Medien & Menschenrechte

Guatemala: Journalismus als Werkzeug des Widerstands

In Guatemala steht es um Menschenrechte nicht gut. Indigene Lokalreporterinnen beteiligen sich am Kampf um Presse- und Meinungsfreiheit, um das Recht auf sauberes Wasser und eine giftfreie Umwelt. Die Kirche unterstützt sie in ihrem Engagement.
indigene Journalisten
Foto: Andreas Boueke | Sowohl indigene Journalisten als auch die indigene Bevölkerung Guatemalas selbst können auf die Unterstützung der Kirche zählen.

Die Welt schaut hin, wenn autoritäre Regime unabhängigen Journalismus etablierter Medien bedrohen. Aber wenn indigene Reporterinnen in den abgelegenen Mayagemeinden Guatemalas Missstände, Korruption und Umweltzerstörung aufdecken, können sie nicht mit einer solchen Aufmerksamkeit rechnen. Deshalb bemüht sich die katholische Kirche um eine Unterstützung der journalistischen Arbeit von Lokalreporterinnen.

Weltweit nutzen immer mehr Reporterinnen und Reporter die Möglichkeiten der Sozialen Netzwerke und lokaler Radiostationen, um Menschenrechtsverletzungen öffentlich zu machen. „Vielen geht es darum, denjenigen Menschen eine Stimme zu geben, die sonst nie gehört werden“, sagt die katholische Medienwissenschaftlerin Luisa Fernanda Nicolau. Sie arbeitet seit fünfundzwanzig Jahren in dem Menschenrechtsbüro des Bistums von Guatemala-Stadt. „Viele Berichte von Gemeindereportern handeln von denselben Misshandlungen, die schon Jesus beklagt hat.“

„Es empört mich, wenn die Flüsse verschmutzt werden,
wenn ich sehe, wie die Bergbauindustrie ganze Berge zerstört,
wenn Wasserquellen verschwinden,
wenn Bäume gefällt werden, wenn die Tiere ihren Lebensraum verlieren.“

In dem mittelamerikanischen Land Guatemala gehört rund die Hälfte der Bevölkerung einem indigenen Volk an. Die meisten Mayas leben am Rand der Gesellschaft, in Armut und nahezu ohne Aufmerksamkeit der staatlichen Behörden. In ihrer Arbeit für das katholische Menschenrechtsbüro unterstützt Louisa Fernanda Nicolau Rechercheprojekte indigener Journalistinnen. „So soll ein Erbe entstehen, dass auch nachfolgenden Generationen das Recht geben wird, ihre Gedanken frei zu äußern“, sagt sie. Und sie ergänzt: „Viele Lokalreporter schreiben aus der Sicht der Urbevölkerung, ausgehend von einem Wunsch nach Gerechtigkeit und von der Erinnerung an all das Leid, das diese Menschen noch immer erleben.“

Im alten Zentrum von Guatemala-Stadt haben sich einige Dutzend Journalistinnen und Sympathisanten zu einem Demonstrationszug zusammengefunden. Während sie gegen die ungerechte Inhaftierung ihrer Kolleginnen und Kollegen protestieren, macht die Lokalreporterin Norma Sancir Fotos. „Gerade wir Frauen aus der Mayabevölkerung werden in der Medienbranche stigmatisiert. Die Regierung, das Justizsystem und die etablierten Presseverlage und Sender wollen unsere freiberufliche Arbeit nicht als legitim anerkennen.“

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Proteste gegen Einschränkung der Pressefreiheit

Norma Sancir stammt aus dem Mayavolk der Kaqchikel. Diesmal ist sie nicht nur als Reporterin bei der Demonstration dabei, sondern auch als Betroffene. Als sie einmal Fotos von gewaltsamen Übergriffen der Polizei gegen Demonstranten gemacht hat, wurde sie festgenommen. „Die Polizisten waren vulgär, gewalttätig und haben mich sehr aggressiv behandelt, so als wäre ich eine gefährliche Kriminelle. Der Richter hat mir gar nicht erst zugehört. Ich kam ins Gefängnis, obwohl ich mich als Gemeindereporterin ausweisen konnte.“

Die Anklage lautete: Unterstützung einer kriminellen Vereinigung. Dank des Drucks nationaler und internationaler Presseverbände kam Norma Sancir schon nach wenigen Tagen frei. Heute ist Norma Sancir davon überzeugt, dass die Pressefreiheit in Guatemala genauso wenig respektiert wird wie das Recht der Bevölkerung auf Informationen: „Es wird noch lange dauern, bevor die journalistische Arbeit vieler indigener Frauen als solche respektiert wird. Der Lokaljournalismus ist auch deshalb so wichtig, weil die Journalisten der traditionellen Medien nie in die abgelegenen Regionen kommen. Das Leben der Menschen dort interessiert sie nicht, weil sich Nachrichten über Menschenrechtsverletzungen auf dem Land nicht gut verkaufen.“

Indigene wollen „Mutter Erde“ schützen

Norma Sancir hat die meiste Zeit ihrer journalistischen Karriere im Osten Guatemalas verbracht, in der Region des Mayavolks der Chortí. Diese abgelegene Gegend ist am ehesten bekannt für ihre sehr hohe Unterernährungsrate. Zwei von drei Kindern bekommen nicht genug zu essen. „Noch weniger Aufmerksamkeit bekommt der Kampf der indigenen Bevölkerung um die Bewahrung der Natur“, sagt Norma Sancir. „Tatsächlich aber leisten viele Menschen Widerstand. Sie verteidigen ihren Landbesitz und wollen Mutter Erde beschützen.“

In den kleinen Weilern der Umgebung der Ortschaft Olopa hat die engagierte Journalistin viele Freunde gefunden, so auch den 33-jährige Ubaldino García: „Ich bin im Widerstand unseres Dorfes gegen ein Bergbauprojekt aufgewachsen. Wir wollen den Wald und die Wasserläufe vor der Zerstörung durch die Maschinen multinationaler Minenkonzerne schützen. Von der Regierung bekommen wir keine Unterstützung. Im Gegenteil, unser legitimer, gewaltfreier Protest wurde kriminalisiert. Ich kam ins Gefängnis, genauso wie bisher zweiundzwanzig weitere Personen aus unserem Dorf, die sich gegen die Firma aufgelehnt haben. Seither versuchen wir, einen legalen Ausweg aus dem Konflikt zu finden. Deshalb haben wir nach Unterstützung gesucht. So habe ich Norma und ihre journalistische Arbeit kennengelernt.“

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Solidarität mit den Ärmsten und den Bedürftigsten

Die freie Reporterin hat viele Aktionen der Menschen in Olopa begleitet, anfangs aus journalistischer Neugier, aber schon bald, um die Bevölkerung in ihrem Widerstand zu unterstützen. „Ich habe dokumentiert, wie sich alle administrativen Instanzen des guatemaltekischen Staats auf die Seite der ausländischen Firma gestellt haben. Die berechtigten Sorgen der lokalen Bevölkerung werden nicht ernst genommen. Sie bitten um Termine mit dem Bürgermeister, im Bergbauministerium, bei Kongressabgeordneten. Doch nirgends wird ihnen wirklich zugehört. Sie bekommen keine Hilfe.“

Es hat eine Weile gedauert, bevor Ubaldino García Vertrauen zu der Reporterin gefasst hat. Doch mit der Zeit hat er erkannt, dass sie nicht nur einfach ein paar Fotos macht oder Interviews: „Sie hat sich wirklich auf das Leben in unserer Gemeinde eingelassen und unseren Kampf begleitet. Mit ihren Texten verteidigt sie die Rechte unseres Volkes.“ Norma Sancir weiß, dass in westeuropäischen Redaktionsstuben großer Wert auf eine objektive und neutrale Berichterstattung gelegt wird. Diesen Ansatz kann sie respektieren, fühlt sich ihm aber nicht verpflichtet. Ihre Loyalität gilt vor allem der Mayabevölkerung, die unter Armut und Repression leidet.

Lebensbedingungen der Armen sichtbar machen

„Mein Ziel ist es, die Lebensbedingungen der Ärmsten sichtbar zu machen, über ihre Realität zu berichten. Wenn zum Beispiel die Polizei brutale Taktiken der Aufstandsbekämpfung nutzt, um Mayagemeinden von ihrem Land zu vertreiben, dann schaut meist niemand hin. Ganze Hundertschaften gewalttätiger Polizisten können die Interessen einiger weniger Großgrundbesitzer durchsetzen, ohne dass die Gesellschaft davon erfährt. Das möchte ich ändern.“

Die Ausbeutung der Urbevölkerung in Mittelamerika begann mit der Ankunft der europäischen Eroberer vor über fünfhundert Jahren. „So lange haben wir Maya geschwiegen“, sagt Norma Sancir. „Wir haben den Kopf gesenkt und zu allem ,Ja‘ gesagt. Aber jetzt endlich haben wir begonnen, uns auszubilden und zu professionalisieren. Wir haben gelesen, neue Erfahrungen gemacht und voneinander gelernt. Heute sind wir nicht mehr dieselben passiven, leidensfähigen Personen wie unsere Vorfahren.“

Das Erbe der Ahnen hilft bei der Bewältigung akuter Probleme

Auch Norma Sancir fällt es manchmal schwer, den nötigen Mut für gefährliche Recherchen aufzubringen. In Momenten der Verzweiflung sucht sie Trost in den religiösen Traditionen ihres Volkes: „Die Spiritualität der Mayas ist seit Generationen Teil meiner Familie. Meine Vorfahren waren spirituelle Führer und Hebammen. Ihr Erbe hat mir geholfen, trotz der Angst und der Bedrohung ein ausgewogenes Leben zu führen.“

Und sie ergänzt: „Ich habe gelernt, welche Risiken ich eingehen kann und wo meine Grenzen liegen. Es empört mich, wenn die Flüsse verschmutzt werden, wenn ich sehe, wie die Bergbauindustrie ganze Berge zerstört, wenn Wasserquellen verschwinden, wenn Bäume gefällt werden, wenn die Tiere ihren Lebensraum verlieren.“ Denn all dies hinterlasse nicht nur äußere Spuren: „Wir Mayas spüren all das in unserer Seele. Die enge Beziehung zur Mutter Erde ist ein wichtiger Teil unseres Lebens.“

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