Rom

Eine Katechese des Blicks wagen

Der Papst will die „Erinnerung in Bildern hüten“. Franziskus plant deshalb offenbar die Gründung eines Zentralarchivs für die audiovisuellen Bestände der Kirche.
Szene aus dem Film „Fahrraddiebe“ von Vittorio de Sica
Foto: IN | Szene aus dem Film „Fahrraddiebe“ von Vittorio de Sica aus dem Jahr 1948, einem Klassiker des italienischen Neorealismus.

Dario Edoardo Vigano, ehemaliger Direktor des Vatikanischen Fernsehzentrums und von 2015 bis 2018 Präfekt des heutigen vatikanischen „Dikasteriums für die Kommunikation“ sowie Autor von etwa zwanzig Büchern über Film und Kino, hat kürzlich ein weiteres Werk darüber veröffentlicht: „Lo sguardo: porta del cuore. Il neorealismo tra memoria e attualita“ („Der Blick: das Tor zum Herzen. Neorealismus zwischen Erinnerung und Aktualität“).

In seinen Schreiben zitierte der Papst Kinofilme

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Eine Besonderheit an Viganos Buch: Auf den Seiten 13 bis 20 wird ein Interview wiedergegeben, das der Autor mit Papst Franziskus führte.

Dem Buchtitel entsprechend spricht der Heilige Vater im Interview insbesondere über den Einfluss des italienischen Neorealismus auf sein Leben: Durch die neorealistischen Filme der Nachkriegszeit hätten Kinder wie er in Argentinien „die große Tragödie des Weltkriegs“ kennengelernt: „Es ist dem Kino zu verdanken, dass wir ein tiefes Bewusstsein für seine Auswirkungen entwickelt haben“.

Über die bloße Wissensvermittlung hinaus habe jedoch insbesondere diese Filmrichtung einen tiefen Eindruck in ihm hinterlassen: „Die Filme des Neorealismus haben unsere Herzen geformt und können es immer noch. Ich würde sagen: Diese Filme haben uns gelehrt, die Realität mit anderen Augen zu sehen. Wie sehr müssen wir heute lernen zu schauen! Deshalb brauchen wir Augen, die in der Lage sind, die Dunkelheit der Nacht zu durchdringen und den Blick über die Mauer hinaus auf den Horizont zu richten. Heute ist eine Katechese des Blicks so wichtig, eine Pädagogik für unsere Augen, die oft nicht in der Lage sind, inmitten der Dunkelheit das ,große Licht‘ (Jes 9,1) zu sehen, das Jesus zu bringen kommt. Wie schön wäre es, wenn durch das Kino die Bedeutung der Bildung für den reinen Blick wiederentdeckt wird“.

Heute ist eine Katechese des Blicks so wichtig,
eine Pädagogik für unsere Augen,
die oft nicht in der Lage sind,
inmitten der Dunkelheit das ,große Licht‘ (Jes 9,1) zu sehen,
das Jesus zu bringen kommt

Die hier erwähnte „Katechese des Blicks“ hat Franziskus selbst bereits angewandt. Im Interview erinnert er daran, dass er in seinem nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ auf den Spielfilm „Babettes Fest“ (Gabriel Axel, 1987) zurückgriff, um „die Freude, anderen Vergnügen zu bereiten und zu sehen, wie sie genießen“ zu verdeutlichen; in seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ habe er dreimal aus dem Film von Wim Wenders „Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes“ zitiert.

Für den Papst kann die Filmkunst etwas Transzendentes leisten: „Wo wir nur eine Grenze sehen, baut das Auge des Dichters und des Künstlers Durchgänge, öffnet Breschen in den Schranken, sieht die Zeichen einer schöneren und größeren Wirklichkeit.“ Deshalb könne die Betrachtung eines Films „eine Reihe von Fenstern in die menschliche Seele öffnen“. Denn der Blick, den ein Film biete, „offenbart die vielfältigste Ausrichtung der Innerlichkeit, denn er ist in der Lage, Dinge zu sehen und in Dinge hineinzuschauen. Der Blick provoziert auch das Gewissen zu einer sorgfältigen Prüfung. “Deswegen plädiert Franziskus dafür, „gute Hüter der ,Erinnerung in Bildern? (zu) sein, um sie an unsere Kinder und Enkelkinder weiterzugeben.“

 

Der Heilige Vater denkt dabei allerdings nicht nur an Filme, sondern an „alle audiovisuellen Quellen als wertvolle Zeugnisse der Vergangenheit“. Denn „wir leben im Zeitalter des Bildes“, weshalb es „zu einer ständigen Ergänzung der schriftlichen Aufzeichnungen in unserer Geschichte geworden“ sei, und es auch in Zukunft sein werde. Weil audiovisuelle Medien einer ständigen Pflege bedürften, „müssen wir in dieser Hinsicht mehr tun, auch als Kirche.“

Kommt eine „Vatikanische Mediathek“?

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Dies ist selbstverständlich eine Steilvorlage für den Interviewer und Buchautor: Auf Viganos Frage, ob dieses „mehr tun von Seiten der Kirche“ bedeute, das „Erbe der audiovisuellen Quellen“ in einer Einrichtung zu sammeln, die „die Institutionen des Apostolischen Archivs und der Bibliothek ergänzt“, wird der Heilige Vater sehr konkret: „Ich denke an eine Institution, die als Zentralarchiv für die dauerhafte, nach wissenschaftlichen Kriterien geordnete Aufbewahrung der historischen audiovisuellen Bestände der Einrichtungen des Heiligen Stuhls und der Weltkirche sorgen würde. Man könnte sie neben dem Archiv und der Bibliothek als Mediathek bezeichnen, die der Sammlung und Bewahrung des Erbes historischer audiovisueller Quellen von hohem religiösen, künstlerischen und menschlichen Niveau dient.“

Zur Leitung einer solchen „Vatikanischen Mediathek“ käme gerade Monsignor Dario Edoardo Vigano besonders in Frage. Denn er lehrte ab 1998 nicht nur „Semiotik des Kinos und der audiovisuellen Medien“ an der LUMSA (Libera Universita Maria Ss. Assunta) in Rom. Darüber hinaus ist er seit 2000 Professor für „Kommunikationstheorie“ an der Päpstlichen Lateranuniversität und Leiter des Instituts „Redemptor Hominis“. Er war Stiftungsrat der „Fondazione Ente dello Spettacolo“, einer Einrichtung zur Filmkultur der Italienischen Bischofskonferenz, die für die Filmzeitschrift „Rivista del Cinematografo“ zuständig ist, und etwa auch Monografien über bedeutende Regisseure der Filmgeschichte herausgibt. Die Stiftung veranstaltet außerdem das Filmfestival „Tertio Millennio Film Fest“, das auf die Initiative Johannes Pauls II. 1997 erstmals stattfand.

Noch ist nichts in „trockenen Tüchern“

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Es darf davon ausgegangen werden, dass Vigano das Vertrauen des Heiligen Vaters genießt. Zwar hatte er im März 2018 den Papst um seine Entpflichtung als Präfekt des Kommunionssekretariats gebeten – Vigano hatte einen Brief des emeritierten Papstes Benedikt XVI. anlässlich der Vorstellung einer Buchreihe über die Theologie seines Nachfolgers nur „selektiv“ zitiert, und damit einen kleinen Skandal ausgelöst. Franziskus nahm jedoch den Rücktritt „nicht ohne einige Mühe“ an.

Später – im August 2019 – ernannte der Papst Vigano zum Vizekanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und der Päpstlichen Akademie für Sozialwissenschaften. Schließlich kann die Veröffentlichung des Interviews in Viganos aktuellem Buch selbst ebenfalls als Zeichen eines besonderen Vertrauensverhältnisses gedeutet werden.

Ob allerdings dieser Vorstoß des Papstes nun tatsächlich zur Gründung einer „Vatikanischen Mediathek“ nach Vorbild des Apostolischen Archivs führt, wird man abwarten müssen.

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