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Altern, „ABBA“ bitte unsterblich werden

Digitaltechnik macht es möglich: Die schwedische Popband ist seit 40 Jahren getrennt – im nächsten Jahr werden die vier als Avatare auftreten. Eine wegweisende Pionierleistung?
Abba kündigen neues Album an
Foto: dpa | Virtuelle Abba-Auferstehung: Björn Ulvaeus (l-r), Agnetha Fältskog, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad.dpa

Wer träumt nicht von der Unsterblichkeit? Die Endlichkeit menschlichen Lebens ist schließlich ein Ärgernis. Das Sterben beginnt sehr früh. Kaum hat man den Zenit seiner Leistungsfähigkeit in der Mitte des dritten Lebensjahrzehnts erreicht, schon beginnt der Verfall. Spätestens mit 50 ist die Ars moriendi einzuüben. Retardieren kann man es mit Sport, gesunder Ernährung und Verzicht auf Drogen. Ein Bonmot sagt, das Leben verlängere sich dadurch nicht, es komme einem nur länger vor. Sterblich bleibt man. Der Schriftsteller Tad Williams bot in seinem Romanzyklus „Otherland“ eine Lösung an. Eine Gruppe Multimilliardäre plante, ihr Bewusstsein vollkommen in ein superstarkes Computernetzwerk zu übertragen, um auf diese Weise in den eigens für sie kreierten virtuellen Welten unsterblich zu leben.

Innerweltlich unsterblich werden auch Abba mit ihrem neuen Projekt. Dabei geht es den Musikern nicht darum, persönlich nicht sterblich zu sein. Es geht darum, noch einmal jung auf die Bühne zu kommen. Viele Stars aus den 70er und 80er Jahren erleben gerade eine Renaissance. „Not dead yet“ nannte Phil Collins seine Tour und machte eine beachtliche Show im Sitzen. Albert Hammond springt und tanzt mit über 80 wie ein Jüngling auf der Bühne. Doch der Tod macht auch vor Superstars nicht halt. Die Rolling Stones können nicht mehr geschlossen auftreten. Der Drummer ist tot. Auftritte in Originalbesetzung sind auch für die Beatles, die Bee Gees und andere Bands unmöglich. Bandmitglieder sind gestorben. Die Abba-Musiker sind sichtbar gealtert, doch sie möchten so auf die Bühne, wie sie 1979 auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ausgesehen haben.

Wenn man schon unsterblich wird,
dann bitte in der klassische Phase des Lebens
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Es ist inzwischen 40 Jahre her, dass die Band eine Pause angekündigt hatte. Seitdem hatten sie jeden gemeinsamen Auftritt kategorisch abgelehnt. Welche Rolle dabei Verletzungen aus den privaten Trennungen der beiden einstigen Ehepaare spielt, könnte man nur spekulieren. Fakt ist, Abba war nie wirklich weg. Das Album „Abba Gold“ nahm in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Revival der Band auf. Mit Musical und Film „Mamma mia“ war die Band wieder in aller Munde, ohne groß in die Öffentlichkeit zu gehen. Bei der Premiere des Films im Jahr 2005 waren dennoch alle vier Bandmitglieder anwesend und erstmals gemeinsam öffentlich zu sehen.

Im Mai diesen Jahres kündigte Björn Ulvaeus im Interview in New York neue Lieder für Herbst 2021 an. Waren zunächst nur zwei Lieder geplant, wird es jetzt ein ganzes Album und es kommt eine Tour, hieß es später. Eigentlich ist es keine Tour, es ist ein innovatives völlig neues Projekt. „Wir gehen nach London“, so berichten Ulveaus und Anderson, die beiden Männer von Abba, in einem Video zur Vorstellung des neuen Albums. In der Tat gibt es in Europa keine interessantere Stadt für Musik. Hier läuft alles. Von Oper bis Musical und nicht zuletzt die populäre Musik. ILM Creative Director Ben Morris erklärt, wie das mit dem Konzert gehen soll: „Wir haben die Abba aus 1979 kreiert.“ Die kreierten Charaktere werden im Computer animiert. Abba selber, die Mitglieder der Band, singen und tanzen im Studio.

Angestrebt: Höchste Qualität

Dabei werden die Sänger in spezielle Anzüge mit Sensoren gesteckt und sie werden von mehr als 160 Kameras erfasst. Jede Bewegung, sogar die der Augen wird nachgebildet. Ludvig Anderson, Producer des Projekts, erklärt im Video das technische Verfahren und betont, es sei nicht eine Version von oder eine Kopie von, es sei Abba, was man auf der Bühne sehen werde. Wer vergangene Projekte der Gruppe oder einzelner Mitglieder von Abba erinnert, kann ahnen, dass man höchste Qualität abliefern wird. Es wird im Londoner Osten ein eigenes Theater gebaut, weil die Technik so aufwändig und komplex ist, dass man sie kaum zu transportieren vermag. So werden im kommenden Jahr, dem Jahr 2022, die Musiker von Abba aus dem Jahr 1979 auf der Bühne des eigens zu diesem Zweck erbauten Theaters stehen.

Sie werden singen und tanzen und die Zuschauer werden vergessen, dass es Avatare sind. Wer die beiden vorab veröffentlichten Songs des Albums hört, hört Abba. Binnen Sekunden ist man 45 Jahre jünger, denn obwohl beide Lieder gut in unsere Zeit passen, wecken sie Erinnerungen an den Sound der großen Abba-Zeiten. Was die Leute von und rund um Abba hier erfunden haben und umsetzen wollen, kann eine echte Pionierleistung werden. Auch anderswo denkt man in die Richtung, ist aber längst nicht so innovativ. Ludwig van Beethoven selber hätte in Bonn an Stelle von Dirk Kaftan die zehnte Sinfonie dirigieren können, wären wir auf dem Pfad von Abba schon weiter fortgeschritten. Das von einer Bonner Telekommunikationsfirma ins Leben gerufene Projekt brachte gerade zwei Sätze einer nie komponierten Sinfonie Beethovens hervor, die das Bonner Beethoven-Orchester aufführte. Von der Kritik wurden diese sehr zwiespältig betrachtet. Eine KI hatte nach einer Skizze des Maestro zahlreiche Varianten komponiert. Die Auswahl, was davon gespielt wird trafen Menschen aus Fleisch und Blut, die auch die Instrumentierung vornahmen. Der Dirigent betonte im Anschluss, dass das nicht Beethoven gewesen sei.

Unsterblichkeit wird immer in den besten Jahren dargestellt

Zumindest hier ist Abba besser als Beethoven. Die Technik steckt sicher noch in den Kinderschuhen. Das gilt für die Animationstechnik, die im Falle von Abba die echten Menschen braucht, um die Avatare lebensecht zu programmieren. Das gilt vor allem für KI oder AI, die derzeit keinesfalls echte Musik komponieren können. Björn und Benny mussten wie in den 70er selber ans Klavier und Noten schreiben. Die technologischen Entwicklungen sind allerdings kaum vorhersehbar. Die Optionen können allenfalls Science-fiction sein.

Werden wir Anton Bruckner noch einmal in Linz an seiner Orgel sehen und hören? Wird Richard Wagner persönlich in Bayreuth inszenieren? Werden die Stones noch mal auftreten? Dass ein einst 16-Jähriger, für den ein Abba-Konzert 1979 ein unerfüllbarer Wunsch war, sich diesen 2022 erfüllen kann und die Abba sehen wird, die er damals gern gesehen hätte, ist nur oberflächlich gesehen ein Zufall. Diese Jahre prägen unser Bild von Abba weit mehr als jede andere Zeit. Die klassischen Abba sind gerade die Abba aus den vergangenen Jahren der 70er des vergangenen Jahrhunderts. Wenn man schon unsterblich wird, dann bitte in der klassische Phase des Lebens. Der Gedanke einer klassischen Zeit prägt den Gedanken von Unsterblichkeit weit mehr als wir ahnen. In der christlichen Kunst wie in der eigenen Fantasie sind wir in der himmlischen Unsterblichkeit immer in unseren besten Jahren.

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