Vorbildjournalist

Wolf Schneider ist gestorben

Der Vollblutjournalist, gestrenge Lehrmeister und Sprachpurist stand für eine sehr disziplinierte Berufsausübung. Am 11. November starb der 97jährige in Starnberg.
Wolf SCHNEIDER
Foto: IMAGO/Essler/SVEN SIMON (www.imago-images.de) | Wolf Schneider ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Jahrzehntelang hat er nicht nur selbst als Journalist gearbeitet, sondern durch Ausbildung und Kritik den Berufsstand der Journalisten beeinflusst.

Man nannte und nennt ihn „Sprachpapst“, für Hunderte von Journalisten war er Vorbild und gestrenger Ausbilder. Nun ist Wolf Schneider am 11. November mit 97 Jahren in seinem Haus in Starnberg gestorben. Erste journalistische Meriten verdiente sich der am 7. Mai 1925 in Erfurt Geborene nach zwei Jahren Kriegsdienst und nach Dolmetscherdiensten für die US-Armee von 1950 bis 1956 als Mitarbeiter der US-Nachrichtenagentur AP, dann als Korrespondent der „Süddeutschen“ in Washington.

„Doch wird er in einer Zeit fehlen, in der sich Politik, Medien,
ja leider auch Sprachwissenschaften anschicken,
die deutsche Sprache gegen den Willen des Volkes zu malträtieren“

Es folgten leitende Positionen beim „Stern“, ab 1971 bei „Springer“. 1979 übernahm er – bis 1995 dort an der Spitze tätig – die Leitung der neu gegründeten Hamburger Journalistenschule, der späteren Henri-Nannen-Schule. Parallel dazu moderierte er von 1979 bis 1987 und 1991/1992 insgesamt 106mal die „NDR Talk Show“. Schneider hinterlässt 28 Sachbüchern. Eines seiner ersten war 1976 das Buch Wörter machen Leute. Es erreichte 15 Auflagen und wurde auch für Deutschlehrer zur Standardlektüre, ja zur Handreichung für den Sprachunterricht, weil viele Pädagogen von „modernen“ Lehrplänen enttäuscht waren.

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Gesunde Distanz zum eigenen Berufsstand

Bei allem journalistischen Impetus reflektierte Schneider aber auch sein eigenes und das Tun seiner Kollegen. Dies gilt vor allem für sein Buch „Unsere tägliche Desinformation. Wie die Massenmedien uns in die Irre führen“ (1984, 5. Auflage 1992). Es ist dies ein Buch, das sich so manche Exponenten der „Öffentlich-Rechtlichen“ gerade in Zeiten regierungstreuer Akklamationspresse hinter den Spiegel stecken sollten.

Schneider wurde in fortgeschrittenem Alter zum Philosophen und Psychologen. Er schrieb über Sieger, über Verlierer, über Soldaten und über die Zukunft der Enkelgeneration. Zeitgeschichtlich sehr aufschlussreich ist seine Autobiographie: Hottentottenstottertrottel (2015). Hier erfährt der Leser unter anderem, wie der junge Wolf sein Stottern überwand und dass Schneider auch in den Bergen hoch hinaus wollte.

Man wird Schneiders Stimme vermissen

27 Viertausender hat er bezwungen. Dass er damit seine Knie ruinierte und er in höherem Altern nicht mehr in die Berge, wo fünf Wochen vor ihm einer seiner Söhne den Tod fand, konnte, machte ihm sehr zu schaffen. Doch wird er in einer Zeit fehlen, in der sich Politik, Medien, ja leider auch Sprachwissenschaften anschicken, die deutsche Sprache gegen den Willen des Volkes zu malträtieren. Hier wird man Schneiders Stimme vermissen: seine Kritik an der verkorksten Rechtschreibreform, seine Attacken gegen die um sich greifenden Anglizismen und sein „kriegerisches Verhältnis“ zum Unfug der Gender-Sprache. Das bleibt Schneiders Vermächtnis, das verpflichtet.

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