Mainz

Der Dicke Hund: Die „SS“ in der Mainzer Fastnacht

Eine Instrumentalisierung von „SS“, „Nazis“ und „Völkermord“ hat nicht nur im Karneval nichts zu suchen. Über den Verlust des vernünftigen Maßes.
„Mainz bleibt Mainz“
Foto: Andreas Arnold (dpa) | Der Sitzungspräsident Andreas Schmitt hat sich als „Obermessdiener“ in teilweise gelungener Polemik gegen die AfD gewandt.

Der Karneval ist eine Zeit ausgelassener Freude. Da lässt man gerne „alle Fünf gerade sein“. Doch wenn „SS“, „Nazis“ und „Völkermord“ in den politischen Schmäh aufgenommen und zur Attacke instrumentalisiert werden, dann ist das eine Grenzüberschreitung nicht nur karnevalistischer Kultur. Das hat im Karneval nichts zu suchen, wo es egal ist, woher du kommst, was du hast oder bist, wo gemeinsam gefeiert wird.

Andreas Schmitt, SPD-Politiker und Sitzungspräsident von „Mainz bleibt Mainz“, hat das in der Figur des „Obermessdieners“ gemacht und damit ein starkes, bei vielen positives Echo erzeugt, denn seine Polemik richtet sich – in Teilen durchaus gelungen – gegen die AfD. Der „Spaß“ hört aber dort auf, wo die „Seniorenabteilung“ der Partei zur Wiederkehr der „SS“ wird, der „Schutzstaffel“ Hitlers als mörderisches Unterdrückungsinstrument. Wenn es heißt: „Betracht Euch Björn Höcke mit dem irren Blick, da denkt sich mancher, Reinhard Heydrich ist zurück.“ Heydrich, SS-Obergruppenführer, war einer der Hauptorganisatoren des Holocaust. Wenn Schmitt auf die „Nazi-Rhetorik“ zu sprechen kommt und in den Saal hineinschreit: „ich kann das auch“: „unsere Kinder“ würden „auf keinem Schlachtfeld mehr krepieren …“. Das ist kein Karneval!

Das öffentliche Klima wird weiter vergiftet

Es gab bisher in Deutschland eine breite Übereinstimmung, wenigstens Holocaust und Völkermord aus Respekt vor den Opfern nicht in die politische Auseinandersetzung – und schon gar nicht in den Karneval – hineinzuziehen und damit nolens volens tendenziell zu nivellieren. Insofern ist die Büttenrede des „Obermessdieners“ ein Beispiel für eine Radikalisierung, die jetzt vom rechten und linken Rand in die Mitte hineinzuschwappen droht, in der vernünftiges Maß verloren geht. Dadurch wird die Vergiftung des öffentlichen Klimas weiter befördert. Wer dies für gefährlich hält, wird sich darüber nicht freuen können. Deshalb irritieren die Jubeltöne in Bezug auf die Büttenrede, zumal wenn man bedenkt, dass statistisch gesehen jeder achte Wähler in einem Fastnachtssaal in Rheinland-Pfalz die AfD gewählt hat. Im Osten Deutschlands ist es beinahe jeder Vierte.

Nun ist die AfD eine Partei, die selbst lautstark Ressentiments schürt, die radikale Tendenzen und Gruppierungen hat und wesentlich zur Spaltung der Gesellschaft beiträgt. Als Christdemokrat meine ich, dass es deshalb notwendig ist, sich mit ihr durchaus robust auseinanderzusetzen, sie argumentativ anzugehen, politisch zu bekämpfen, klar herauszustellen, was grundsätzlich nicht verhandelbar ist, und die AfD vom Verfassungsschutz prüfen zu lassen. Dazu gehört aber auch, darüber nachzudenken, welche eigenen Fehler man gemacht hat und was Wähler denn zur Wahl dieser Partei bewegt.

Die „Nazi-Keule“ zu schwingen, ist dagegen – so sehr das manche auch freut und dazu dient, deren „anständiges“ Gewissen zur Schau zu stellen – ungenügend und teilweise kontraproduktiv, worauf Experten hinweisen. So warnte jüngst der renommierte Historiker Heinrich August Winkler (SPD) vor dem inflationären Gebrauch des Kampfbegriffs „faschistisch“ in der Auseinandersetzung mit der AfD, was letztlich zu einer Verharmlosung des Faschismus führe. Die AfD sei auch nicht mit den Nationalsozialisten gleichzusetzen, sondern am ehesten mit den Deutschnationalen der Weimarer Zeit zu vergleichen. So möchte man den „roten Wichten“ in ihrem Kampf gegen die „braunen Wichte“ zurufen: Etwas ideologische Abrüstung gerade im Karneval täte gut!

Der Autor ist Historiker und lebt in Brandenburg.

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