Mit Kindern in eine bessere Welt

Wenn die Maske fällt, zeigt sich der Mensch: Umfassende Informationen zum Star Wars-Mythos bietet die Sonderausgabe des „Philosophie Magazins“. Von Alexander Riebel
Darth Vader verkörpert die dunkle Macht
Foto: Philosophie Magazin | Darth Vader verkörpert die dunkle Macht, aber auch er kann erlöst werden.
Darth Vader verkörpert die dunkle Macht
Foto: Philosophie Magazin | Darth Vader verkörpert die dunkle Macht, aber auch er kann erlöst werden.

Seit vor beinahe 40 Jahren die erste Star Wars-Folge „Krieg der Sterne“ in die Kinos kam, wird über die Bedeutung dieses neuen Mythos diskutiert. Anlässlich des heute anlaufenden Teils „Das Erwachen der Macht“ hat sich die Redaktion des „Philosophie Magazins“ mit dem Sonderheft „Star Wars – Der Mythos unserer Zeit“ gründlich mit den Hintergründen beschäftigt.

Unter der Überschrift „Der Glaube versetzt Sterne“ behandelt der Ökonom an der Karls-Universität Prag, Tomáš Sedláèek, ein Thema, das in dem Heft immer wieder auftaucht: der Glaube. „Ich finde Ihren Mangel an Glauben beklagenswert“, zitiert er einen der berühmtesten Sätze aus Star Wars. „Der Glaube ist der Schlüssel. Nicht das Beweisbare, nicht die Vernunft, nicht das, was du siehst oder weißt.“ Es ist der Glaube an Mächte, an die Force, mit ihren beiden Seiten, Licht und Dunkel. Han Solo (Harrison Ford) repräsentierte den Zweifler in diesem Universum, das an die „Macht“ glaubt, die auch einen schöpferischen Aspekt hat. Man kann aus der Macht Kraft beziehen, ihr Missbrauch kann zum Wahnsinn einer vermeintlich überlegenen Machtstellung führen.

Doch woher kommen diesen Ideen einer Mythologie für unsere Zeit? Der Redakteur des französischen „Philosophie Magazins“, Martin Legros, hat Parallelen zum amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, aber auch zu den Staatsformen in Athen und Rom gefunden. Es gibt hier feine Indizien, die der Zuschauer kaum bemerkt. Die Raumschiffe der imperialen Flotten in Star Wars heißen Destroyer, wie auch die britischen Schiffe, die Amerika damals Probleme bereitet haben. Wie die ersten Siedler in Amerika ist auch Filmheld Luke Skywalker ein Bauernsoldat. Andere Parallelen im Film gibt es mit den antiken Regierungsformen in Athen und Rom, wie Legros herausgefunden hat. Der intergalaktische Senat wirkt wie ein großer dunkler Bienenstock, dessen Waben die Vertreter der Mitgliedsstaaten aufnehmen. Der Senat ist vertikal ausgerichtet, der Jedi-Rat hingegen wirkt weltoffen; in einem Kreis wird diskutiert und die Wahrheit im Gespräch gefunden. Die Tugend sieht Legros deutlich von den Grundideen des Republikanismus der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung geprägt, als „Widerstand gegen ungerechte Herrschaft, die Idee von einem neuen auserwähltem Volk und das Streben nach dem Gleichgewicht der Mächte“. Der amerikanische Kampf gegen das damalige Empire wiederhole sich im Film, insofern der Kampf nicht nur ein politischer sei, sondern eine „moralische und spirituelle Mission“.

Was aber sagt Star Wars-Produzent George Lucas selbst zu seiner Serie, deren siebter Teil nun anläuft? „Die Religion und all das wurde in eine Form gebracht, die für jeden leicht zu akzeptieren war“, erklärte er noch im vergangenen Jahr, wie der Philosoph Julian Baggini im Heft zitiert. „Leicht“ sei das Schlüsselwort, meint Baggini: „Eine Generation, die an Supermärkte und Fertiggerichte gewöhnt war, brauchte auch abgepackte Ethik und proportionierte Weisheit.“ Der Philosoph lässt Lucas seine Ideen zusammenfassen, die Menschen „überall auf der Welt“ sagen könnten, und die gleichermaßen christlich wie buddhistisch klingen: „Jeder drückt es anders aus, aber im Wesentlichen geht es darum, nicht zu töten, Mitleid zu haben und die Menschen zu lieben. Das ist es im Grunde, wofür ,Star Wars‘ steht.“ Und, um Lucas noch einmal aus dem Jahr 1999 zu zitieren: „Am Ende wird Vader von seinen Kindern erlöst oder vielmehr dadurch, dass er Kinder hat. Denn darum geht es im Leben – sich fortzupflanzen und Kinder großzuziehen, und das sollte das Beste in uns zum Vorschein bringen.“

Lucas hat mit seinen Blockbustern auch ganz gut verdient, wie Baggini zeigt. Allein 27 Milliarden Dollar habe ihm die Lizensierung der Marke Star Wars eingebracht, von denen etwa drei Milliarden an den Produzenten geflossen seien, bis Disney ihm die Rechte 2012 für vier Milliarden Dollar abkaufte. Das Merchandising in der Spielzeugindustrie sei von Anfang an ein Beweggrund für die Filme gewesen, erklärt Lucas, denn er liebe es, Spiele und Spielzeug auch selbst zu erfinden.

Auf das Thema, durch Gier den Dingen zu verfallen, macht der slowenische Philosoph Slavoj Žižek aufmerksam. Denn warum wurde der gute Anakin zum bösen Darth Vader? Zentral ist für Žižek das Bild des Abnehmens der Maske Vaders, wodurch er wieder wie ein sterblicher Mensch wirke und nicht als Subjekt des Bösen erscheine. Und der Philosoph Baptiste Morizote (Universität Marseille) sieht die „Force“, die Macht, in den Star Wars-Filmen als Antwort auf den Multikulturalismus der heutigen Postmoderne: Das Gleichgewicht der Macht sei der eine absolute Wert, der die universelle kosmopolitische Gerechtigkeit herstelle.

Das Magazin ist prächtig mit großformatigen Bildern ausgestattet und führt umfassend in den „Mythos unserer Zeit“ ein.

Philosophie Magazin, Sonderheft 5, Star Wars. Verlag Philomagazin, Berlin 2015, 98 Seiten, EUR 9,90

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