Würzburg

Der Journalist als Aktivist

Eine Analyse zum "Tunnelblick auf den Klimawandel": Mediale Darstellung und Realität driften immer weiter auseinander.
Welt versinkt im Wasser
Foto: Adobe Stock | Egal ob brennende Erde oder versinkende Welt: Horrorszenarien verkaufen sich auch im Journalismus gut.

Eine übertrieben aufgebauschte, mediale Berichterstattung ist in Ordnung, sofern sie der guten Sache dient – 72 Prozent der deutschen Journalisten billigen manipulative Darstellungsmethoden zur Beseitigung von Missständen. So lautet die ernüchternde Feststellung von Hans Mathias Kepplinger, der in seinem Vortrag „Tunnelblick auf den Klimawandel“ ein Schlaglicht auf den Kampf um die Deutungshoheit in den Medien wirft. Der emeritierte Professor hat sich als langjähriger Leiter des Instituts für Publizistik der Universität Mainz mit seinen Analysen zur Medienberichterstattung einen Namen gemacht und die Wechselwirkungen zwischen medialer Darstellung und deren gesellschaftlichen Auswirkungen untersucht. Der Vortrag war Teil der Veranstaltungsreihe „Soziale Marktwirtschaft: Wohin treibt Deutschland?“ des Wirtschaftsbeirats Bayern, eines branchenübergreifenden und überparteilichen Berufsverbands von Entscheidungsträgern der Ökonomie, der sich den Dialog von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik auf die Fahnen geschrieben hat.

Natürlich bestreitet auch Kepplinger nicht den Klimawandel, verweist aber auf die bemerkenswert großen Abweichungen der gemessenen Werte im Vergleich zu den vom Weltklimarat (IPCC) erwarteten. Nicht ohne Grund publiziert der IPCC die Ergebnisse seiner Computermodelle zur Klimaentwicklung nicht etwa als sicher eintreffende Prognosen, sondern graduiert seine Projektionen von „äußerst wahrscheinlich“ bis „vage“.

Katastrophenszenarien sind gut für die Auflage

Während sich also die Wissenschaftsgemeinde über diese methodischen Unschärfen durchaus im Klaren ist, sind weite Teile der Gesellschaft von der Schärfe des drohenden Damoklesschwerts überzeugt. Freitags hüpfen panische Kinder, die – den nahenden Klimatod vor Augen – sich um Zukunft und Leben gebracht wähnen, die Kanzlerin schwadroniert von gesonderten Klimakabinettsrunden, wie sie sonst nur aus bewaffneten Konflikten bekannt sind und die deutsche Autoindustrie vollzieht den Kotau vor Greta Thunbergs düsteren Prophezeiungen.

Als einen Grund für diesen „Tunnelblick“ nennt Kepplinger die mangelhafte Berichterstattung über die Wahrscheinlichkeitsangaben im Weltklimabericht. Das Problem ist der Natur des Journalismus geschuldet; die Berichterstattung muss schnell, kurz und bündig sein; das Katastrophenszenario macht Auflage, die Wissenslücken der Klimaforscher nicht. In der Praxis bewirken diese Publikationsentscheidungen teils extreme Wahrnehmungsverzerrungen, da die wenigen medial verbreiteten Befunde wie Leuchttürme aus dem Meer der möglichen Szenarien herausragen. Dass deren Eintreffen aber alles andere als sicher ist, haben die Medien ihren Lesern, Hörern und Zuschauern – beispielsweise bei der Vorstellung des fünften Klimaberichts 2013/14 – zumeist vorenthalten.

Ausbildungsgänge fördern gezielt politisch relevante Geisteshaltungen

Abgesehen von diesen betriebsbedingten Schwächen des Journalismus' sieht der Kommunikationswissenschaftler aber auch noch andere Mechanismen am Werk. Die seit den 70er Jahren erfolgte Akademisierung der journalistischen Ausbildung bewirkte eine Schwerpunktsetzung auf geisteswissenschaftliche Fächer, die dem Verständnis naturwissenschaftlicher Zusammenhänge wenig dienlich ist. Einige der heutigen Ausbildungsgänge fördern dazu gezielt politisch relevante Geisteshaltungen, wie etwa Umweltjournalismus, Lebensqualität und Nachhaltigkeit.

Dass die parteipolitischen Präferenzen bei Medienvertretern mehrheitlich auf der linken und vor allem grünen Seite des politischen Spektrums angesiedelt sind, wird seit einigen Jahren breit diskutiert. Der Haltungsjournalist von heute begreift sich nicht mehr nur als Berichterstatter, sondern als Aktivist, der das Gute in der Welt fördern will.

Unter den Meinungsmachern herrscht hoher Konformitätsdruck

Darüber hinaus herrscht unter den Meinungsmachern ein hoher Konformitätsdruck, denn – so Kepplingers Beobachtungen – eine Anpassung an die im Kollegenkreis vorherrschende Weltanschauung entlastet von persönlicher Verantwortung. Negative Folgen journalistischer Berichterstattung werden von der schreibenden Zunft leichter verziehen, sofern der jeweilige Kollege eine zur eigenen Meinung ähnliche Auffassung geäußert hat. All das fördert eine Kultur der hysterisierenden Schaumschlägerei, dient diese doch sowohl der persönlichen Karriere als auch der Auflage und damit der eigenen Reichweite.

In einer Skandalisierungsspirale schrauben sich Journalisten und Redaktionen gegenseitig hoch. Vor allem bei länger anhaltender Fokussierung auf ein Ereignis oder Thema kann dies dazu führen, dass tatsächliche oder mögliche Gefahren in den Medien immer drastischer dargestellt werden. Illustratoren entwerfen Titelseiten mit brennenden Erdkugeln, biedere Karten zur Wettervorhersage werden in alarmistischen Rottönen eingefärbt. In dem aufgeheizten Medienklima tut sich ein immer breiter werdender Riss auf zwischen erkennbarer Realität und veröffentlichter Meinung; ein Schluss von der Darstellung der Realität auf die dargestellte Realität ist nicht mehr möglich.

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