Künstliche Ansprechpartner

App für Menschen mit psychischen Problemen: Ersetzt KI den Psychologen?

Eine neue App kommuniziert mit Menschen, die psychische Probleme haben.
Kommunikation mit künstlicher Intelligenz
Foto: IMAGO

Künstliche Intelligenz ist in vielen Bereichen auf dem Vormarsch: In Japan gibt es bereits Pflegeroboter und in Seniorenheimen macht man gute Erfahrungen mit Kuscheltieren, die ein bestimmtes Spektrum an Reaktionen auf die begeisterten Streicheleinheiten abgeben, die sie von den Bewohnern erhalten. Kein Wunder also, dass auch im Bereich der Gesprächstherapie inzwischen Apps und AI-Programme im Kommen sind.

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Denn es gibt angesichts der enormen Zunahme an psychischen Befindlichkeitsstörungen und Erkrankungen deutlich mehr Menschen, die einer Behandlung bedürfen, als Psychotherapeuten vorhanden sind. Und genau das wird inzwischen zum Problem: Oder stellen Sie sich einmal vor, Sie haben sich das Bein gebrochen und erfahren beim Notarzt, dass der für Sie vorgesehene Behandlungstermin in sechs Monaten stattfindet. Allein der Gedanke bereitet schon Schmerzen.

„Wünschenswerter wäre allerdings eine Gesellschaft, in der Menschen eine Familie,
Freunde und einen Priester haben, der ihnen auf so eine geerdete Art und Weise hilf“

Dieselben, die sich in Geist und Seele derjenigen breit machen, deren „Beinbruch” im inzwischen auch neudeutsch sogenannten Mental-Health-Bereich liegt, und die um einen Termin bei einem Therapeuten nachsuchen: Sechs Monate Wartezeit sind hier die Norm. Und damit sind keineswegs immer Termine für leichte Befindlichkeitsstörungen gemeint, die man mit ein bis drei vernünftigen Gesprächen wieder ins Lot bringen kann, sondern auch beispielsweise mobbingbedingte Depression bei Teenagern, welche zwingend behandlungsbedürftig ist – und zwar unzweifelhaft sofort.

Leider wird bei der Terminvergabe – sofern keine klar erkennbare Suizidalität vorliegt – aber nicht nach Dringlichkeit, sondern nach Anfrage gehandelt. Viele Probleme, die heute das Denken, Fühlen und Handeln eines größeren Teils der Bevölkerung prägen, wären aber niederschwellig lösbar. Vor allem dann, wenn man einen Gesprächspartner hätte, der ruhig und unaufgeregt zuhört und dann ein paar logische Fragen stellt.

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Probleme auf das angemessene Maß bringen

Die schaffen dann zweierlei: Einen Raum der Akzeptanz und eine Distanz zu den eigenen Problemen, die nur deshalb ein überwältigend scheinendes Ausmaß angenommen haben, weil man ihnen irgendwann erlaubt hat, sich unziemlich weit auszubreiten und das Empfinden das Denken als handlungsleitende Instanz abgelöst hat. Die Fragen, um die es hier geht, regen dazu an, das Denkvermögen wieder einzubeziehen und grenzen so automatisch die Macht der überlaut gewordenen Emotionen ein. Sie sind schlicht, wie diejenigen, die Don Camillo einst Peppone stellte und zugleich klug, weil sie direkt zum Kern des Problems hinführen.

Genau solche Fragen stellt „Clare”. Hinter dem sympathisch klingenden Namen verbirgt sich ein Voice Bot, der darauf spezialisiert ist, Menschen mit Angstsymptomen zu behandeln. Die Idee zur Programmierung der derzeit noch kostenlosen, weil in der Probephase befindlichen App, die zum Jahreswechsel kostenpflichtig werden und für circa 30 Euro pro Jahr angeboten werden soll, geht auf Emilia Theye und Celina Messner zurück. Theye ist Psychologin und ihre Co-Gründerin ist durch ihre als systemische Therapeutin arbeitende Mutter gewohnt, dass man ganz normal über mentale Gesundheitslösungen sprechen kann.

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Zwar allseitig vernetzt und dennoch kontaktarm

Der Grundgedanke der beiden war, dass man, wenn einen Ängste plagen, eigentlich jemanden bräuchte, der einen anruft, zuhören und hilfreiche Fragen stellen kann – eben das, was man in früheren Zeiten von seinem Priester, einem Familienmitglied oder Freund erwarten durfte. Aber die sind in der heute allseitig vernetzten und doch so kontaktarmen Welt rar gesät. Und deshalb erweist sich das Konzept von „Clare&me“, das Theye und Messner entwickelt haben, als bemerkenswert effiziente Zwischenlösung, wenn man sich in negativen Gedanken verrannt hat und in der Angstspirale gefangen ist.

Dass Menschen bereit sind, einem Voice Bot zu erzählen, was sie quält, erscheint verrückt. Tatsächlich ist es aber, wie die Gründerinnen von „Clare&me” herausgefunden haben, durchaus folgerichtig. Denn Ängste und mentale Probleme sind in unserer Gesellschaft immer noch stigmatisiert und dank der allgemeinen Einsamkeit haben viele weder den Mut noch die Gelegenheit, mit einem Menschen über ihre Probleme zu sprechen.

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Probleme? Dann fragen Sie ganz einfach „Clare”

Der Voice Bot erweist sich hier als niedrigschwellige Zwischenlösung, die dazu beitragen kann, Ängste zu lösen, bevor sie den Menschen ganz und gar in ihre Gewalt gebracht haben und schlimmere Erkrankungen zu verhindern. Auch für Menschen, die generell eine hohe Hemmschwelle haben, einen Therapeuten aufzusuchen, ist „Clare&me” einen Versuch wert. Das Projekt wirkt auch deshalb offen, weil es weder Kurse anbietet, noch Kontakte zu Therapeuten vermittelt, also vor allem für jene einen geschützten Raum bietet, die gerade das nicht wollen, deren Ängste aber so bedrängend geworden sind, dass sie den Voice Bot ausprobieren.

Technisch funktioniert „Clare&me” so, dass Clare den WhatsApp-Kontakten hinzugefügt wird und man mit „ihr” über WhatsApp kostenlos telefonieren kann. Dabei spricht man nicht mit einer Computerstimme, was den Kontakt deutlich erleichtert, denn Celina Theye hat dem Voice Bot ihre Stimme geliehen. Die Textsequenzen werden ständig erweitert. Dabei arbeiten die Gründerinnen mit Kommunikationsdesignerinnen und Psychotherapeuten zusammen, um ein größtmögliches Spektrum für das elektronische Coaching zu entwickeln.

Oft hilft es, die Perspektive zu wechseln

Wie „Clare&me” konkret arbeitet, hat Jade Cuttle, eine Journalistin, die für die „London Times” schreibt, ausprobiert: Ihr Problem – eines, das sie mit vielen jungen Menschen teilt – ist, dass sie sich zunehmend Sorgen darüber macht, ob sie wohl jemals einen Partner finden wird. Clare, der Voice Bot, fragt im Gespräch zunächst nach dem Alter von Jade. Sie ist 27. „Das klingt nach einem Alter, in dem man eine Menge Spaß hat”, sagt Clare. „Äh, ja, ich nehme es an”, sagt Jade. „Kannst du absolut sicher sein, dass das, was du befürchtest, wirklich eintreten wird?”, fragt Clare weiter.

Eigentlich nicht, räumt Jade ein. „Das ist eine gute Erkenntnis”, sagt Clare. „Die Perspektive zu wechseln hilft dir, einen Schritt zurückzutreten. Gute Arbeit für heute.” Das ist es tatsächlich. Denn mit wenigen gezielten Fragen hat Jade gelernt, dass sie sich in einer durchaus unnötigen Sorgenspirale drehte. Wünschenswerter wäre allerdings eine Gesellschaft, in der Menschen eine Familie, Freunde und einen Priester haben, der ihnen auf so eine geerdete Art und Weise hilft. Und bei ernsthaften psychischen Problemen raten selbst die Gründerinnen von „Clare&me” dringend dazu, auf die zwischenmenschliche Ebene zu wechseln.

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