Digitalisierung & Datenschutz

„Gaia-X“: Kommt bald die „Euro-Cloud“?

Projekt „Gaia-X“: Die beteiligten Firmen einigen sich endlich auf eine gemeinsame Sprache zum Austausch der Daten in einem europäischen Cloudsystem. Doch es wird ein steiniger Weg sein, amerikanische und chinesische Dominanz aufzubrechen.
Internet-Verkabelung
Foto: dpa | Aus Gründen der Sicherheit sollten europäische Daten ausschließlich bei europäischen Anbietern liegen.

Niemand teilt seine Daten gerne mit Fremden. Darum geben Firmen viel Geld für eine sichere Dateninfrastruktur aus, sobald die Daten interessant werden. Wenn da nicht die USA wären: Der „US Cloud Act“ ist ein Gesetz, das US-Behörden sogar ohne richterlichen Beschluss erlaubt auf Daten zugreifen, die von US-Cloud-Providern kontrolliert werden. Dies gilt sogar dann, wenn diese Daten in europäischen Rechenzentren liegen. Egal ob es Amazon, Adobe, Microsoft oder ein anderer Cloudanbieter aus den USA ist – Uncle Sam kann nachsehen, was der Nutzer gespeichert hat. Mag dies bei den Briefen an Onkel und Tante noch nicht sonderlich interessant sein mag, wird riskant, wenn der Nutzer über seinen Mailaccount bei einem amerikanischen Cloudanbieter mit seinem Arbeitgeber kommuniziert. Industriespionage ist auch unter Freunden der Alltag. Man sieht, wie schwer es ist, im IT-Bereich eine wirklich sichere Infrastruktur aufzubauen.

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So praktisch - doch dann: KI sperrt Nutzer von ihren Daten aus

Jeder, der Office 365 auf seinem Rechner hat, nutzt nur zu gerne die Microsoft-Cloud mit dem schönen Namen „One Drive“. Der Name ist sprechend: „Drive“ bedeutet Laufwerk und steht für Festplatte. Alles auf einer Festplatte zu haben und von egal welchem Gerät darauf zugreifen zu können, wer träumt nicht davon? Wer seine Texte mit der Software Word schreibt und One Drive nutzt, kann nicht nur seine Texte auf Smartphone und Tablet lesen. Die Teilenfunktion macht es möglich, mit Kollegen in Echtzeit gemeinsam an Texten zu arbeiten und über eine automatische Speicherung geht nichts verloren. Der letzte Stand der Bearbeitung liegt immer auf der „einen Festplatte“.

Die Kehrseite dieser US-Datenmacht bekamen jüngst Nutzer zu spüren, denen von jetzt auf gleich die Nutzerkonten gesperrt wurden: Alle Daten sind weg, der Zugriff auf das Mailkonto ist gesperrt und sogar der Reset des Computers ist nicht mehr möglich, denn Microsoft bietet netterweise an, den Bitlocker ebenfalls in der Cloud zu speichern. In einigen Fällen stellte sich heraus, dass die KI Urlaubsbilder mit Kindern darauf „versehentlich“ als Kinderpornografie gedeutet und damit, wie es rechtlich geboten ist, das Nutzerkonto sofort sperrte. Der Cloudanbieter bietet oft keine deutsche Hotline an und ist kaum zu erreichen. Vor allem private Nutzer sind aufgeschmissen. Die sicher geglaubten Daten sind nunmehr sicher unerreichbar. Es gibt neben diesen noch zahlreiche andere Gründe, warum die weltweite Dominanz amerikanischer und chinesischer Cloudanbieter absolut inakzeptabel ist.

„Man kann es sich auf menschliche Ebene gezogen so vorstellen,
dass sich ein Bayer und eine Friese nur deshalb unterhalten können,
weil wir uns auf Hochdeutsch als Verkehrssprache geeinigt haben“

Der Ausweg soll Gaia heißen, genauer: „Gaia-X“: Denn im Jahr 2019 rief das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie die gleichnamige Initiative ins Leben. Von der griechischen Göttin Gaia, der Gebärerin, die mit der Erde gleichgesetzt wird, leitet sich der Name her. Ob die alte griechische Göttin wirklich zu einer attraktiven Cloud wird, ist derzeit noch offen. Es ist ein Projekt, das am Ende ein DSGVO konformes europäisches Cloudsystem hervorbringen soll, das die Abhängigkeit von amerikanischen und chinesischen IT-Anbietern für datengetriebene Plattformen reduziert. Es ist höchste Zeit, denn nicht erst seit gestern urteilen Gerichte, dass Daten deutscher Einrichtungen nicht auf Cloudspeichern unter Herrschaft der USA abgelegt werden dürfen. So verbot das Verwaltungsgericht Wiesbaden einer deutschen Hochschule den Einsatz eines Cookie-Dienstleisters, weil der seine Daten auf US-Servern speichert.

Kritiker sahen lange Zeit in Gaia-X keine Option. „Gaia-X wird keine europäische Cloud schaffen. Es wird ein bisschen mehr Souveränität geben. Aber das ist für mich nicht genug“, sagte Yann Lechelle, Chef des französischen Multicloud-Anbieters Scaleway vor einem Jahr der „Wirtschaftswoche“. Dem stehen Optimisten gegenüber: So betont Martin Endress, Vorstandsmitglied von Ionos SE, einem der federführenden Unternehmen, die an Gaia-X beteiligt sind, auf der Webseite des Unternehmens, für Ionos sei Gaia-X ein starker Impuls für mehr Datensouveränität in Europa und sorge gleichzeitig für echte Wertschöpfung bei der datenschutzkonformen Nutzung von Daten, zum Beispiel durch Datenpooling.

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Noch hatte die Göttin keine Macht

Das hört sich gut an, doch es gibt für Gaia-X keine praktische Anwendung: Während Ionos an dem Projekt festhält, ist Scaleway im vergangenen Jahr ausgestiegen. Doch gerade jetzt erhalten die Optimisten Rückenwind. In den vergangenen Tagen konnten sich die am Projekt beteiligten auf „Gaia-X Data Exchange Services Spezifikationen“ einigen. Das ist einfach ausgedrückt eine gemeinsame Sprache für Cloudserver und Anwender, also einerseits das Vokabular für den Datenaustausch, aber auch die Richtlinien und Modelle für Nachverfolgbarkeit von Daten und deren Wiederauffindbarkeit.

Das ist in der Tat so kompliziert, wie es sich anhört. Man kann es sich auf menschliche Ebene gezogen so vorstellen, dass sich ein Bayer und eine Friese nur deshalb unterhalten können, weil wir uns auf Hochdeutsch als Verkehrssprache geeinigt haben. Das erfolgreichste Modell einer standardisierten Kommunikation von Computern ist sicherlich das Internet. Vernetzt hatte man Computer schon mehr als dreißig Jahre vor der Erfindung des Internet. Man musste sich nur jeweils auf eine Sprache, also ein Protokoll für den Datenaustausch einigen.

Die Dominanz fremder Mächte durchbrechen 

Gelingt es äquivalent dazu einen solchen Goldstandard für Cloudcomputing in Europa herzustellen, wozu die jetzige Einigung ein großer Schritt ist, und gelingt es dann noch, die Softwarehersteller zu überzeugen, ihre Schnittstellen für die europäische Cloud zu öffnen, besteht tatsächlich eine Chance, ein europäisches Gegengewicht zur amerikanischen und chinesischen Dominanz des Cloudcomputings aufzubauen. Die Zeit drängt, denn der Vorsprung der jetzt dominanten Anbieter ist groß. Es geht vor allem um die hiesige Sicherheit, da alle großen Bereiche der Wirtschaft, egal ob Energie oder Verkehr oder Bankwesen und nicht zuletzt die Kommunikation datengetrieben sind. Wer hätte nicht gerne die datengetriebenen Teile der kritischen Infrastruktur Europas auf europäischen Servern mit europäischen Sicherheitsstandards liegen?

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Peter Winnemöller Künstliche Intelligenz

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