AUSLÄNDISCHE MEDIEN

Lieber die Wahrheit sagen als soziale Anerkennung suchen

Die Welt ist bei Licht besehen anders, als viele Menschen sie sich gerne vorstellen. Bari Weiss ermuntert dazu, diese Realität zu benennen anstatt sich der bequemen Mehrheit oder lautstarken Minderheiten zu beugen.
Debattenkultur
Foto: imago-images | Selbst in vielen Medien hat die Cancel-Culture sich vorgearbeitet: Autoren werden gekündigt, Texte werden nicht veröffentlich, Redakteure gehen, weil sie in den Redaktionen keine Debattenkultur in den Redaktionen ...

Der sogenannte „gesunde Menschenverstand“ gerät immer mehr in Bedrängnis. In progressiven Kreisen dient er als Metapher für eine unreflektierte Meinung und nachgerade als Gegenteil von Sachverstand und Expertise, erweckt er doch angeblich Assoziationen an das nationalsozialistische „gesunde Volksempfinden“. Umso erstaunlicher und begrüßenswerter, dass ein gesunder Menschenverstand, der noch vor wenigen Jahrzehnten als Ausweis für ein ausgewogenes Urteilsvermögen einer überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung galt und damit auch in Anspruch nehmen konnte, besonders „demokratisch“ zu sein, titelgebend für einen neuen Blog ist.

„Von der „zentralen Bedeutung des freien Austauschs
in einer demokratischen Gesellschaft“ ist da die Rede,
den sie in dem Blatt zunehmend vermisst habe.“

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Die Betreiberin der Webseite ist keine geringere als die amerikanische Autorin Bari Weiss. 2020 erhielt sie den „Per Ahlmark Award“ als Anerkennung für ihre „Zivilcourage und Wortgewandtheit bei der Verteidigung der Prinzipien der Demokratie“. Im selben Jahr war die Nachricht ihres Weggangs von der „New York Times“ wochenlang ein medialer Aufreger weltweit. Weiss gehörte der Redaktion drei Jahre lang an. Davor verfasste sie Gastbeiträge für das „Wall Street Journal“ und war leitende Redakteurin bei dem katholischen Magazin „The Tablet“. Ihr Kündigungsschreiben an die Redaktion der New York Times, das auf ihrer Internetpräsenz bariweiss.com verfügbar ist, erwähnt die Gründe für ihren Rückzug von einer der einflussreichsten Zeitungen der Welt. Von der „zentralen Bedeutung des freien Austauschs in einer demokratischen Gesellschaft“ ist da die Rede, den sie in dem Blatt zunehmend vermisst habe.

Bari Weiss hat nun ihre Konsequenzen gezogen, schreibt auch für die Tageszeitung „Die Welt“ und betreibt den Blog „Common Sense with Bari Weiss“. Ihr Newsletter und ihre Texte sind für Menschen gedacht, die „die Welt so verstehen wollen, wie sie ist, und nicht, wie sie manche Leute gerne hätten. Sie sind für Menschen, die lieber nach der Wahrheit suchen als nach der Behaglichkeit in einer Gruppe. Sie sind für Menschen, die es vorziehen, selbst zu denken“. Inhaltlich befasst sich Weiss mit allem, was in der Gegenwart medial, kulturell, gesellschaftlich und politisch falsch läuft.

Die Realität des sogenannten Antirassismus ist auch Thema

Das Themenspektrum ist äußerst vielfältig aufgestellt und bietet damit eine Menge Stoff für Weiss und ihre Mitautoren. Mal wird bewusst gemacht, was der Sturz eines Denkmals von Thomas Jefferson, einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten und Verfasser der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, für die Gesellschaft bedeutet, mal wird die Realität des „Antirassismus“ in ganz Amerika beschrieben, mal wird über Chinas „Orwell'sche Dystopie“ räsoniert. Bari Weiss empfiehlt auf ihrer Webseite auch Bücher und Filme und macht zudem die Arbeit von Menschen bekannt, die sie bewundert.

Beherbergt wird der Blog von der noch relativ jungen US-amerikanischen Online-Plattform „Substack“. Autoren bieten hier den Nutzern die Möglichkeit an, Newsletter und weitere redaktionelle „exklusive“ Inhalte im Rahmen eines Abonnements zu beziehen. Zahlende Abonnenten können auf der Seite von Bari Weiss auch Kommentare zu den einzelnen Beiträgen hinterlassen. Ihr Ziel ist es, so Weiss, dadurch einen echten Meinungsaustausch sowie eine anregende und „höfliche“ Debatte zu ermöglichen.

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