Berlin

Der Dicke Hund: Monogam leben ODER heiraten?

Die BILD berichtet mehr als launig. Und nicht immer kompetent. So beginnt ein Aritkel über die Diskussionen um das neue Sarah-Buch mit der Frage, ob Priester monogam leben sollen oder auch heiraten dürfen.
„Wir sind Papst!“
Foto: Tobias Kleinschmidt (dpa) | Arbeiter befestigen am 19.09.2011 in Berlin an der Fassade des Axel-Springer-Hochhauses ein riesiges Banner - ein Faksimile der Titelseite der Bild-Zeitung vom 20.

Erinnern wir uns: Es gab die Botschaft als Seite 1, ganz groß gedruckt, als Sticker für die Kleidung und als Riesenverhüllung des gesamten Springerhauses in Berlin: „Wir sind Papst!“ Als Joseph Kardinal Ratzinger am 19. April 2005 zum Petrusnachfolger gewählt wurde, war niemand medial so stolz und auffällig wie die BILD. Als Benedikt XVI. Deutschland besuchte und in die Hauptstadt kam, war niemand so großflächig unübersehbar und stolz wie die BILD. Den BILD-Papst konnte niemand übertrumpfen.

Erinnern wir uns: Ein konservativer Bischof wurde zum Protzbischof erklärt. Eine Badewanne wurde zum Symbol. Der Druck auf den Hirten wurde immer größer. Auch mit der BILD. Das Etikett „Protzbischof“ blieb kleben, auch nach dem erzwungenen Rücktritt – und auch, nachdem sich die Badewanne in der beschriebenen Form als Fakenews erwies. Der Jäger hatte zuvor auch schon Christian Wulff im Visier. „Erfolgreich.“ Beide sind zurückgetreten (worden): der Bischof und der Präsident. Das Wort machte die Runde: Wer mit der BILD nach oben fährt, fährt auch mit ihr nach unten. Wir sind Recht (?). Und: Wir sind Macht.

„Wer mit der BILD nach oben fährt,
fährt auch mit ihr nach unten“

Erinnern wir uns: Zuvor wurde ein anderer Bischof gejagt, ebenfalls konservativ und nicht mainstreamig. Auch er, der sich so unerschrocken für die Ehe von Mann und Frau eingesetzt hatte und über den man erzählte, er habe eine Liebe zum Alkohol und zum Züchtigen in früheren Zeiten gehabt, musste gehen. BILD setzte ins „Bild“.

Erinnern wir uns: Großflächig wurde berichtet, dass zwei Prälaten im Umfeld des emeritierten Papstes homosexuelle Praktiken hatten. Detailliert wurde erzählt, was angeblich geschah. Und irgendwie schien es eine Nähe zum Vertrauten des zurückgetretenen Pontifex zu geben. Ein großes Foto ließ den Eindruck zu, Erzbischof Georg Gänswein habe einiges gewusst. Wir sind Richter.

BILD: Es gibt einen „Krieg der Päpste“

Und nun: Das Boulevardblatt sagt, es gebe einen „Krieg der Päpste“, Benedikt rüge öffentlich „in einem gemeinsamen mit dem erzkonservativen Kardinal Robert Sarah verfassten Buch“ Franziskus. Dieser dürfe auf keinen Fall „den priesterlichen Zölibat entwerten“. Sarah und der Emeritus würden die katholische Kirche davor warnen, sich nicht von „schlechten Einlassungen, Theatralik, diabolischen Lügen und im Trend liegenden Irrtümern“ beeinflussen zu lassen. Der Artikel beginnt mit der Frage: „Sollen Priester monogam leben oder sollen sie heiraten dürfen?“ Aus Benedikt XVI. wird – später korrigiert – in der Erstveröffentlichung Benedikt XIV. Doch der war bereits von 1740 bis 1758 Papst.

Wir reiben uns die Augen: Monogam leben ODER heiraten? Hier kann man beim besten Willen nicht sagen: Wir sind Kompetenz. Denn jede Ehe, jedenfalls eine katholisch sakramental vor Gottes Angesicht geschlossene, ist auf Monogamie, auf Treue angelegt. Der katholisch in einer Ehe Lebende lebt monogam UND verheiratet. Aber vielleicht werden Wissen, Bildung und Recherche ja hoffnungslos überbewertet. Nicht überall. Aber in manchen Stuben vielleicht doch.

Einmal abgesehen davon, dass die Ehelosigkeit des Priesters beileibe keine rein sexuelle Frage ist – wie übrigens eine nachhaltige und fundierte Ehe auch –, und einmal abgesehen davon, dass die Klarheit der Emeritus-Aussagen auch in diesem Fall einhundert Prozent Ratzinger/Benedikt sind, wie sein Vertrauter Georg Gänswein anmerken musste, und abgesehen davon, dass weder Kardinal Sarah noch Papst Benedikt einen Krieg mit Franziskus suchen: Die martialische Flapsigkeit des BILD-Berichts ist echt ein dicker Hund. Oder einfach: Wir sind Dicker Hund.

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