Würzburg

Ewiges Leben staffelweise

Um aus dem gewöhnlichen Serien-Einerlei auszuscheren, setzen TV- und Streamingdienste auch auf metaphysische Themen.
Netflix-Werbung für „Altered Carbon“
Foto: Craig Durling/ZUMA Wire/dpa

Im Zeitalter des sogenannten „Peak TV“ und der stetig steigenden Anzahl von TV-Sendern und Streaminganbietern sind dem unbegrenzten Fernsehserienkonsum keine Grenzen mehr gesetzt. Verdeutlicht wird dies durch eine eindrucksvolle Zahl aus dem vergangenen Jahr. Denn 2019 wurden durch die große Konkurrenz von gängigen TV-Sendern, Kabel- und Satellitenanbietern und Streamingdiensten wie Netflix, HBO, Hulu oder Amazon Prime alleine in den USA 532 Fernsehserienstaffeln ausgestrahlt – ein neues Allzeithoch.

Eine Frage dürfte mit Blick auf diese Rekordmenge an fiktionalem Serienstoff und des ständigen Markteintritts neuer Streamingdienste wie Disney+, Apple TV+, Joyn oder TV Now schnell gestellt werden: Wer soll beziehungsweise kann sich das alles anschauen? Die Antwort auf diese Frage können sich die TV-Anbieter selbst geben. Deshalb müssen sich sowohl Sender als auch Serienmacher fragen, wie es ihnen gelingen kann, zu einem mittlerweile äußerst verwöhnten Publikum durchzudringen und dieses davon zu überzeugen, angesichts des Serien-Überangebotes sich ausgerechnet für das eigene Serienprodukt Zeit zu nehmen.

Hieraus ergibt sich, dass seit geraumer Zeit in Serien Themen und Fragestellungen behandelt werden, die aus dem gewöhnlichen Serien-Einerlei ausscheren. So ist in den vergangenen Jahren ein Anstieg von Serien zu vermerken, denen das Kunststück gelungen ist, sich mit einer genuin metaphysischen beziehungsweise christlichen Thematik auseinanderzusetzen und damit sogar bei Kritik und Publikum gleichermaßen punkten zu können: nämlich der Frage nach dem Ewigen Leben und inwiefern es eigentlich erstrebenswert ist, ewig zu leben.

Reinkarnation in seiner High-Tech-Variante

Die meisten Serien bezüglich dieser Thematik hat Netflix im Programm. Wie zum Beispiel die 2018 gestartete US-Science-Fiction-Serie „Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm“, die ab 27. Februar beim Streaming-Giganten in ihre zweite Staffel geht. Die auf der Romanreihe von Richard K. Morgan basierende Serie spielt im 25. Jahrhundert, in dem es aufgrund des technischen Fortschritts möglich geworden ist, den Tod abzuschaffen beziehungsweise Reinkarnation zu einem Markenartikel werden zu lassen. Dieses ist dank eines neuartigen Programms möglich, indem der Geist digitalisiert und auf einen neuen Körper übertragen wird. Reinkarnation in seiner High-Tech-Variante. Die Thematik wird in eine Kriminalgeschichte eingebettet: Der Elitesoldat Takeshi Kovacs (in Staffel 1 Joel Kinnaman, in Staffel 2 Anthony Mackie), der 250 Jahre nach seinem Tod in den Körper eines Polizisten übertragen wird, wird ins Leben zurückgerufen, um einen Mord aufzuklären. Sein Auftraggeber: das Mordopfer selbst. Es handelt sich hierbei um den wohlhabenden Laurens Bancroft, der wie alle der wohlhabenden Klasse Zugehörigen als „Meth“ bezeichnet wird, in Anspielung auf den biblischen Methusalem. Sie leben abgeschottet von den niederen Schichten und kaufen oder klonen sich immer wieder neue, mit speziellen Fähigkeiten ausgestattete Körper, genannt „Sleeves“, um so ihr Leben zu verlängern. Ärmere Menschen jedoch müssen sich mit gebrauchten Sleeves zufriedengeben und da kann es schon mal passieren, dass man mit einem Körper vorliebnehmen muss, der weder dem eigenen Geschlecht noch der eigenen Hautfarbe entspricht. Dass hierbei tiefgreifende Fragen über die Wünschbarkeit ewigen Lebens entstehen, versteht sich von selbst – bis hin zu aktivem Widerstand gegen die Möglichkeit, ewig zu leben, sowie die der Meths, in alle Ewigkeit ihre Macht zu entfalten und im großen Stil zu sündigen.

Auch in der 2018 erschienenen französischen Arte-Science-Fiction-Miniserie „Ad Vitam“ (ebenfalls auf Netflix abrufbar) sind Altern und Sterben kein Problem mehr – doch statt Reinkarnation ist hier das Aufhalten des Alterungsprozesses des Körpers die Lösung aller Dinge. Der Polizist Darius (Yvan Attal) – 119 Jahre jung, aber aussehend wie Anfang 50 – steigt wie so viele andere seiner Mitmenschen in ein biochemisches Revitalisierungsbecken, in dem die eigenen Zellen immer wieder erneuert werden. Dies ermöglicht ihm einerseits ein Leben voller Exzesse, die seiner Gesundheit nichts anzuhaben vermögen und mit dem er sich einigermaßen arrangieren kann. Doch ebenso wie in „Altered Carbon“ gibt es in „Ad Vitam“ Widerstand gegen diesen Ewigkeits-Hedonismus der Alten – und so muss Darius ausgerechnet am 169. Geburtstag des ältesten Menschen der Welt das Sterben einer Gruppe junger Menschen aufklären, die offensichtlich gemeinsam Suizid begangen haben. Dafür bekommt der Polizist mit Christa (Garance Marillier) eine (wirklich) junge Assistentin zur Seite gestellt, die einst mit einer Sekte (deren Anführerin von Hanna Schygulla gespielt wird) ebenfalls einen kollektiven Suizidversuch begangen hat und der die gesellschaftliche Dominanz der Hundertjährigen ein Dorn im Auge ist. Der alte Flic mit dem jungen Äußeren und die junge Rebellin mit der alten Seele geraten in einen vertrackten Fall – und an existenzielle Grundfragen.

Den Tod als bejahenswertes Ende annehmen

Weitere aktuelle Serien, in denen ebenfalls das Thema Ewiges Leben behandelt wird, sind die US-Fantasyserie und erfolgreichste Netflix-Serie des vergangenen Jahres, „The Witcher“, sowie die Anfang 2020 veröffentlichte BBC-Netflix-Co-Produktion „Dracula“, eine Neuverfilmung des Bram Stoker-Stoffes von den „Sherlock“-Machern Steven Moffat und Mark Gattis. Während in erstgenannter Serie die Figuren und Charaktere zwar durchaus sterblich, aber dazu in der Lage sind, jahrhundertelang zu leben, handelt es sich beim Vampir Dracula selbstverständlich um einen der berühmtesten Untoten der Literatur- und Filmgeschichte. Die Autoren Moffat und Gattis deuten den Dracula-Mythos auf eine interessante Weise neu: Sie stellen den Drang des Grafen, Angst und Schrecken zu verbreiten und sich vom ihn persönlich belebenden Blut seiner Opfer zu ernähren, als Furcht vor dem Tod.

Hochspannend und im besten Sinne bewegend sind insgesamt die Fragen, die „Altered Carbon“ und andere genannte Serien dem Zuschauer mit auf den Weg geben: Was passiert mit einem Menschen, der über Jahrhunderte hinweg Zynismus, Leiden und Ungerechtigkeit erleben muss? Wie führen Menschen eine Beziehung, die 118 Jahre oder länger dauert? Was geschieht mit dem menschlichen Geist, wenn er schlicht zu lange läuft? Wie empfinden wir, wenn wir geliebte Menschen in einem völlig anderen Körper wiedersehen? Und schließlich: Was macht es mit uns, wenn wir in alle Ewigkeit weitersündigen können – ganz ohne Konsequenzen und ohne Hoffnung auf ein Ende? Die Beantwortung dieser Fragen wird teilweise drastisch vollzogen – zynisch, gewalttätig und mit viel nackter Haut. Und dennoch ist die Antwort auf all die gestellten Fragen eine christliche: nämlich die, dass der sündige und unerlöste Mensch nicht für ein ewiges Leben auf Erden gemacht ist. Vielmehr gelte es, den Tod als durch den Sündenfall in die Welt gekommenes notwendiges und bejahenswertes Ende zu sehen und diesen als festen Bestandteil des Lebens anzunehmen. Mit Aussicht auf eine Art ewigen Lebens, wie nur Gott es zu geben vermag. Denn wie es der reiche Meth-Zyniker Laurens Bancroft gegenüber Takeshi Kovacs in „Altered Carbon“ zugibt: „Mr. Kovacs, die Gefahr, die darin besteht, zu viele Male zu leben, ist, die Furcht vor dem Tod zu verlieren.“

Die Serien „Altered Carbon“, „Ad Vitam“, „The Witcher“ und „Dracula“ sind auf Netflix abrufbar.

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