Fluchthilfe

Maggie Peren zu „Der Passfälscher“

Regisseurin Maggie Peren zu „Der Passfälscher“ über jüdisches Leben im Nationalsozialismus.
Filmszene aus „Der Passfälscher“
Foto: Dreifilm | Mit den Pässen, die Cioma Schönhaus (Louis Hofmann, links) für den Widerstandskämpfer Franz Kaufmann (Marc Limpach) fälscht, hilft er Menschen bei der Flucht aus Deutschland.

Was hat Sie bewogen, das autobiographische Buch von Cioma Schönhaus zu verfilmen?

2003 hatte ich das Drehbuch zu dem Film „Napola“ geschrieben. Ich konnte mir nicht vorstellen, wieder einen Stoff zu machen, der in den 1940er Jahren spielt. Aber 2007 war Ciomas Buch bei mir im Briefkasten. Ich habe es angefangen zu lesen und hörte erst auf, als die Sonne aufging. Cioma beschreibt dieses Berlin mit unfassbar vielen Menschen, mit diesen jungen Männern, die nicht in den Krieg gezogen sind. Wie er sich durchgeschummelt hat, fand ich sehr berührend. Plötzlich hatte ich das Gefühl, so war das Leben im Krieg. Wir erzählen ja immer vom Krieg, aber eigentlich nie vom Leben im Krieg. Die Tonalität von Cioma hat mich an meine Lieblingsdichterin Mascha Kaléko erinnert, eine jüdische Lyrikerin, die tolle, freche Gedichte schreibt. Sowohl bei ihr als auch bei meinen israelischen Freunden ist ein Humor und ein Frech-Sein, das ich berührend finde.

Cioma Schönhaus hat seine Erinnerungen Jahrzehnte danach aufgeschrieben. Haben Sie sich die Frage gestellt, ob er sie verklärt wiedergibt?

Als wir angefangen haben, so zu fälschen, wie Cioma das beschreibt, haben wir festgestellt, dass es so nicht möglich ist. Cioma war ja 81 Jahre alt, als er es geschrieben hat. Zeitzeugen sind auch nur Zeugen dessen, was sie in Erinnerung haben. Was ich Cioma wirklich glaube, ist, dass er es geliebt hat, deutsch auszusehen. Cioma hat sich extrem als Deutscher gefühlt und sich unter Nazis gemischt, weil er sich nie als jemand gefühlt hat, der nicht zu Deutschland gehören kann. Ich fand es sehr spannend, wie sehr Cioma das Bild zerstört, das die Nationalsozialisten über „den“ Juden geprägt hatten.

„Nachdem das Buch ins Englische übersetzt wurde
und die „New York Times“ eine Lobeshymne auf das Buch schrieb,
wollten die Produzenten den Film auf Englisch machen.
Es gingen Jahre ins Land, und das Buch wurde nicht verfilmt“

Wie sind Sie auf Louis Hofmann für die Hauptfigur gekommen?

Es gibt ein Bild von Louis Hofmann, auf dem er Cioma unglaublich ähnlich sieht. Ciomas Söhne sind auch sehr glücklich mit der Besetzung. Als Louis zum Casting kam, war er mittendrin in der Serie „Dark“ und schon sehr melancholisch. Ich konnte mir nicht so recht vorstellen, dass er in diese hohe Energie von Cioma hineinkommt. Da wir aber wegen der Pandemie die Dreharbeiten verschieben mussten, hat Louis ein ganzes Jahr an der Figur gearbeitet, und er ist unfassbar begabt.

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Frau Peters ist eine ungewöhnliche Rolle für Nina Gummich, wenn man ihre bisherigen Arbeiten kennt. Der von Marc Limpach dargestellte Franz Kaufmann ist ein deutscher Beamter, der Juden hilft. Können Sie etwas zu den Figuren und zu den Darstellern sagen?

Über Franz Kaufmann gibt es mehrere Doktorarbeiten. Er hat aus der Bekennenden Kirche heraus einen Fälscher-Ring geformt. Cioma war Teil des Netzwerkes und ist Kaufmann häufig auf die Nerven gegangen, weil er sehr begabt, aber nicht ernst genug war. Am Ende waren sie sehr eng, wie Gegensätze, die für die gleiche Sache stehen. Marc Limpach hat alles über Franz Kaufmann gelesen. Er ist ein toller Schauspieler, weil er so schlau ist und so viel recherchiert. Deshalb nimmt er wenig Rollen an. Er hat nicht nur die Rolle angenommen, sondern er mag auch den Film, was mir viel bedeutet.

 

 

Und Nina Gummich beziehungsweise Frau Peters?

Heutzutage würde man Frau Peters vielleicht als manisch-depressiv einstufen. Sie wohnt allein, ihr Mann ist schon früh verstorben. Und sie sieht, wie die Parteibonzen dort vorbeigehen und sich alles nehmen ... Sie ist opportunistisch, aber sie denkt, sie sei gut. Wie Nina Gummich das umgesetzt hat, bewundere ich sehr. Die Nazis warfen jüdischen Menschen Gier vor, und dabei waren die Nazis selbst unfassbar gierig. Ich habe immer zu ihr gesagt: „Nina, Du stehst für das deutsche Volk“. Man denkt, man sei gut, rechtschaffen, nett, aber letztlich trägt man zum Bösen bei.

Wie ist Ciomas Leben nach dem Krieg weitergegangen?

Die Bekennende Kirche in der Schweiz hat ihn mit Geld unterstützt. Dann hat er Grafik weiter studiert und machen können, was er schon immer machen wollte. Cioma hatte vier Söhne. Er hat eine eigene Werbeagentur gehabt und ist mit fast 94 Jahren gestorben.

Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Ich wollte seine Geschichte gerne erzählen. Nachdem das Buch ins Englische übersetzt wurde und die „New York Times“ eine Lobeshymne auf das Buch schrieb, wollten die Produzenten den Film auf Englisch machen. Es gingen Jahre ins Land, und das Buch wurde nicht verfilmt. Mir ging es nicht aus dem Kopf. Irgendwann einmal habe ich in einer Jury gesessen; dort erzählte Volker Schlöndorff, wie dreißig Jahre lang verhindert wurde, dass er einen Film macht. Ich sagte, ich wollte auch seit sieben Jahren einen Film drehen. „Ruf ihn einfach an“, sagte er. Ich wählte die Nummer von Cioma Schönhaus, und er ging ans Telefon. Ich erzählte ihm davon, und er: „Dann komm nach Basel“. So hat es angefangen.

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