbehandlung der lateinischen Kirchenspaltung“ und somit zur ökumenischen Verständigung von Katholiken und Protestanten empfiehlt und „bischöflichem Tempelberg-Tourismus und ökumenischen Konsens-Papieren ,von oben‘ oder Stuhlkreisen und Gesundbeten ,von unten‘“ vorzieht. Zum Beispiel Luthers Rechtfertigungslehre „sola gratia et sola fide“ – für Herrmann eine „verabsolutierend enggeführte Paulusrezeption“, die alle entgegenstehenden biblischen Befunde „ignorierte, denunzierte oder herabstufte“ und eine „Radikalisierung der augustinischen Gnadenlehre“ – und sein damit verbundenes Erbsündenverständnis: „Auf seine Heilsangst mit der zentralen Frage: ,Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?‘ wäre die orthodoxe Antwort immer gewesen: ,Warum diese (beinahe blasphemische) Frage? Du hast ihn doch!‘“ Er zitiert hier den 2013 gestorbenen Niederaltaicher Benediktiner Irenäus Totzke und denkt an die orthodoxe Theosis-Lehre der Vergöttlichung des Menschen durch Gott anstelle des protestantischen Erbsündenbewusstseins.

Herrmann führt den Briefwechsel des damals noch evangelischen Erik Peterson mit dem in der Zeit vor Karl Barth alle anderen an Geltung überragenden evangelischen Theologen Adolf von Harnack an, in dem Peterson die evangelische Kirche als Kirche ohne Dogma charakterisiert, der „nur die Unverbindlichkeit einer allgemeinen moralischen Paränese“ oder moralischen Ermahnung übrig bleibe. In diesem Sinne konstatiert er: „Das Erbe der Reformation ist Moral“, um hier gleichzeitig den protestantischen Widerspruch zu verorten: „obwohl sich Luther ja eigentlich aller Moral (der guten Werke) entledigen wollte“. Er diagnostiziert im Protestantismus und in dem bis weit in die katholische Kirche hin-ein kulturell protestantisch geprägten Deutschland – „Wir alle in Deutschland sind Menschen mit Reformationshintergrund; sind, ob protestantisch oder katholisch, gläubig oder ungläubig, angesteckt und infiziert mit Luthers Rechtfertigungslehre“ – eine „deutsche Behaglichkeit in der Schuldkultur“ und sieht hier auch die Grundlage und das Wesenselement der „deutschen Erinnerungskultur“, die er als „reformatorisches Rechtfertigungsgeschehen ohne Gott“ erklärt: „Die Möglichkeit der luziden Selbstrechtfertigung durch hypermoralistische Bußfertigkeit, durch ,Sündenstolz‘ bis hin zum Selbsthass“.
Er zieht den Vergleich mit dem trotz aller atheistischen Tradition im Kern immer noch katholischen Frankreich und der ganz anderen „französischen Zivilisation der Erinnerung“ – anders, „weil das Revolutionspathos in der Binnenperspektive durch das Wissen um ,la grande terreur‘ ermäßigt, zivilisiert, abgeblendet wird und auf diese Weise eine größere Tiefenschärfe entsteht, in der neben ,laicité‘, als ,der‘ Errungenschaft der Revolution von 1789, auch das sehr viel ältere Selbstverständnis Frankreichs in den Blick gerät, seit der Bekehrung Chlodwigs im Jahr 498 die ,älteste Tochter der römischen Kirche‘ zu sein“. Stattdessen in Deutschland: „Die auf den Nationalsozialismus konzentrierte Geschichtserinnerung“ und die „Erhebung des Holocaust zum eigentlich archimedischen Punkt der deutschen Geschichte“. Herrmanns Buch provoziert! Er provoziert Protestanten, Ökumeniker, ökumenisch gesinnte Katholiken. Er provoziert das Holocaustgedenken – „Das ,Großmachen der Sünde‘ ist seit Luther das Kerngeschäft im Land der Reformation als besonders lukrativ bei der Transformation des Holocaust in eine negative Ursprungserzählung, die im Zeichen eines bannen wollenden ,Nie wieder!‘ zu memorieren ist. Es sind moderne Geißler und Flagellanten, die sich an den ,ethisch-moralisch hoch aufgeladenen Inseln‘, den ,authentischen‘ Orten der NS-Verbrechen, einfinden und dort Abbitte leisten.“ Er wird viele auch mit seinen Worten zum Historikerstreit von 1986/87 provozieren: „,Credo in unum Holocaustum‘. Vergleichen verboten! Der Historikerstreit hat sich – in der Rückschau – als eine Art Reformation deutscher Geschichtsbetrachtung erwiesen. Fortan gilt, dass die Berufenen und Befähigten, die Fachhistoriker, ihr Deutungsmonopol über diese Geschichte einbüßen. Der Sieg von Habermas im Historikerstreit war deshalb nicht nur die ,befreiende‘ Selbstinvestitur eines einzelnen Soziologieprofessors zum Historiker – allein durch Glauben: vielmehr wird ein allgemeines Historikersein eines jeden Nichthistorikers postuliert“ – wie das von Luther in seiner Adelsschrift von 1520 postulierte allgemeine Priestersein. Herrmann provoziert auch die deutschen katholischen Bischöfe der Gegenwart – „Es gibt in ihren Reihen niemanden mehr, der das Format der Erzbischöfe Frings und Jaeger hat“ – und einen namentlich genannten Erzbischof ganz besonders. Aber er provoziert so gebildet, auf so hohem intellektuellen Niveau und doch für jedermann verständlich und in vieler Hinsicht Denkanstöße gebend, dass sein Buch gewiss nicht als Provokation abgetan werden darf.

Vielleicht hat Papst Emeritus Benedikt XVI., der mit diesem Urteil um Pfingsten 2018 mancherorts zitiert wurde, Herrmanns Werk ja tatsächlich „ein mutiges Buch“ genannt. Ihm wäre unbedingt zuzustimmen.

Horst G. Herrmann:
Im Moralapostolat. Die Geburt der westlichen Moral aus dem Geist der Reformation.
Manuscriptum Verlagsbuchhandlung Edition Sonderwege, Lüdinghausen/Berlin 2017, 381 Seiten, EUR 22,80

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