Feuilleton

Meister der Melancholie

Der kanadische Dichter und Songwriter Leonard Cohen lebte seine Religion – und liebte auch eine andere. Von Alexander Brüggemann
Leonhard Cohen liebte das Geheimnisvolle und das Mystische
Foto: dpa | Liebte das Geheimnisvolle und das Mystische: Leonhard Cohen. Nach einer Zeit im buddhistischen Kloster musste er mit dem Geldverdienen weitermachen.

Am Ende log der große Poet einfach. Als im Oktober sein letztes Album voller deutlich endzeitlicher Texte erschien, musste Leonard Cohen zurückrudern, ein bisschen. In einem seiner letzten Interviews sagte er, er neige eben zu Übertreibung und Drama. Er wolle weitermachen und 120 Jahre alt werden. Seine Nase wuchs nicht, und kaum vier Wochen später war er tot – mit 82 Jahren.

Captain James T. Kirk, Lieutenant Mister Spock und Leonard Cohen – eine merkwürdige Besatzung? Das kommt ganz auf die Kategorien an. Die beiden Althelden der „Enterprise“ mit ihren engen Polyester-Trikots und den stilsicheren großbürgerlichen Poeten verband mehr, als man denkt.

William Shatner alias Captain Kirk wurde 1931 in Notre-Dame-de-Grace geboren, einem Stadtteil von Montreal. All seine Großeltern waren jüdische Einwanderer. Sein Großvater Wolf änderte den österreichischen Familiennamen Schattner in Shatner. Der junge William wurde konservativ jüdisch erzogen.

Leonard Simon Nimoy alias Mister Spock kam nur vier Tage später und 402 Kilometer südöstlich zur Welt: im West End, einem Einwandererviertel von Boston. Seine Eltern Max und Dora, eine geborene Spinner, kamen aus der heutigen Ukraine, aus Scheslaw (polnisch Zaslaw).

Wie sie wuchs Leonard Cohen im orthodoxen Judentum Nordamerikas auf. Über dem Eingang der jüdischen Vilna Shul im West End Montreals hängt bis heute das Symbol der segnenden Hände. Es steht für die jüdische Priesterkaste, die im Jerusalemer Tempel den Altardienst verrichtete: die Cohen (Kohanim). Diese segnenden Hände inspirierten den Enterprise-Offizier Spock später zu seinem emblematischen Vulkanier-Gruß: „Glück und ein langes Leben“.

Leonard Cohen, geboren am 21. September 1934 in Westmount, Montreal, nur wenige Kilometer entfernt vom damals dreieinhalbjährigen William Shatner: ein Viertel der wohlhabenden protestantischen Anglokanadier und jüdischen Einwanderer der dritten Generation. Leonards Vater Nathan besaß dort ein renommiertes Textilkaufhaus und das Haus der Familie in der Belmont Avenue 599. Leonard erbte von seinem Vater die Zurückhaltung und Korrektheit; seine musische Gabe und den Hang zur Melancholie aber von der Mutter Masha, der Tochter eines aus Russland ausgewanderten Talmud-Gelehrten. Dieser Großvater mütterlicherseits, Rabbi Solomon Klonitsky-Kline, lebte zwar die meiste Zeit in den USA – aber sein tadelloser Ruf prägte Leonards Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen und das Rechte zu tun. Ein wichtiges Gefühl zu einer Zeit, in der die Deutschen in Polen einmarschierten und die Luft für Europas Juden dünn und dünner wurde.

Im Kaufmannshaus von Nathan Cohen wurde nicht über Religion gesprochen; sie wurde praktiziert. Ein Fisch diskutiert auch nicht über das Wasser, das ihn umgibt. Dabei hatten die Cohens zwei Generationen zuvor das Judentum in Kanada mitaufgebaut. Urgroßvater Lazarus war in den 1860er Jahren aus Litauen nach Kanada eingewandert. Als der Geschäftsmann zwei Jahrzehnte später zum Vorsteher einer Synagogengemeinde gewählt wurde, hatte sich die Zahl der Juden in der Stadt bereits verzehnfacht.

Montreal wurde die Hauptstadt der kanadischen Juden – und Lazarus Cohen eine ihrer angesehensten Persönlichkeiten. Lazarus' jüngerer Bruder Tzvi Hirsch Cohen wurde Oberrabbiner der Stadt. Leonards Großvater Lyon setzte die Kohanim-Tradition fort, bekleidete internationale zionistische Ämter und gründete die erste englisch-jüdische Zeitung Kanadas, die „Jewish Times“.

Zeit seines Lebens hat Leonard Cohen den Sabbat beachtet – aber er behielt auch immer einen Hang zum Geheimnisvollen, Pathetischen, Mystischen. So brachte er sich bereits früh Grundtechniken der Hypnose bei. Dazu gehörte vor allem eine dunkle, ruhige, sanfte Stimme – sein Markenzeichen. Auch das Gitarrespielen hat sich Cohen nach eigener Aussage vor allem beigebracht, um „Mädchen rumzukriegen“.

Sein eigentlicher Zugang zur Kunst war immer die Poesie. „Let Us Compare Mythologies“ hieß 1956 sein erster Gedichtband. Erste Erfolge erlaubten ihm Reisen in Europa – und einen mehrjährigen Aufenthalt auf der griechischen Insel Hydra. Dort schrieb er zwei Romane und den Gedichtband „Blumen für Hitler“. Und dort lernte er auch die Liebe seines Lebens kennen. Als er Hydra 1967 verließ, schrieb er ihr den Song „So long, Marianne“. Im bewegten „Summer of Love“ startete Cohen in New York eine zweite Karriere als Singer-Songwriter. Als die Haare endlos lang wurden und die Klamotten gnadenlos schrill, kam der Großbürger Cohen mit dem Anzug daher. Seine Absicht war, mit dem schnellen Geld der Songs wieder Muße zum Gedichteschreiben zu haben. Doch die Musik blieb, auch über seine düsterste depressive Phase Anfang der 70er Jahre hinaus.

Mit der Kalifornierin Suzanne Elrod zeugte der knorrige Dichter Sohn Adam Cohen (*1972) und Tochter Lorca (*1974). Und auch wenn sich Leonard 1979 von ihr trennte, sagte Suzanne später: „Ich habe mich immer verheiratet gefühlt. Leonard ist der verantwortlichste Mensch, den man sich vorstellen kann. Er ist immer für die Kinder da gewesen.“ 1990 etwa harrte er nach einem schweren Verkehrsunfall über Wochen am Bett von Sohn Adam aus.

Cohens Gedichte und Lieder sind übervoll von religiösen Anleihen, Zitaten, Brechungen und Variationen. Der Song „Who by Fire“ etwa greift auf die Liturgie zum Jom-Kippur-Fest und zum jüdischen Neujahr zurück. Mit Händen greifbar ist die religiöse Dimension auf dem Album „Various Positions“ (1984), das unter anderem sein rätselhaft kabbalistisches „Hallelujah“ enthält und auch den Song – oder ist es ein Gebet? – „If it be Your Will“.

Die Sache des Staates Israel ist Cohens Sache nie unbedingt gewesen – die des Volkes Israel schon. Er trat dort stets als eine Art Priester-Poet auf, der das Publikum segnete. In Berlin lag die Sache anders. Bei einem Auftritt 1972 im Sportpalast war Cohen sauer auf die undisziplinierten Zuhörer. „Da dachte ich an Goebbels' Rede in diesem Haus anno 1943“, erklärte er später – und er blökte die Fans auf Deutsch an: „Wollt ihr den totalen Krieg??“ Und 1979, im damals neu eröffneten Kongresszentrum ICC, forderte Cohen die Berliner auf, sich „gegen die totalitäre Architektur hier zur Wehr zu setzen“ und sie „auseinanderzunehmen“.

Der Fall der Mauer hätte den häufig depressiven Pessimisten versöhnlich stimmen können. Doch im Gegenteil: Mit dem Album „The Future“ (1992) schleuderte er der Postwende-Euphorie seinen Geschichtspessimismus entgegen: „Ich hab die Zukunft gesehen; sie ist mörderisch“, grantelte er. Das lyrische Ich, der „little Jew, who wrote the Bible“, kennt die Abläufe – und bleibt skeptisch, wo alle anderen jubeln. Ein ausgelaugter, von Drogen geschaffter Leonard Cohen sucht schließlich die Stille in einem buddhistischen Kloster in den Bergen nahe Los Angeles. Er übt sich dort in Selbstdisziplin und in japanischer Zen-Meditation und wird 1996 unter dem Namen „Jikan“ (deutsch: der Raum zwischen zwei Stillen) zum Mönch ordiniert – der berühmteste Schüler von Kyozan Joshu Sasaki (1907–2014). Der Zen-Meister gründete weltweit zahllose Klöster; schon seit 1969 übte er einen starken Einfluss auf den Sucher Cohen aus.

Dessen jüdischem Glauben tat das keinen Abbruch, wie er erläutert. Es gehe beim Zen nicht um Anbetung oder ein Gottesbild, sondern um Meditation. „Ich habe eine Religion, und ich suche keine andere. Ich bin ein Jude.“ Das hätte es also sein können mit dem Sänger Leonard Cohen – hätte nicht seine Managerin in den fünf Jahren, die er im Kloster verbrachte, fast sein gesamtes Vermögen veruntreut. So also musste es weitere Alben und Tourneen geben, mit der ewigen Ballonmütze des Zeitungsjungen und dem Borsalino des Dandys.

Je mehr sich der Lebenskreis des Mystikers und am Leben Leidenden schloss, desto mehr Anspielungen auf einen baldigen Tod enthielten Cohens Texte. Schon im Titelsong von „Old Ideas“ (2012) sprach er über das „Heimgehen ohne die Kleider, die ich trug“. Und am Ende von „Show me the Place“ hieß es: „Zeig mir den Ort, wo das Wort Mensch geworden ist. Zeig mir den Ort, wo das Leiden begann.“ Diese Tendenz verstärkte sich noch einmal mit seiner letzten Platte „You Want it Darker“. Im August 2016 starb die Norwegerin Marianne Ihlen, Leonards Muse und einstige Geliebte auf Hydra, mit 81 Jahren an Leukämie. In einem Brief an die Sterbende schrieb Cohen: „Ich glaube, ich werde dir sehr bald folgen. Ich bin nah bei dir, dicht genug, dich zu berühren.“ Ein Freund, Jan Christian Mollestad, berichtete, Marianne habe beim Hören der Worte ihre Hand ausgestreckt.

„Du willst es dunkler haben“, so lautete der Refrain von Cohens letzten Titelsong; „dann löschen wir doch die Flamme aus. Hineni, hineni – ich bin bereit, o Herr.“ Er hat seine Ankündigung wahrgemacht. Die Journalisten anzuschwindeln, dürfte ihn nur ein leises Lächeln gekostet haben.

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