Medien ABC: E wie Edit-War ("Editierkrieg")

E wie Edit-War. Von Josef Bordat
Medien ABC: E wie Edit-War

Krieg, so der griechische Philosoph Heraklit, sei „der Vater aller Dinge“. Krieg steht aber vor allem für Zerstörung von Leben und Kultur. Wie dem auch sei: Die Kriegsmetapher ist stark. Wer den Begriff in den Alltag einträgt, will damit in besonders deutlicher Weise eine Problematik vorstellen, die zerstörerisch, zumindest nervtötend ist. Der „Papierkrieg“ mit Behörden oder der zwischenmenschliche „Rosenkrieg“ sind dafür bekannte Beispiele. Ein etwas neuerer Anwendungsfall ist der „Bearbeitungskrieg“ – „Edit-War“. Dieser Krieg findet im Hintergrund der Wikipedia statt, „wenn zwei oder mehrere Benutzer abwechselnd die Änderungen anderer Benutzer rückgängig machen oder überschreiben“, wie es die Online-Enzyklopädie selbst definiert. Eskalieren kann das Ganze in Gestalt des Deletion-War („Löschkrieg“), der eintritt, „wenn zwei oder mehr Administratoren abwechselnd einen Artikel löschen und wiederherstellen“.

Das hört sich erst mal noch ganz harmlos an und die Kriegsrhetorik scheint verfehlt, doch ein derart perpetuierendes Hin undHer kann in der Praxis zu langen Auseinandersetzungen führen, die an den Kräften der (ehrenamtlich tätigen) Bearbeiter eines Artikels zehren, die Lust an der Wikipedia rauben und damit deren Entwicklung gefährden, denn sie lebt ja von motivierten Autoren. Die Diskussion der Kontrahenten, so mühsam sie auch sei, ist dabei unumgänglich. Sie liegt – um im Bild des Krieges zu bleiben – auf der Ebene diplomatischer Friedensbemühungen. Ein Edit-War zwischen Artikel-Bearbeitern resultiert folglich „oft aus unzureichender Kommunikation der eigenen Absichten oder aus mangelndem Verständnis der Argumente des Kontrahenten“.

Entstehen kann solch ein Edit-War überhaupt nur deshalb, weil das Online-Lexikon Wikipedia eine sogenannte open source-Plattform ist, an der jede und jeder mitwirken kann und aus der interessierte Personen nur in Ausnahmefällen ausgeschlossen werden sollen – vor allem dann, wenn sie mutwillig Artikel in offensichtlich sinnloser Manier verändern. Man spricht dann von „Vandalismus“. Die meisten Edit-Wars resultieren aber nicht aus Vandalismus, sondern aus durchaus sachlich fundierten Meinungsverschiedenheiten zweier oder mehrerer „Experten“ für das Thema des Artikels, die kompromisslos auf ihren jeweiligen Sichtweisen beharren.

Es gibt also zwei grundlegende Probleme: 1. die prinzipielle Offenheit des Systems im Hinblick auf Zugang und Teilhabe, 2. die mangelnde Bereitschaft, sich offen mit dem Anderen und dessen Positionierung auseinanderzusetzen. An dieser Stelle zeigt sich etwas, das ganz typisch ist für die Kultur des Internets: Die neuen technischen Möglichkeit zur Interaktion werden nicht in entsprechendem Maße genutzt. Im Gegenteil: Man igelt sich ein, zieht sich zurück, beharrt auf seinem Standpunkt. Ein Phänomen, das auch in den Sozialen Medien sattsam bekannt ist. Doch bei einem Online-Lexikon können Grabenkämpfe ohne konstruktive Debatten dessen Reputation erheblich beschädigen. Ein Lexikon-Artikel ist kein Facebook-Kommentar. Das weiß auch die Wikipedia, droht den „Kriegern“ mit Sperren durch ranghohe Administratoren (nach „unabhängiger Prüfung“ des Falls) und appelliert in UNO-Art an die Gemeinschaft der Enzyklopädisten: „Lasst es bitte nicht so weit kommen!“

Dabei kann ein diskursiv gezähmter Edit-War mit ernsthaft an der Sache interessierten „Kriegsparteien“ durchaus Fortschritt bringen. Ziel wäre es dann – ganz klassisch-dialektisch –, in der Diskussion über These und Antithese zu etwas Neuem zu gelangen, der Synthese. Dann hätte Heraklit am Ende doch noch Recht behalten und „Vater Bearbeitungskrieg“ zeugte einen besseren Artikel.

 
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