Poprevival

Macht die Bühnenshow „Voyage“ ABBA „unsterblich“?

Die vier Musiklegenden stehen dank moderner Technologie virtuell auf der Bühne. Ein Bericht vom Konzertbesuch in London.
Abba-Show «Voyage»
Foto: dpa | Mit der Zeitmaschine aus den 1970ern direkt in die Gegenwart: Das Londoner Konzertspektakel „ABBA Voyage“ bringt Schwedens größten Musikexport virtuell wieder auf die Bühne.

Allein die Anreise zum ABBA-Voyage-Theatre an der Pudding Mill Lane in London ist ein Erlebnis: Mit der „Tube“, also der Londoner U-Bahn sowie der DLR (einer führerlosen Kabinenbahn auf den Schienen der alten Hafenbahn in Ost-London), dauert die Fahrt von der Innenstadt zum eigens für die Show gebaute Konzerthalle etwa eine Stunde. Man sollte früh genug da sein, denn so entgeht man nicht nur den langen Warteschlangen, sondern kann zudem das Vorprogramm mit Drinks und Häppchen im Foyer genießen. Denn der Veranstalter sorgt für Stimmung, schon bevor der erste Ton erklungen ist. Eine „Departure Lounge“ kann man zusätzlich buchen – dort verbringt man die Zeit vor der Show in einem exklusiven Club, dafür ist diese mit rund 100 Britischen Pfund gewählte Variante aber auch nicht ganz billig. Irgendwann ist der große Moment gekommen und die Halle, die circa 3 000 Besucher fasst, ist gefüllt, dunkel und still. Erwartungsvolle Spannung macht sich breit.

Beinahe ein Live-Gefühl

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Dann allerdings wird es für 90 Minuten laut und hell. Björn Ulvaeus und Benny Andersson, die beiden „B“ von ABBA und Initiatoren dieser Show, sagten schon bei der Premiere von „ABBA Voyage“, es sei sehr nah dran an einem echtem „Live“-Gefühl, was man zu sehen bekomme. Und das ist es in der Tat: Plötzlich, nach fast 40 Jahren, stehen die vier Mitglieder von ABBA auf der Bühne, und es ist so, als hätte man sie erst gestern das letzte Mal gesehen. Der Saal kocht, die Stimmung geht sofort in Richtung Siedepunkt und das ändert sich bis zum traditionellen „Thank You For The Music“ nicht. Die alten Hits sind dabei – zwei von den neuen Stücken des 2021er-Comebackalbums „Voyage“ werden ebenfalls gespielt. Es ist Abba, wie Abba sein sollte.

Viel ist über die unglaublich aufwendige Technik der dreidimensionalen „ABBAtare“ geschrieben worden: Diese wirklich auf der Bühne zu sehen, ist noch einmal etwas anderes, als lediglich darüber zu philosophieren. Die Illusion ist perfekt. Sie ist zu perfekt. Und weil sie das ist, geben ABBA in der Show immer wieder absichtlich zu, dass es eine Illusion ist. Es entsteht so ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Lightshow und dreidimensionaler Projektion. Nicht immer stehen die ABBAtare in Lebensgröße auf der Bühne: Mal erscheinen sie übergroß auf den Seitenleinwänden, mal sind sie riesengroß in einer Videoprojektion über die gesamte Breite der Bühnenfläche zu sehen. Zu keinem Zeitpunkt kann man wirklich vergessen, dass sich hier Kunst und Technik paaren. 500 bewegliche Leuchtkörper, 870 kW Audioverstärker und 291 Lautsprecher wirken mit den dreidimensionalen Projektionen, die aus 65 Millionen Pixeln dargestellt werden, zusammen.

„Eigentlich nimmt man an, dass bei so viel Bewegung im Saal,
die Außenwände des Theaters wackeln müssten.
Im vorderen Bereich ist ein Tanzareal, dahinter finden sich Sitzplätze“

Um das Gesamtkunstwerk perfekt zu machen, spielt eine reale zehnköpfige Band aus erstklassigen Musikern tatsächlich live auf der Bühne. Mal ist sie zu sehen, mal ist sie ausgeblendet. Doch die Musiker sind keine Statisten. Die Mitglieder von ABBA stellen ihre Band namentlich vor und es gibt ordentlich Applaus für die eingespielten Soli, wie sich das bei einem Konzert gehört. Einzelne Mitglieder von ABBA stehen auch sonst zuweilen allein oder zu zweit auf der Bühne und moderieren. Das wirkt dann wieder sehr live. Sie erzeugen Lacher und scheinen auch zu reagieren. Das zeigt, wie gut die Show durchdacht ist. Benny Anderson und Björn Ulvaeus sind Vollprofis, die auch hier absolut nichts dem Zufall überlassen.

Zweimal wird sogar ein eigens eingespielter Fantasyfilm zum Gesang von ABBA eingeblendet. Hier wird dann eine kleine zweiteilige Geschichte erzählt, in der natürlich auch ABBA eine Rolle spielt. Auch dieser Film ist gut gemacht und könnte vermutlich zu einem vollen Film mit eigener Story fortgeschrieben werden. Aber wer weiß schon, was die vier Schweden als Nächstes planen.

ABBA veränderte die Musikgeschichte

Schon in den 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war klar, dass sich vier sehr kreative Köpfe zusammengefunden hatten. Sie machten Musik, die die Musikgeschichte veränderte. Das macht man nicht mal eben so. Auch nach der Trennung war das Quartett nicht untätig: Es gab Musicals wie „Chess“ inklusive des Superhits „One Night in Bangkok“ und „Mamma Mia“, das gar zwei Mal verfilmt wurde – zudem wurde die altbekannte Musik digital remastert und neu aufgelegt. Es gab beachtliche Solokarrieren. Und jetzt gibt es „ABBA Voyage“.

Unsterblich geworden waren sie dank ihrer Musik längst. Nun sind sie selber auch optisch unsterblich. Die aufgenommenen Bewegungsmuster der realen ABBA-Mitglieder können mit hoher Wahrscheinlichkeit auch auf spätere Technologien übertragen werden. Vielleicht geht der ABBAtar der zweiten oder dritten Generation ja sogar nach vorne an den Bühnenrand. Das nämlich kann diese Generation noch nicht. Die projizierten Figuren bleiben alle auf einer Linie stehen. Auf dieser Linie bewegen sie sich allerdings recht munter. Sie tanzen, springen, lassen Gewänder fliegen, rocken mit Gitarre und Keyboard, ganz wie man ABBA eben kennt.

 

 

Zeitloses Musik und farbenfrohe Kostüme aber supermoderne Technik

Auch die Kostüme sind so, wie man sie von ABBA erwartet: Hübsch anzusehen, farbenfroh und effektvoll. Doch trotz aller Anmutungen an die Zeit vor vierzig Jahren, obwohl die projizierten Figuren Gesichter und Körper der vierzigjährigen ABBA tragen, ist die Show kein Anachronismus. Es ist so, als hätten die jungen ABBA eine Zeitreise in die Gegenwart gemacht. Ihre Musik ist ohnehin zeitlos: „Fernando“, „Chiquitita“, „Dancing Queen“ – das hören junge Menschen heute wie damals. Lediglich die Licht- und Soundeffekte wären so im vergangenen Jahrhundert nicht möglich gewesen – das ist supermoderne Technik.

Die Kostüme sind, bei aller Anmutung an klassische ABBA-Kostüme, ganz klar aus diesem Jahrhundert: Der Stil, die dargestellten Stoffe, selbst die Zuschnitte wären im vergangenen Jahrhundert so nicht denkbar gewesen. Die Stimmen der Sängerinnen sind, obwohl da zwei junge Frauen auf der Bühne stehen, heute einen Ton tiefer. ABBA macht sich auch damit ehrlich und nimmt gemischte Töne aus alten und neuen Aufnahmen. Der Klang ist echt: Er ist nicht nur echt ABBA, er ist auch echt ABBA 2022.

Die Stimmung im Saal ist permanent am Siedepunkt

Die Auswahl der Musik ist so, dass die Stimmung im Saal immer knapp unter dem Siedepunkt gehalten wird. Eigentlich nimmt man an, dass bei so viel Bewegung im Saal, die Außenwände des Theaters wackeln müssten. Im vorderen Bereich ist ein Tanzareal, dahinter finden sich Sitzplätze. Durch die Projektionstechnik sieht man von jedem Platz aus gleich gut. Natürlich ist man weiter vorne – scheinbar – näher dran. Selbst direkt an der Bühnenkante ist der Abstand zur Projektion so groß, dass die Illusion nicht zerbröselt. So live es auch aussehen mag, letztendlich schaut man einen Film, zu dem live musiziert wird.

Aber es ist ein ausgesprochen gut gemachter Film. Und am Ende schlüpfen die ABBAtare in die Haut der heutigen ABBA: Agnetha, Björn, Benny und Anni-Frid beziehungsweise Frida erscheinen auf der Bühne so, wie sie heute aussehen. Sie sind alle über 70, und das soll man sehen dürfen. Vier ältere Musiker aus Schweden haben es der Welt noch einmal gezeigt: Der donnernde Applaus ist verdient.

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Peter Winnemöller Björn Ulvaeus

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