Mehr als X-mas!

Die Banalisierung des Weihnachtsfestes zeigt 2016 neue Blüten. Doch die Katholiken sind daran nicht ganz unschuldig. Eine adventliche Zwischenbilanz. Von Ingo Langner
Neulich beim Weihnachts-Shopping
Foto: dpa | Neulich beim Weihnachts-Shopping. Für viele Menschen, darunter Katholiken, hat Weihnachten keine religiöse Bedeutung mehr.

HAVE A COMEDY CHRISTMAS!“ ruft uns mit weit aufgerissenen Augen und geblecktem Gebisß ein mit Nikolausmütze verzierter Vitalbursche auf einem Plakat in den Berliner U-Bahnhöfen zu. „LET?S HAVE A ROCKING XMAS!“ wünscht uns der „coole“ Schokoladen-Weihnachtsmann mit der schwarzen Sonnenbrille, und der Kabarettist Stephan Bauer bewirbt seine jüngste Show mit dem knalligen Spruch: „Weihnachten fällt aus. Joseph gesteht alles!“

Ist das nicht furchtbar witzig? Oder ist es nur furchtbar? Ist ein Christ, gleich welcher Konfession, einfach nicht locker genug, wenn er nicht mitrockt, die Spaß-Kamarilla links liegen lässt und für ihn auch noch anno Domini 2016 Weihnachten das Fest „In Nativitate Domini“ ist, an dem die Geburt Christi gefeiert wird?

Anders gefragt: Was feiern all diese Berufsvergnügten eigentlich? Was käme da auf uns zu, wenn wir ihrer schrillen Einladung folgten? Wird sich der „Comedy Christmas“-Mann auf Kosten des Heilandes lustig machen oder schnappt sein Lästermaul auch bei den Hirten und Engeln zu? Tanz man bei der „Rocking Xmas“ nach dem Rolling Stones Song „Sympathy for the Devil“, in dem der Diabolos sich damit brüstet, für die Kreuzigung Christi, die russische Oktoberrevolution, die Ermordung der Zarenfamilie, den deutschen Blitzkrieg und die Ermordung der beiden Kennedy-Brüder John und Robert verantwortlich zu sein und dennoch schamlos um das Mitgefühl der Menschen buhlt? Wird Spaßmacher Stephan Bauer schlüpfrige Witze über den Erzengel Gabriel und das Wunder der Jungfrauengeburt reißen und obendrein auch noch den Hl. Joseph „enttarnen“?

Fragen über Fragen. Über die nachzudenken deswegen lohnt, weil es um den ihnen innewohnenden traurigen Kern geht. Was nämlich feiern all diese Leute, die offensichtlich keine Christen mehr sind und sich auf Teufel komm raus die gute Laune nicht verderben lassen wollen? Sind das Trittbrettfahrer? Frei nach dem Motto: Wenn es schon dieses verstaubte Jahresendzeitfest mit den locker sitzenden Brieftaschen gibt, dann soll es mein Schade nicht sein? Sind solche Beutelschneider nur ehrlicher als jene, die Weihnachten nicht in die Kirche gehen, sich aber dennoch wochenlang vorher durchs Menschengedrängel der Kaufhäuser quälen, um „für die Lieben daheim“ das „passende Weihnachtsschnäppchen“ aufzustöbern? Was also tun sich all jene an, denen das Christkind Hekuba ist? Folgen sie aus Gewohnheit einem irrationalen inneren Zwang? Pocht da was wie eine auch nach zweitausend Jahren immer noch scharfe Zeitbombe und hält sie auf Trab? Oder sind die auf der Oberfläche des Lebens tänzelnden Zeitgenossen möglicherweise identisch mit jenen anonymen Christen, deren Existenz ein Karl Rahner in tiefsinnigen theologischen Abhandlungen meinte nachweisen zu können und die darum vielleicht doch nicht jenen legendären Schneemenschen gleichen, von denen von Zeit zu Zeit Himalaya-Bergsteiger zu berichten wissen?

Immer noch werden in den Adventswochen in manchen Berliner Grundschulen von den zum großen Chor treppauf, treppab versammelten Schülern Weihnachtslieder gesungen. „Mega-christlich“ sollten die, so die Lehrer, allerdings besser nicht sein. „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ kann schließlich auch Kinderherzen erwärmen. „Wer kein Christ mehr ist, der feiert an Weihnachten im Kreise seiner Familie ein Fest der Liebe“, so hört man die guten Freunde sagen. „Ist doch auch schön! Nun hab Dich nicht so! Denn von Liebe handelt doch auch die Weihnachtsbotschaft!“, fügen sie von unseren Zweifeln leicht genervt hinzu. „Sicherlich“, erwidern wir: „Jesus sagt im Evangelium nach Johannes: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ Doch ähneln all diese Familien, die aus dem Heiligen Abend ein Liebesfest ohne Heiligkeit machen, nicht jenen Veganern, die mit fleischlosen „Tofu Würsten“ die Erinnerung an die fetten Jahre wachhalten? Oder ist das jetzt zu grob gedacht?

„Immerhin noch Liebe“, hört man die Beschwichtiger auch innerhalb der katholischen Kirche. Ja, immerhin. Doch warum diese fatale Selbstaufgabe? Die längst schon wie ein Bergbach nach einem Gewitterregen dahinstürmt und alle mitreißt, die lau sind und zeitgeisthörig. Nachdem der nationale und internationale Sozialismus des 20. Jahrhundert mit seinem staatsterroristisch gestützten atheistischen Furor in den Orkus gefahren ist, schreitet die Selbstsäkularisierung des christlichen Abendlandes scheinbar unaufhaltsam voran. Woran mag das liegen? Ist das in der Französischen Revolution injizierte Gift der gottlosen Freiheit, der gottlosen Gleichheit und der gottlosen Brüderlichkeit so tief in die Blutbahnen der europäischen Völker eingedrungen, dass keine Heilung mehr möglich ist?

Sollte nicht mit dem „aggiornamento“ des Zweiten Vatikanischen Konzils die katholische Kirche auch für all jene ihrer Söhne und Töchter wieder attraktiv werden, die ihren persönlichen Gott gegen eine Vernunft ohne Glauben eingetauscht hatten? „Hört ihr oft das Wort aggiornamento?“, rief der spätere Papst Johannes XXIII. noch als Kardinal Roncalli 1957 auf der Provinzialsynode von Venedig aus und fügte hinzu: „Seht da unsere heilige Kirche, immer jugendlich und bereit, dem verschiedenen Verlauf der Lebensumstände zu folgen mit dem Zweck, anzupassen, zu korrigieren, zu verbessern, anzuspornen.“

Das klang verheißungsvoll und strotzte vor Optimismus. Die Gemeinden der Welt stürzten sich in das große Aufräumen. Uralte Hochaltäre wurden entsorgt und machten brandneuen Volksaltären Platz, um endlich bequem der Gemeinde zugewandt zelebrieren zu können. Die Landessprache ersetzte das Kirchenlatein. So wollten Bischöfe und Priester nah bei den Menschen sein – auch der Papst in Rom.

Doch es war wie verhext: Je länger das Evangelium im gewöhnlichen Alltagssound in die Ohren der Menschen drang, desto weniger schienen sie den Worten der Frohen Botschaft zu trauen. Überdies wurde das Christuswort: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich“ postkonziliar von „Seelsorgeteams“ solange relativiert, bis es keinem mehr weh tat. Korrekt wird es nur noch von Katholiken interpretiert, die der Mainstream ohnehin längst fundamentalistisch nennt. Wer heute den katholischen Katechismus noch ernst nimmt, muss damit rechnen, als „totalitärer Hardcore-Katholik“ gebrandmarkt zu werden.

Fünfzig Jahre nach dem Ende des Konzils ist es alles andere als „postfaktisch“, dass zumindest in Westeuropa der Glaube massenhaft verdunstet ist. Von den gut 23 Millionen Menschen, die in Deutschland der römisch-katholischen Kirche angehören, praktizieren nur noch rund zehn Prozent ihren Glauben. Mithin müssen jetzt weit über 20 Millionen Katholiken zu den verlorenen Schafen gezählt werden. Auch der jüngst vehement propagierte Versuch, mit „pastoraler Barmherzigkeit“ und im leutseligen „Austausch von Charismen“ in einer „dialogischen synodalen Kirche“ die nicht „im engen Dogma“ verharrt, den Menschen nachzulaufen, wird daran nichts ändern.

Was folgt aus all dem? Soll sich „der kleine Rest“ beizeiten um einen sicheren Platz in den Katakomben kümmern? Ganz gewiss nicht. Denn bis ans Ende der Zeiten gilt, was Jesus dem Jünger Simon Barjona antwortet, nachdem der in ihm „den Sohn des lebendigen Gottes“ erkennt: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.“ Wer wollte nach solchen Worten verzagen!

Darum können wir auch am kommenden Heiligen Abend voller Zuversicht auf den Introitus der Christmette hören:

„Dominus dixit ad me: Filius meus es tu, ego hodie genui te. Quare fremuerunt gentes: et populi mediati sunt inania?“ Oder auf deutsch: Der Herr spricht zu Mir: „Mein Sohn bist Du, heute habe ich Dich gezeugt.“ Warum toben die Heiden und planen die Torheit der Völker? Um anschließend ins „Gloria in excelsis“ einzustimmen. Das in der Heiligen Nacht einen besonders festlichen Klang hat. Denn eigentlich ist es ja ein Weihnachtslied und wurde darum ursprünglich in Rom nur an Weihnachten gesungen.

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