Jerusalem/Israel

Kunsthändler der Nationalsozialisten

Jerusalem stellt den Sammler Hildebrand Gurlitt vor.
„Fateful choices – Art from the Gurlitt Trove“
Foto: Elie Posner/Israel Museum Jerusalem | Die Ausstellung zeigt auch Hintergründe zum Leben von Hildebrand Gurlitt. („Schicksalhafte Entscheidungen: Kunst aus dem Gurlitt Fundus“).

Derzeit gibt es keine Hinweise darauf, dass es sich um geraubte Kunst handelt“, steht auf den meisten kleinen Schildern, die die Gemälde, Zeichnungen, Drucke und Skulpturen als Kunstwerke von Größen wie Albrecht Dürer, Käthe Kollwitz oder Edvard Munch ausweisen. Auf einigen Schildern steht: „Die Provenienz wird derzeit geklärt.“ Selten treten Kunstwerke in den Hintergrund einer Ausstellung und ihr Sammler in den Fokus. Doch im Falle Hildebrand Gurlitt ist dies anders.

Er, der in der Sprache der Nationalsozialisten ein „jüdischer Mischling zweiten Grades“ war, handelte für Adolf Hitler mit Kunst. Dass Teile seiner Sammlung nun im Israel-Museum in Jerusalem ausgestellt werden, ist daher nicht unumstritten.

Bereits neun Kunstwerke der Sammlung wurden als Raubkunst identifiziert, sechs konnten den vorherigen Besitzern oder deren Familien wieder übergeben werden – aber wie kann es sein, dass ein Museum im Staat Israel nun Kunstwerke ausstellt, die vielleicht unrechtmäßig aus den Händen derjenigen, die in der Shoa von den Nationalsozialisten ermordet wurden, geraubt wurden? Diese Frage schwebt über der Ausstellung „Fateful choices – Art from the Gurlitt Trove“ („Schicksalhafte Entscheidungen: Kunst aus dem Gurlitt Fundus“).

„Plötzlich Mitglied einer von Juden geplagten Familie“

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In der Mitte der Ausstellung steht dementsprechend keines der Kunstwerke, sondern ein kleiner Videoraum, in dem den Besuchern die Geschichte Hildebrand Gurlitts und seiner Sammlung erzählt wird. Es war eine mediale Sensation, als 2013 bekannt wurde, dass im vorhergegangenen Jahr Finanzbeamte in der Wohnung Hildebrand Gurlitts Sohn 1 280 Kunstwerke entdeckt wurden – unter anderem von Max Liebermann, Emil Nolde, Pablo Picasso und anderen großen Künstlern.

Der daraufhin vom bayrischen Justizministerium eingesetzten Arbeitsgruppe, die die Herkunft der schließlich insgesamt 1 590 Kunstwerke klären sollte, gehörte auch Shlomit Steinberg an. Sie ist die Kuratorin für Europäische Kunst im Israel-Museum in Jerusalem und hat auch die jetzige Gurlitt-Ausstellung kuratiert. Es war ihre Idee, die Kunstwerke einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, um so vielleicht mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Daher wurden Teile der Sammlung seither sowohl im Kunstmuseum Bern, dem der Sohn Hildebrand Gurlitts die Kunstwerke nach seinem Tod 2014 vererbte, als auch in Berlin und Bonn ausgestellt – und nun auch in Jerusalem.

„Wie kann es sein, dass ein Museum im Staat Israel nun Kunstwerke ausstellt, die vielleicht unrechtmäßig aus den Händen derjenigen, die in der Shoa von den Nationalsozialisten ermordet wurden, geraubt wurden?“

Das Israel-Museum legt jedoch im Vergleich zu den vorherigen Ausstellungen einen stärkeren Fokus auf die Lebensgeschichte Hildebrand Gurlitts. Er wurde 1895 in eine angesehene protestantische Familie geboren. Sein Vater war ein Architekt und Kunsthistoriker und einer seiner Großväter ein bekannter Landschaftsmaler. Seine Großmutter Elisabeth Lewald war von Geburt her jüdisch, aber nach dem Preußischen Judenedikt von 1812 ließ sich ihr Vater und mit ihm die Familie taufen und sie assimilierten in die preußische Gesellschaft.

Als 1935 die Nürnberger Rassengesetze in Kraft traten, schrieb Hildebrand Gurlitts Vater an seine Schwester: „Plötzlich bin ich Mitglied einer von Juden geplagten Familie.“ Vor der Machtergreifung Hitlers war Hildebrand Gurlitt ein gefeierter Kurator und Museumsleiter, der ein besonderes Auge für die Kunst des Expressionismus hatte. Spätestens im April 1933 konnte er sehen, in welche Richtung sich Deutschland entwickeln würde. Eine von ihm kuratierte Ausstellung der Hamburgischen Sezession wurde von der Polizei geschlossen, da die ausgestellte Kunst „Kulturbolschewismus“ sei und unter jüdischem Einfluss stehe.

Gurlitt erstand Kunstwerke für das „Führermuseum“ in Linz

Doch Hildebrand Gurlitt war ein Mann, der kein Problem hatte, sich ideologisch je entsprechend der gegebenen Situation neu zu erfinden. Er wurde zu einem bekannten Kunsthändler und eröffnete im Namen seiner als vollständig „arisch“ geltenden Frau eine kommerzielle Galerie. Als 1941 die Propagandaausstellung „Entartete Kunst“ geschlossen wurde, erhielt Hildebrand Gurlitt als einer von vier Kunsthändlern den Auftrag, die konfiszierten Werke für ausländische Devisen zu verkaufen. Im folgenden Jahr erhielt er dann den Auftrag, europaweit für das geplante „Führermuseum“ in Linz, das nach dem Krieg die größte Kunstgalerie Europas werden sollte, Kunstwerke zu erstehen.

Nach dem Krieg versuchte er sich und seine eigene Sammlung vor den Alliierten zu verstecken, doch wurde sie bereits im Mai 1945 gefunden. In den folgenden Jahren wurde mehrfach seine Verwicklung in Kriegsverbrechen und der Bereicherung durch den Krieg untersucht. Schließlich wurde er 1948 freigesprochen, sich an dem Kunstraub der Nationalsozialisten bereichert oder dabei eine hervorgehobene Rolle gespielt zu haben. Er wurde „entnazifiert“, trotz seines über dem erlaubten Limit liegenden Bankguthabens und der ungeklärten Herkunft seiner Kunstsammlung. Bereits 1947 wurde er zum Leiter des Kunstvereins für das Rheinland und Westfalen ernannt.

Kunstwerke mit großem Gewinn verkauft

Als er im Juni 1945 von amerikanischen Soldaten befragt wurde, stellte er sich als Opfer der Nationalsozialismus dar. Er verwies auf seine jüdischen Vorfahren, darauf, dass sein Bruder als „Mischling zweiten Grades“ seine Musikprofessur an der Universität Freiburg verloren hatte und dass er selbst in dauernder Angst davor lebte, als „Mischling zweiten Grades“ in ein Zwangslager interniert zu werden.

Zudem betonte er, dass er während seiner Karriere die Werke moderner Künstler gefördert hätte, weshalb ihn die Nationalsozialisten anfangs verfolgt hätten. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft sei es zudem sein Ziel gewesen, die sogenannte „entartete Kunst“ vor der Vernichtung zu retten. In seiner Akte findet sich jedoch auch die Aussage von Ingeborg Hertmann. Sie hatte mit ihm bis 1942 eng zusammengearbeitet und berichtete ausführlich, wie er Kunstwerke von durch die Rassengesetze verarmten und verfolgten Juden billig gekauft und mit großem Gewinn verkauft hat.

Lebensgeschichte und Nachlass hinterlassen viele Fragen

Hildebrand Gurlitt starb am 9. November 1956. Seine Lebensgeschichte und sein Nachlass lassen bis heute viele Fragen offen. Die Geschichte des „jüdischen Mischlings zweiten Grades“, der das Leid jüdischer Kunstsammler in der Shoa ausnutzte, ist noch nicht zu Ende erzählt. Im Israel-Museum in Jerusalem läuft nun in einer Endlosschleife das Video über seine Lebensgeschichte und den Fund seiner Sammlung, während drumherum Kunstwerke hängen, deren Weg in die Sammlung es noch zu klären gilt. Wenn ihre Geschichten erzählt werden können, dann wird man mehr über Heribert Gurlitt und über die NS-Raubkunst wissen. Dies ist für Ido Braun, den Leiter des Israel-Museums, ein wichtiges Ziel der Ausstellung: „Wir können nur hoffen, dass noch mehr Kunstwerke durch diese Ausstellung und weitere, die weltweit folgen werden, wieder zu ihren rechtmäßigen Besitzern finden werden.“

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