Würzburg

Der dicke Hund: Faktencheck als Geheimwissenschaft

Wenn man den Eindruck gewinnen kann, die Kirche könne die Staatsanwaltschaften wie Schergen befehligen, muss die Macht der Bischöfe heute noch weitaus größer als in der Renaissance sein. Das sind keine Wunschträume deutscher Prälaten. Das war eine implizite Unterstellung in einem Artikel der dpa.
Faktencheck als Geheimwissenschaft - DER DICKE HUND
| Der Dicke Hund: Medienkritik in der "Tagespost"

Der Auftakt des Artikels war schon sehr kräftig. Keine strafrechtlichen Konsequenzen für die Täter in der katholischen Kirche werde es geben, so hieß es in einem von zahlreichen Medien übernommenen Artikel der Deutschen Presseagentur dpa. Gedanklich fühlt man sich in die Zeit der feudalen Fürstbischöfe versetzt. Wenn man den Eindruck gewinnen kann, die Kirche könne die Staatsanwaltschaften wie Schergen befehligen, muss die Macht der Bischöfe heute noch weitaus größer als in der Renaissance sein. Das sind keine Wunschträume deutscher Prälaten. Das war eine implizite Unterstellung in einem Artikel der dpa. Es ging darin vor allem um die nun erneut erhobenen Anschuldigungen des Kriminologen Christian Pfeiffer. Beispielhaft wurde das Bundesland Bayern herausgesucht und Fallzahlen genannt. Anderthalb Jahre nach der Veröffentlichung der MHG- Studie sei in keinem Fall Anklage erhoben worden, lautet einer der Vorwürfe.

"Viele Fälle sind verjährt. Das wird als Empörung aufgebaut.
In einem Rechtsstaat muss sich aber auch
die Strafverfolgungsbehörde an geltendes Recht halten.
Da nützt es nichts, wenn verständliche Emotionen der Opfervertreter
dem Recht widersprechen und Gerechtigkeit fordern"

Der Artikel jongliert sehr geschickt mit Emotionen und Zahlen. Viele Fälle sind verjährt. Das wird als Empörung aufgebaut. In einem Rechtsstaat muss sich aber auch die Strafverfolgungsbehörde an geltendes Recht halten. Da nützt es nichts, wenn verständliche Emotionen der Opfervertreter dem Recht widersprechen und Gerechtigkeit fordern. Berechtigte Emotionen gegen geltendes Recht aufzuwiegen stellt keine Gerechtigkeit her. Jeder Jurastudent im ersten Semester weiß, dass Recht und Gerechtigkeit zwei Paar Schuhe sind. Man hätte an dieser Stelle anregen können, über Verjährung von Missbrauchsstraftaten nachzudenken, da die Traumata der Opfer keine Verjährung kennen. Das wäre gerechtfertigt. Geltendes Recht aber gegen Emotionen zu setzen, dient nicht der Aufklärung. Es ist ein Mittel der Verschleierung.

Forderung des journalistischen Handwerks

Auf dem Höhepunkt bekommt der umstrittene Kriminologe seine Bühne. „Alles nur Show!“, darf er die Stimmung aufheizen. Da nützt es nichts, wenn der Pressesprecher der DBK daran erinnert, dass nun jeder eigentlich ein Déja-vu haben müsste. Die Vorwürfe von Pfeiffer sind so alt wie sie falsch sind. Auch seine Zensurvorwürfe darf Pfeiffer wiederholen, dabei dürfte jedem, der mit der Sache vertraut ist, klar sein, dass Zensur von Datenschutz verschieden ist. Auch Bischöfe dürfen nicht einfach Personalakten von Priestern herausgeben und den Klerus einem Generalverdacht ausliefern. Ein Faktencheck der Tagespost konnte die von der dpa unkontrolliert weitergegebenen Zahlen und angeblichen Sachverhalte als völlig unzutreffend entlarven. Die angeblichen Fallzahlen waren aus der Luft gegriffen. Es hatte ferner sowohl Anklagen als auch Verurteilungen gegeben. Die Behauptung, kein Geistlicher sei strafrechtlich verfolgt worden, konnte in das Reich der Legenden verwiesen werden.

Faktencheck ist keine Geheimwissenschaft. Es ist nicht einmal eine Kunst. Es ist einfaches journalistisches Handwerk. Kaum anzunehmen, dass diese Fertigkeit im Hause dpa nicht vorhanden sein sollte. Darüber hinaus stellt sich die Frage, warum zahlreiche Redaktionen solche Meldungen völlig ungeprüft übernehmen und verbreiten. Immerhin werden darin schwere Anschuldigungen erhoben, die die Kirche in ihrer Gesamtheit in ein schlechtes Licht stellen. Kann oder darf man Absicht annehmen? Ist es dem Zeitdruck des tagesaktuellen Journalismus geschuldet? Was auch immer es ist, es bleibt ein Faktum, dass ein Artikel einer an sich seriösen Nachrichtenagentur falsche, mithin schädliche Informationen in die Welt gesetzt hat und weit verbreitet wird. Das ist ein dicker Hund.

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