DER DICKE HUND

Sie kennen ihre Macht und missbrauchen sie

Google, twitter, apple - diese Internetgiganten haben gezeigt, wie mächtig sie sind: Sie haben einem Präsidenten eines der wirtschaftsstärksten und „mächtigsten“ Länder der Welt das Profil gelöscht, seinen Account gesperrt oder seine Reichweite massiv behindert und alternative Netzwerke „abgeschaltet“. Das muss allen Regierungen und den Bürgern eine Warnung sein.
Mark Zuckerberg
Foto: KEVIN DIETSCH (imago stock&people) | Wer hat die Macht? Mark Zuckerberg, Gründer des Unternehmens Facebook, belegt mittlerweile Platz 7 auf der Liste der reichsten Menschen der Welt.

Der komplexe Zusammenhang technischer und sozialer Interaktion, den wir im Alltag mit dem Begriff „Das Internet“ umschreiben, ist die größte Erfindung des vergangenen Jahrhunderts. Nichts hat die menschliche Kultur so verändert. Das nichtkommerzielle Wissenschaftsnetzwerk, aus dem das heutige Internet hervorging, stand für das Ansinnen, eine im besten Sinne „Anarchie des Wissens“ zu erzeugen. „Nichts Großes kommt in die Welt ohne einen Fluch.“ Dieses Zitat von Sophokles steht als Leitsatz am Anfang der sehenswerten Dokumentation „Das Dilemma mit den sozialen Medien“, die auf Netflix zu sehen ist.

Ehemalige Top-Mitarbeiter der Big-Tech-Unternehmen Twitter, Facebook, Google und anderer berichten ungeschönt über die Methoden der Internetgiganten.

Der Fluch des Internets

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Die Kommerzialisierung des Internet und die Erfindung der „sozialen Medien“ bringen den Fluch des Internet ans Tageslicht. Das mobile Internet, das wir in Gestalt eines Smartphones ständig bei uns tragen, bringt die volle Entfaltung zutage. Die fast symbiotische Verbindung des Menschen mit der Maschine liefert den Tech-Giganten ihren Stoff: Daten. Konzerne wie Facebook oder Google verfügen schon heute über erschreckende Macht. Google droht der Regierung in Australien, den Suchmaschinendienst für das Land einzustellen, wenn das geplante Gesetz zum Urheberrecht in Kraft tritt. Mangelnde Konkurrenz auf dem Suchmaschinenmarkt lässt die Drohung ernst erscheinen. Staaten sind erpressbar. In China findet es Google dagegen nicht problematisch, regimekritische Seiten auszublenden, da sich der Staat ansonsten der Geldmaschine nicht in den Weg stellt.

“Der Manchesterkapitalismus war demgegenüber
eine fast romantische Veranstaltung“

Die Tech-Konzerne haben zur Entfaltung ihrer Macht Mittel erfunden, deren Suchtpotenzial die schlimmsten Drogen in den Schatten stellt. Der Grad der Manipulation geht in die Tiefen unseres persönlichen Lebens. Was dazu nötig ist, ist nicht weniger, als alles – wirklich alles – über uns zu wissen. Die Netflix-Dokumentation bringt es auf den Punkt: „Sie wissen, wann wir schlafen, wann wir arbeiten, welche Bilder wir schauen und wie lange“, sagen mehrere der Protagonisten übereinstimmend. Das Ziel der Konzerne lautet, den Nutzer genau zu kennen, um ihn mit dem, was interessiert, am Bildschirm zu halten. Wer am Bildschirm ist, bekommt Werbung zu sehen. Damit wir mehr Werbung sehen, fesseln sie uns so lange am Bildschirm, wie eben möglich. Allein der Verkauf von Werbung bringt den Konzernen Geld. Damit ist das einzige Ziel der Unternehmen, dem User so viel auf ihn persönlich zugeschnittene Werbung zu zeigen, wie nur eben möglich.

 

Überwachungskapitalismus nennt man dieses Prinzip. Der Manchesterkapitalismus war demgegenüber eine fast romantische Veranstaltung. Wir zahlen kein Geld für die Dienstleistungen. Wir geben etwas anderes: Daten, die eigenen Daten. Diese Daten sind nicht etwa Handelsware. Keiner der Konzerne handelt mit Daten. Im Gegenteil, sie hüten die gewonnenen Daten wie einen Schatz. Daten sind der Rohstoff. Im Manchesterkapitalismus ging es um Kohle als Energieträger. Heute geht es um Daten. So wie einst Kohle die Dampfmaschine der industriellen Revolution antrieb, treiben heute Daten die Werbemaschinen der Tech-Giganten an.

Die Herren über die Wahrnehmung manipulieren massiv

Das Geschäftsmodell ist es, das Verhalten von Menschen nicht nur sicher vorhersagen, sondern zudem sicher verändern zu können. Nichts anderes ist das Ziel von Werbung; die Giganten perfektionieren es. Dazu werden Daten in einer Menge erhoben und verarbeitet, die jede Vorstellungskraft übersteigt. Die Erkenntnis, welche Art von Macht und welche Machtfülle sich daraus ergibt, ist in der EU- Kommission angekommen. Die Vizepräsidentin der EU-Kommission, Vera Jourova, sagte gegenüber dem Handelsblatt: „Dass Facebook und Twitter nun einfach die Nutzerkonten gesperrt haben, zeigt: Ihre Macht übersteigt sogar die des US-Präsidenten. Die großen Plattformen sind die Herren unserer Wahrnehmung.“

Die EU-Kommissarin hat eine Initiative gestartet, um einen Ethik-Kodex für den Umgang mit Daten und Informationen gemeinsam mit den Unternehmen zu erarbeiten. Bei allen Bestrebungen zum Datenschutz hilft am Ende nur eine echte international etablierte Datenethik, um Datenschutzrechte überhaupt durchsetzen zu können.

Was „Fake“ sein soll, entscheiden Konzerne

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Die Herausforderungen des Postinformationszeitalters, in dem wir uns längst befinden, sind anders zu bewältigen. Die reine Information ist schon lange nicht mehr entscheidendes Kriterium. Was eine Information und was „Fake News“ sein soll, entscheiden längst die Konzerne.

Wahrheit ist, was ins politische Bild der vorwiegend linken Elite des Silicon Valley passt. Hier erst zeigt sich die dunkle Seite der Macht. Twitter war in der Lage, mit einem Mausklick die historische Deutungshoheit über den ehemaligen US-Präsidenten zu erlangen. Seine gesamte Twitterkommunikation, die einen wesentlichen Teil seiner Kommunikation vor und während seiner Präsidentschaft ausmachte, ist gelöscht. Künftige Historiker werden nur Fragmente von Präsident Trump finden, weil Twitter ihn „gelöscht“ hat.

Bei Trump fiel es auf, weil er der US-Präsident war. Viele Nutzer, die gegen den Mainstream denken und posten, werden von YouTube (= Google) oder Facebook oder Twitter ohne Aufsehen gelöscht oder stark in der Reichweite begrenzt. Ihre Stimmen in der Debatte verstummen. Die Konzerne zeigen unbeschränkte Meinungsmacht. Diese Macht trifft sogar Unternehmen. Der Kurznachrichtendienst Parler, zu dem viele Anhänger von Trump gewechselt hatten, ist komplett verschwunden. Google und Apple bieten die App nicht mehr an. Amazon sperrt den Zugang zu den Daten von Parler in der Cloud. Das ganze Unternehmen Parler ist verschwunden. Jedem Unternehmen, das seine Daten in einer Cloud bei einem der Internetgiganten speichert, droht prinzipiell das gleiche Schicksal. Mit einem Klick können Kontakte, Aufträge, Buchhaltung, Lohnbuchhaltung, Webseite und geplante Projekte verschwunden sein. Das Unternehmen erlischt.

Eine Bedrohung für unsere Freiheit

In der Summe sind diese Konzerne längst eine Bedrohung für die Freiheit, wenn Wissen, Personen und ganze Unternehmen gelöscht werden können und sogar Staaten erpressbar sind, weil Teile der Dienstleistungen konkurrenzlos erscheinen. Sowohl auf Ebene der EU als auch in verschiedenen Staaten der Welt ist diese Gefahr erkannt. Sie ist damit noch lange nicht gebannt. Konzerne wie Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft können Staaten zum Wanken bringen und sie scheuen nicht davor zurück.

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