Feuilleton

Luise Rinser: Die Liebe lehren

Für die Schriftstellerin Luise Rinser gab es keine Denkverbote. Sie liebte das sanfte Rebellentum. Mit ihrem Roman „Mirjam“, der Jesus aus der Sicht einer Frau zeigt, schuf sie vielen Lesern einen neuen Zugang zum Glauben. Von Ilka Scheidgen
Schriftstellerin Luise Rinser
Foto: dpa | „Alles ist Bewegung und Wandlung“: Die Schriftstellerin Luise Rinser vertraute auf die Kraft der schöpferischen Träume.

Luise Rinser war zeitlebens ein Phänomen. Ihre Bücher wurden weltweit über fünf Millionen Mal verkauft und erleben auch heute noch Neuauflagen, teilweise bereits in 40. Auflage. Und dennoch blieb die Literaturkritik stets auf Distanz zu der erfolgreichen Schriftstellerin, von der einige Kritiker meinten, sie als „Erbauungsschriftstellerin“ abqualifizieren zu können. Vielleicht trug zu solch Fehlurteilen auch bei, dass Luise Rinser eben auch „christliche Literatur“ schrieb, was ja schon immer einen gewissen Vorbehalt im Literaturbetrieb auslöste.

Auch als Mensch war Luise Rinser ein Phänomen, pflegte sie doch Freundschaft zu so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie dem Schriftsteller Ernst Jünger, dem Politiker Willy Brandt, dem katholischen Theologen Karl Rahner und dem Dalai Lama, um nur einige zu nennen. Sie war immer ein sehr kommunikativer Mensch, jemand, der sich für die Belange von Randständigen einsetzte. Nicht zuletzt wurde sie von der Partei der Grünen 1984 sogar als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten vorgeschlagen. Kein Zweifel: Luise Rinser war alles andere als konform, sie bewegte sich zwischen den unterschiedlichsten Meinungen und Strömungen. Aber eines war in ihrem Leben und Schreiben eine durchgängige und wesentliche Größe: die Frage nach Gott und einem sinnerfüllten Leben. Darin fühlten sich offenbar viele ihrer Leser angesprochen. Begründet war diese existenzielle Komponente im Katholizismus ihrer Kindheit in Bayern.

Am 30. April 1911 in dem kleinen Dorf Pitzling in Oberbayern geboren, erlebte Luise Rinser als Kind und Heranwachsende einen barocken Katholizismus mit allen Sinnen. Ferien, die sie als Kind in Wessobrunn verlebte, wirkten tief auf das sensible Kind und legten vielleicht die frühesten Impulse für ihr späteres Dichten. Das Rätselhafte, das Mythische und Mystische, eine unberührte Natur – hier erfuhr sie eine erste Ahnung von der Schöpfung, von der Dualität von Endlichkeit und Unendlichkeit. Hier wurden wohl – noch unbewusst – die ersten Steinchen gelegt zu dem Mosaik, das Luise Rinser im Laufe vieler Jahre zu einer ganzheitlichen Lebens- und Weltauffassung und ihrer Gottesvorstellung zusammenfügte.

„An diese Harmonie glaube ich, und darum glaube ich an den Sinn menschlichen Lebens und jeden einzelnen Lebens“, schreibt die Dichterin, rückblickend auf diese frühen Jahre, in ihrer Autobiographie „Den Wolf umarmen“. „Tag ist nicht Tag, wenn nicht Nacht ist, Leben ist nicht, wenn es nicht den Tod gibt, das Gute ist nicht das Gute, wenn es nicht das andre gibt, das wir das Böse nennen. Alles ist Bewegung und Wandlung. Gott, das ist die allesbewegende Kraft, er ist der Wandel, er wandelt sich mit uns, wir wandeln uns mit ihm.“

Ihr erstes Buch, die Erzählung „Die gläsernen Ringe“ wurde 1940 veröffentlicht und sofort zu einem unerwartet großen Erfolg. Damals schon kündigte sich an, was für Luise Rinser wesenhaft bleiben sollte: „Ich bin die geborene Rebellin.“ Und früh auch, nämlich als Ausklang dieses ihres ersten Buches steht, was ebenfalls ein Leitmotiv ihres Lebens und Schreibens werden sollte: „Da erkannte ich zum ersten Male, dass nicht das wirre dunkle Leiden der Kreatur, sondern das scharfe klare Gesetz des Geistes mein Leben leiten würde.“

Drei „Epiphanien“ nennt Luise Rinser, die sie als Jugendliche noch während ihrer Schulzeit hatte und die sie entscheidend beeinflussten: das Gedankengut des Comenius von der Entsprechung von Makrokosmos und Mikrokosmos, das Keplersche Wort von der „Harmonie der Welt“ und als drittes die Idee des Nicolaus Cusanus von der „coincidentia oppositorum“, dem Zusammenfall aller Gegensätze in Gott. Sie schreibt: „Die Wahrheit dieses Satzes fuhr wie ein Blitz in mich und entschied über mein Leben.“ Rinser verfasste etwa 80 Bücher: Romane, Erzählungen, Tagebücher, die in 25 Sprachen übersetzt wurden. In Romanen wie „Jan Lobel aus Warschau“ (1948), „Mitte des Lebens“ (1950), „Bruder Feuer“ (1975) und „Mirjam“ (1983) beweist sie eine vitale erzählerische Kraft. 1952 erhielt Luise Rinser auf Vorschlag von Thomas Mann für „Mitte des Lebens“ den „René-Schickele“-Preis. Mit vielen weiteren Preisen wurde ihr Werk geehrt. Luise Rinser hatte sich im Verlauf vieler Jahre des Schreibens immer mehr davon überzeugen können, dass der Leser „nicht die artistischen Experimente mit der Sprache, die Manieriertheiten mit der Behandlung der Zeit im Roman, die Unverständlichkeiten einer Sprach-Esoterik, die nichts mehr mitteilt“, will. Sie war vielmehr eine entschieden kommunikative Schriftstellerin: „Hier und jetzt will ich leben und gelesen werden.“ Mit der Herausgabe einer umfangreichen Materialiensammlung zu ihrem Werk durch Hans-Rüdiger Schwab (1986) und seiner Auffassung, dass „ihre literarische Handschrift weit unverwechselbarer als die manches ästhetisch ambitionierten Zeitgenossen“ sei, begann auch eine zunehmend differenzierte Einordnung des Rinserschen Werkes durch die Literaturkritik.

Mit „Baustelle“ (1970) begann Luise Rinser eine Reihe von Tagebüchern, die in der Literaturkritik allgemeine Beachtung fanden. Hierin entwickelte sie einen ganz eigenen Stil, eine spezifische Mischung von Reflexion, Beobachtung, erzählerischen Passagen, zeitkritischen Kommentaren, Gedanken und Fragen zu alltäglichen Begebenheiten sowie politischen Ereignissen. Ihre Palette an Reflexionen und scharfen Analysen, philosophischen und theologischen Überlegungen ist überaus breit. Unüberhörbar ist stets ihr leidenschaftliches gesellschaftliches, soziales und religiöses Engagement. Sie glaubt an einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, wohl im Sinne eines Urchristentums. Rinsers Hoffnung hat etwas vom Rebellentum, ein ziviler Ungehorsam gegen Verkrustungen in Kirche und Politik Die Kraft dazu entspringt ihrem Glauben an einen Gott der Lebenden. Gerade das Wandelbare, der Mut zum Unkonventionellen ist ein typischer Rinserscher Charakterzug. „Nur wer meint, festhalten zu können, leidet. Wer sich in den Strom wirft, wird getragen. Wer weiß, dass nichts dauert, hält sich an die Wandlung“, sagt Luise Rinser. In ihrem Roman Bruder Feuer (1975) – einem modernen Franziskus-Roman – behandelt Rinser ihr eigentliches Lebensthema: „Liebe und tu, was du willst" (Augustinus). Es geht um das Handeln aus dem Geist der Liebe, es geht um Fragen des Besitzes und der Wahrhaftigkeit, um den Mut zu solidarischem Handeln.

Ihren Roman „Mirjam“ (1983) kann man ohne Weiteres als ihr reifstes und genialstes Buch bezeichnen. Es erzählt das Leben Jesu und seiner Jünger, sein Wirken während seiner drei öffentlichen Jahre bis hin zu seinem Tod am Kreuz und seiner Auferstehung aus der Sicht der Maria (Mirjam) aus Magdala, einer Jüngerin im Kreise der engen Jüngerschaft um den Rabbi Jesu (Jeschua). Luise Rinser schreibt in der Ich-Form und verleiht dem ganzen Geschehen dadurch eine Lebendigkeit, als sei man als Leser selbst Teilnehmer der biblischen Ereignisse. Die Szenen sind einem aus den Evangelien vertraut. Rinser erzählt auch in einem durchaus biblischen Ton. Doch Mirjam wird zur Projektionsfigur ihrer Schöpferin. Sie kann mithin Fragen und Zweifel, Gespräche unter den Jüngern über Erwartungen an den oft unverstandenen Meister, Reflexionen zur Rolle zum Beispiel des Jüngers Jehuda (Judas), zur politischen Situation in Palästina unter römischer Herrschaft und die Sehnsucht des jüdischen Volkes nach Befreiung aus der Knechtschaft in der Erzählung unterbringen, ohne dass diese wesensfremd wirken. Die Autorin hat für diesen Roman – und das merkt man ihm an – umfangreiche Studien unternommen zur Historie, zu den örtlichen Gegebenheiten, zur Lebenssituation der unterschiedlichen Menschen zu Lebzeiten des Jeschua aus Nazareth.

Natürlich war es eine politisch hochbrisante Zeit, in der deswegen nicht nur der Rebell Jehuda an Jesus als den Messias, der sein Volk befreien will, glaubt. Judas (Jehuda) wird von Rinser als glühender Verehrer seines Meisters dargestellt, der ihn vielleicht am allermeisten liebt, nur eben nicht begreift, dass Jesu Botschaft auf absoluter Gewaltlosigkeit beruht, eben dies: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Diesem Wandeln Jesu, seinen Taten und seinen Gleichnissen in kapitellosen 330 Seiten zu folgen, ist absolut faszinierend und erschließt vieles sonntäglich Gehörte und immer wieder Gehörte und oft Überhörte oder auch Gelesene bis in die Tiefe des Seelengrundes neu. „Es gibt viele Arten von Besitz und viele Arten von Hängen. Frei ist nur der, der auf sein Ich verzichtet. Wer sich selbst hingibt, der hat die Fülle des Lebens. Die Freiheit vom Ich: das ist das Friedensreich.“ Oder: „Kindsein heißt, einen großen Traum haben. Wer zu träumen aufgibt, der gibt sich selber auf. – Wir haben nie etwas anderes als unsere Träume, und sie sind unsere Wirklichkeit. Was man ist, das muss man werden. Das göttliche Kind muss immer neu geboren werden. Unaufhörlich geschieht göttliche Geburt. – Ich aber bin DA! Ich bin der, der DA ist. Ich bin der Bleibende. Ich bin der unvergängliche Traum, der Wirklichkeit ist.“ Die Verwandlung Jesu auf dem Berg Tabor erlebt Mirjam so: „Als wir andern etwas unterhalb des Gipfels ankamen, sahen wir dort oben ein weißes Licht, das uns blendete, und im Näherkommen sahen wir: es hatte eine Gestalt, und diese Gestalt war Jeschua. Er selber war zu Licht geworden. – Heute weiß ich, was es war, das da geschah: die Verwandlung seines Erdenleibes in Geist. Die Vorwegnahme war das. Vorwegnahme seiner und unserer Verwandlung in das, was wir alle sind: Kinder des Lichts, Kinder des ewigen Geists.“

Wie großartig schildert Luise Rinser zum Beispiel die Szene beim letzten Abendmahl: „Joschua wartete, bis es draußen still wurde. Dann ließ er eine frische Mazza kommen und einen großen Becher Wein. Nun brach er die Mazza in kleine Stücke und sagte: So werde ich zerbrochen, so wird alles Lebende zerbrochen, denn noch steht alles unter dem Gesetz des Todes. Dann tunkte er ein Stückchen Mazza in den Wein und sagte: Und so wird alles wieder vereinigt, wenn ich die Erde mit meinem Blut tränke. Von da an gilt nicht mehr das Gesetz des Todes, sondern das des ewigen Lebens im Geiste.“ Luise Rinser erzählt nicht nur, sondern betreibt im Erzählen gleichzeitig Bibelexegese. Nur dass diese sich nicht angestrengt, sondern lebendig liest. „Mirjam zu Jesus: ,Den Feind lieben sagst du. Aber gibt es denn überhaupt Feinde? Ich meine, man ist doch nicht von jeher Feind. Man wird’s. Aber warum? Aus Angst, aus Habsucht, aus Neid, aus Eifersucht. Aus all dem macht man sich selber einen Feind.‘ Und Jesus zu Mirjam: ,Nicht Furcht vor Strafe hält ab vom Töten des Lebens und der Seele. Nur die Erkenntnis vom Einssein alles Lebendigen schafft das Friedensreich.‘“

Die Autorin dieser „biblischen Geschichte nach Mirjam“ wollte mit diesem Roman ihre eigenen tiefsten Überzeugungen, ihre Hoffnungen und Träume von einer gelingenden Welt, wenn man dem Liebesgebot des Nazareners folgt, zum Ausdruck bringen und Menschen für die Botschaft des Jeschua begeistern. Die Mirjam, die als eine der wenigen seiner Anhänger Jesus bis unters Kreuz folgte, nur begleitet von dem Jünger Johannes (Jochanan) und der Mutter Jesu. Und die als erste Jesus als Auferstandenen sah. Und so auch erhielt Mirjam (nach Luise Rinser) von Jesus den Auftrag, vom Friedensreich zu verkünden. „Dies ist mein Auftrag an dich: Lehre die Einheit alles Lebendigen, lehre die Liebe.“ Denn: „Wer liebt, lebt schon hier und jetzt im Friedenreich. Das ist die Lösung aller Fragen.“ In einem Brief schrieb Luise Rinser einmal: „Aber vielleicht wird das, was bis jetzt undenkbar schien (die Zerstörung der Waffen) auch einmal Wirklichkeit. Die Verbrüderung aller. Das Paradies. Ich bin verrückt genug, daran zu glauben."

Luise Rinser starb am 17. März 2002 in Unterhaching bei München. Beigesetzt wurde sie – ihrem Wunsch entsprechend – in Wessobrunn, dort, wo sie als Kind ihre ersten mystischen Erlebnisse hatte. Ihre Bücher aber wirken fort. Ein Roman wie „Mirjam“ ist zeitlos und noch immer hochaktuell.

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