Kriegsberichte

Diese Chancen eröffnen hypermoderne Kriegsreporter

Das Kriegsgeschehen in der Ukraine kommt mithilfe der sozialen Medien selbst den Menschen in nicht unmittelbar betroffenen Gegenden sehr nahe. Doch für die Wahrheit muss man auch im Zeitalter des Smartphones tiefer graben.
Ukraine-Konflikt - Panzer in Mariupol
Foto: dpa | Dank sozialer Medien und (nicht nur) professioneller Kriegsreporter vor Ort, erfährt die Weltöffentlichkeit beinahe direkt übertragen, die Realität Putins Angriffskriegs gegen die Ukraine.

Im zweiten Irakkrieg zu Beginn des Millenniums tauchte ein neues Phänomen der Kriegsberichterstattung auf: Mit internetfähigen Mobiltelefonen erstellte Fotos und Videos direkt vom Schauplatz des Krieges gingen um die Welt. Diese Bilder waren weder von Soldaten noch von Kriegsberichterstattern angefertigt – Menschen vor Ort teilten das Geschehen live. Die Bilder zeigen in einer bis dato unbekannten Unmittelbarkeit die Grausamkeit des Krieges.

Seit Beginn der Kriegsberichterstattung bewegt sich diese zwischen staatlicher Propaganda, politischen Interessen Dritter und dem Willen, die Wahrheit zu zeigen. Wer erinnert sich nicht an die Journalisten Harry Blount und Alcide Jolivet aus dem Roman „Der Kurier des Zaren“ von Jules Verne? Natürlich hatte Verne die Figuren humorvoll überzeichnet. Sie zeigten trotz allem exakt den Archetypus des Kriegsberichterstatters im Spannungsfeld politischer Interessen. Heute zeigen Vernes Romanfiguren, wie groß die Distanz der Leser zum Geschehen noch vor gut 150 Jahren war: Keine Fotos, sondern allein die schriftliche Beschreibung, die bis zur letzten intakten Telegrafenstation über den Draht nach Paris und London geht.

„Es ist auch in Zeiten moderner Kommunikation eine Binsenweisheit,
dass im Krieg immer zuerst die Wahrheit stirbt.
Auch hypermoderne Kriegsberichterstattung schützt vor Propaganda nicht“

Von da an gibt es erst nach Monaten wieder Berichte nach der Rückkehr aus dem Kriegsgebiet. Die Beschreibung des Geschehens geht nicht nur durch den Telegrafendraht, sie geht immer auch durch den wertenden Kopf des Berichtenden. Je größer die Distanz des Berichtenden zum Leser, desto größer ist auch die Distanz des Lesers zur Wirklichkeit. Seit es mobiles Internet gibt, gibt es jedoch eine erschreckende Nähe zum Krieg.

In der Ukraine harrt seit Tagen als einer der wenigen Journalisten vor Ort „Bild“-Reporter Paul Ronzheimer aus. Telegrafendrähte braucht er zur Berichterstattung nicht mehr, denn Nachrichten kommen über Satelliten aus den entferntesten Gegenden zu uns. Neben den klassischen Medien, die über den Krieg berichten, spielen die sozialen Medien eine größere Rolle. Auch ein Profi wie Ronzheimer greift neben klassischen Kanälen auf soziale Medien zu. Kurze Botschaften und Videos auf Twitter holen den Krieg direkt aufs Smartphone. Der Weg vom Berichterstatter zu seinen Lesern und Zuschauern ist kurz. Auf allen Kanälen ist Ronzheimer gefragt und berichtet ungeschönt und unmittelbar vom Kriegsgeschehen.

Schonungslose Klarheit über soziale Medien

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Andere Profis senden ebenfalls direkt und ohne Umweg über soziale Medien. Der ukrainische Fotograf Vadim Ghirda hat die Folgen des Massakers von Butscha unter anderem auf Instagram dokumentiert. Der Kurzlink bit.ly/3j3nFyw ruft den Kanal von Ghirda auf. Die Bilder dokumentieren das mutmaßliche Kriegsverbrechen in schonungsloser Klarheit: Gefesselte Menschen, die mit Kopfschuss förmlich hingerichtet wurden, sind ebenso zu sehen, wie trauende Menschen, die das Massaker überlebt haben. Mit Ghirda ist ein Profi am Werk, der seinen Bildern eine grausame Antiästhetik zu geben versteht: Bei solchen Bildern braucht es keine Erklärung. Sie sprechen eine deutliche Sprache. Doch die Deutlichkeit der Bildsprache kann täuschen. Nur im Kontext der gesamten verfügbaren Informationen ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit ein verlässlicher Deutungsschlüssel.

So warf die russische Propaganda der Ukraine vor, das Massaker von Butscha fingiert zu haben. Doch hier gibt es Beweise für die Richtigkeit der Fotodokumente von Ghirda: Hochauflösende Satellitenbilder einer Straße in Butscha von Mitte März zeigen mehrere Leichen mutmaßlicher Zivilisten, die auf oder neben der Fahrbahn liegen. Die von der US- Firma Maxar Technologies zur Verfügung gestellten Bilder verifizieren die Darstellung.

Putin lässt reichlich Propaganda verbreiten

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Noch näher am Geschehen sind viele User auf Twitter, die unter Hashtags wie #Ukraine, #UkraineWar, #UkraineUnderAttack oft direkt vom Geschehen Bilder, Videos oder kurze Textnachrichten posten. Beobachter weltweit können sich bei Verfolgen der einschlägigen Hashtags einen direkten Eindruck vom Geschehen verschaffen. Weil ein Spannungsfeld zwischen Objektivität und Propaganda besteht, senden natürlich auch offizielle ukrainische Kanäle in den sozialen Medien. Die Bandbreite der sozialen Netzwerke ist beeindruckend – denn nicht nur Twitter, Facebook und Instagram stellen eine nicht versiegende Quelle an unmittelbaren Kriegsinformationen dar.

Selbst das als Spaßnetzwerk verpönte TikTok liefert unmittelbare Informationen. Da sind Videos aus den Straßen von Butscha zu sehen: Fahrer berichten von Hilfstransporten in die Ukraine. Ein junges Mädchen, das offensichtlich im Westen ist, berichtet von den Eltern in der Ukraine – näher geht es nicht mehr. Von russischer Seite gibt es keine basisdemokratische Berichterstattung, denn den russischen Soldaten ist die Nutzung von Geräten mit mobilem Internet offensichtlich verboten. Natürlich sendet auch Russland über seine offiziellen Kanäle in den Medien reichlich Propagandamaterial. Doch die authentischen Tweets und Posts von der Basis fehlen. Russland zeigt auch hier seine autoritären Züge. Bilder von russischen Soldaten, die die Bilder von zerstörten Panzern in der Ukraine bestätigen würden, will man im Kreml nicht.

Wahrheit tritt durch die Vielfalt der Angebote zu Tage

Selbstverständlich, erst recht im Krieg, liefern soziale Medien nicht zuverlässig die Wahrheit. Es ist auch in Zeiten moderner Kommunikation eine Binsenweisheit, dass im Krieg immer zuerst die Wahrheit stirbt. Auch hypermoderne Kriegsberichterstattung schützt vor Propaganda nicht. Der unbestreitbare Fortschritt zeigt sich jedoch darin, dass die Wahrheit aufgrund des Zusammenwirkens unterschiedlicher Medien und Technologien deutlicher hervortritt.

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