Mit Marx unterwegs ins Nirgendwo

Den Kommunismus und die „Oktoberrevolution“ vor 100 Jahren betrachtet man im Westen mit verklärtem Blick. Ein Einspruch. Von Ingo Langner
Kommunismus und die „Oktoberrevolution“

Wer die Geschichte der bolschewistischen Machtergreifung von 1917 erzählt, muss ihre Millionen Opfer in den Mittelpunkt stellen. Ausnahmslos jeder Versuch, den zur Volksrevolution verklärten Putsch einer Handvoll Terroristen aus Ursachen heraus zu erklären, die mit den Worten Friede, Brot, Land verbunden sind, läuft auf eine Relativierung eines der beiden größten Menschheitsverbrechen des 20. Jahrhunderts hinaus. Wer es dennoch tut, geht jener Propaganda auf den Leim, die Verbrecher wie Wladimir Iljitsch Uljanow alias Lenin, Lew Dawidowitsch Bronstein alias Trotzki und Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili alias Stalin in die Welt gesetzt haben. Dies gilt umso mehr, wenn wir die sogenannte Oktoberrevolution aus christlicher Perspektive beurteilen. Dazu nur zwei Beispiele. Im Evangelium nach Matthäus erfahren wir, was Jesus dem Teufel zur Antwort gab, nachdem er in der Wüste vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, Hunger bekam und der Herr der Fliegen ihn so zu provozieren suchte: „Wenn du Gottes Sohn bist, so befiel, dass aus diesen Steinen Brot wird. Er aber antwortete: In der Schrift heißt es: Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.“

Im Johannes-Evangelium lesen wir, wie sich Judas Iskariot darüber beschwert, dass Maria, die Schwester des Lazarus, Jesus die Füße mit kostbarem Nardenöl salbt: „Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?“ Jesus' Antwort darauf ist eindeutig: „Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer bei euch.“

Bereits daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass es Jesus nicht um gesellschaftspolitische Veränderungen gegangen ist. Er war kein Revolutionär. Das ist von Sozialisten und Kommunisten und leider auch von Christen immer wieder behauptet worden. Die von lateinamerikanischen Jesuiten propagierte Befreiungstheologie mit ihrer „Option für die Armen“ ist ein eklatantes Beispiel für diese fatale Verfälschung der Botschaft Christi. Jenseits von Eden hat es immer Arme und Reiche gegeben, und man darf davon ausgehen, dass sich die Armen immer danach gesehnt haben, nicht mehr arm zu sein. Die Ursache für die elementare Wucht, mit der sich nach Christi Opfer, Auferstehung und Himmelfahrt sein Evangelium im Römischen Reich ausbreiten konnte, liegt in dem Versprechen Jesu, der Weg, die Wahrheit und das Leben zu sein. Wer an ihn glaubt, dem verspricht der Sohn Gottes ewiges Leben.

Mit dieser Frohen Botschaft im Herzen haben die Christen solange das irdische Jammertal ertragen, bis ein gewisser Karl Marx (1818–1883) meinte, sie darüber aufklären zu müssen, dass Religion „Opium des Volkes“ sei, und dieser Marx nahm offenbar an, ein zweiter Mose mit der Aufgabe zu sein, die ganze Menschheit in ein nunmehr gottloses Land zu führen. Richtig ist allerdings auch: nicht erst seit dem Kommunistischen Manifest haben Menschen über radikal andere gesellschaftliche Verhältnisse nachgedacht.

Immerhin war es sogar der hl. Thomas Morus (1478–1535) selbst, der das Wort Utopie in Umlauf brachte. Allerdings anders als man heute noch vielerorts denkt. Der englische Staatsmann und Märtyrer der römisch-katholischen Kirche beschreibt zwar in seinem Roman „De optimo rei publicae statu deque nova insula Utopia“ („Vom besten Zustand des Staates oder von der neuen Insel Utopia“) eine ideale Gesellschaft. Doch nur, um seinen Landsleuten ihre eigene Unzulänglichkeiten zu zeigen. Anders als alle jene, die sogar heute noch an der Utopie vom „neuen Menschen“ träumen, liegt Thomas Morus' Utopia nicht in der Zukunft, sondern in einem unerreichbaren Nirgendwo.

Womit wir an einem überaus wichtigen Punkt angelangt sind. Es gilt hier nämlich nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass Karl Marx zusammen mit Friedrich Engels mit ihrer kommunistischen Heilsbotschaft jeder utopischen Schwärmerei eine klare Absage erteilt haben. Engels und Marx waren fest davon überzeugt, das Gesetz der Geschichte entdeckt zu haben. Ihrer Lehre zufolge musste es nach „Sklavenhaltergesellschaft“, „Feudalismus“ und „Kapitalismus“ über die Zwischenetappe „Sozialismus“ gesetzmäßig zum „Kommunismus“ kommen. Wie diese gesellschaftliche Endstufe genau aussehen würde, wagte Marx zwar nicht im Detail auszuführen. Doch immerhin meinte er eines genau zu wissen: Im Kommunismus würde das Prinzip gelten „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“. Die „klassenlose Gesellschaft“ werde den „totalen Menschen“ kreieren, der, von der Arbeit im ursprünglichen Sinne entbunden, in „freier Tätigkeit (...) heute dies, morgen jenes tun, morgens jagen, nachmittags fischen, abends Viehzucht treiben, nach dem Essen kritisieren (könne), ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden“. „Es rettet uns kein höh'res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun, uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!“, heißt es in der Internationale, dem Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung. Wie diese „Erlösung“ möglich ist, war innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands umstritten. Die Fraktion der Menschewiki wollte vor der proletarischen zunächst eine bürgerliche Revolution. Lenins Bolschewiki hingegen erklärten sich selbstherrlich zur Avantgarde des Proletariats und setzten 1917 in ihrem Oktoberputsch die nach der Februarrevolution desselben Jahres amtierende Provisorische Regierung gewaltsam ab. Von da an war das Schicksal Russlands besiegelt.

Statt Freiheit und Demokratie gab es eine „Diktatur des Proletariats“, in der die Bolschewiki mit Terror und Massenmord regierten. Die von ihnen in einem blutigen Bürgerkrieg mit Millionen Toten geschaffene Sowjetunion wurde zu einem totalitären Völkergefängnis. Der 100. Jahrestag des „roten Oktobers“ von St. Petersburg ist mithin eine gute Gelegenheit, sich in Wort und Bild an Lenin, Trotzki und Stalin zu erinnern und die Taten dieser Mörderbande ins rechte Licht zu rücken.

Doch während hierzulande Zweifel an der Verabscheuungswürdigkeit Adolf Hitlers zum Glück nicht mehrheitsfähig sind, scheint an einem Lenin immer noch der Mythos zu haften, sein Kampf sei eine gute Sache gewesen, die leider schlecht ausgegangen ist. So kann man im Berliner Deutschen Historischen Museum zu Beginn der Ausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“ von Gregor Gysi den skandalösen Satz lesen: „Ich hoffe, dass der Versuch noch gelingt“, und am Ende wird der Besucher gebeten, sich Gedanken darüber zu machen, ob er zu den Freunden der Revolution oder zu ihren Gegnern gehören möchte. In einer Ausstellung über den Nationalsozialismus würde so etwas Proteststürme entfachen.

Einen klar anderen Weg ist der Schweizer Regisseur Milo Rau mit seinem Stück Lenin gegangen, das jüngst an der Berliner Schaubühne Premiere hatte. Raus Inszenierung zeigt uns Lenins letzte 24 Stunden, und seine ausnahmslos großartigen Schauspieler führen uns vor Augen, welche Teufel in Menschengestalt der bolschewistische Führer und seine Genossen gewesen sind. Wann endlich wird diese Perspektive auf die „Oktoberrevolution“ in Deutschland eine Selbstverständlichkeit sein?

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