Putins Angriffskrieg

Löst sich Dugin von Putin?

Das „Weimarer Syndrom“ und die deutsch-russischen Parallelen.
Alexander Duginkritisiert Putin trotz großer Geistesverwandtschaft
Foto: IMAGO / ITAR-TASS | Kritisiert Putin trotz großer Geistesverwandtschaft: Der russische Philosoph Alexander Dugin bei einer einpeitschenden Rede. Inzwischen scheint ihm Putin nicht erfolgreich genug zu sein.

Parallelen zwischen dem postsowjetischen Russland und der Weimarer Republik gehörten seit dem Beginn der 1990er Jahre zum ständigen Repertoire der russischen und der westlichen Publizistik. Die Ähnlichkeiten sind auf den ersten Blick in der Tat erstaunlich. Wie damals in der Weimarer Republik assoziiert sich auch im postkommunistischen Russland die Demokratie mit dem Zusammenbruch der hegemonialen Stellung des Landes auf dem europäischen Kontinent, mit dem Verlust von Territorien und mit der Entstehung einer neuen Diaspora.

Nicht zuletzt deshalb wird im Russland-Diskurs der letzten zweieinhalb Jahrzehnte häufig der Begriff „Weimarer Russland“ verwendet. Der am 24. Februar begonnene russische Angriffskrieg gegen die Ukraine verlieh diesem Diskurs zusätzliche Facetten. Nicht zuletzt deshalb ist es wichtig, sich mit dem „Weimarer Syndrom“ erneut zu befassen, und zwar sowohl mit seinem deutschen „Original“, als auch mit seiner russischen „Kopie“.

„ In einem Schreiben, das im Internet kursiert, hob Dugin hervor,
dass nicht die russischen Generäle, sondern der in Moskau herrschende Autokrat
die alleinige Schuld für diese Niederlage trage“

Ähnlich wie die Rechte der Weimarer Zeit können sich auch die russischen „Nationalpatrioten“ nicht mit dem Verlust der hegemonialen Stellung ihres Reiches abfinden. Der Zusammenbruch der beiden Imperien wird als Ergebnis einer raffinierten Intrige der westlichen Demokratien dargestellt. Im offenen, „ehrlichen“ Kampf seien die Westmächte nicht imstande gewesen, ihre Kontrahenten zu bezwingen. Deshalb hätten sie zu den „heimtückischen“ Mitteln der psychologischen Kriegsführung gegriffen.

Durch die Propagierung der sogenannten „westlichen Werte“ hätten sie den sowjetischen Koloss ausgehöhlt und zu Fall gebracht. Mit keinem Wort wird dabei erwähnt, dass die Sowjetunion jahrzehntelang mithilfe der kommunistischen Propaganda ihrerseits die westlichen Demokratien zu unterminieren versuchte. Dieses Messen mit zweierlei Maß erinnert an die Argumentation der Rechten der Weimarer Zeit. Auch sie hatten sich moralisch über die psychologische Kriegsführung der Westmächte empört, vor allem über deren Friedenspropaganda. Dabei vergaßen sie aber, dass die Oberste Heeresleitung sich 1917 der gleichen Methoden bediente, als sie Lenin die Durchreise durch Deutschland ermöglichte und anschließend seine Friedenspropaganda massiv unterstützte.

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Dugins Aufruf zum „Gegenangriff“ und „Rachefeldzug“

Autoren der sogenannten „Konservativen Revolution“, die aufgrund des in Versailles begangenen Unrechts bereit waren, die ganze europäische Ordnung in die Luft zu sprengen, die für die „Humanitätsduselei“ nur Spott übrig hatten, warfen im gleichen Atemzug dem Liberalismus seine moralische Gleichgültigkeit vor.

Mit ähnlicher Gehässigkeit wie von den Autoren der Konservativen Revolution werden die rechtsstaatlichen und liberalen Ideen im „national-patriotischen Lager“ des postsowjetischen Russland angegriffen. Besonders anschaulich spiegelt sich diese Tendenz in der vom rechtsradikalen russischen Publizisten Alexander Dugin herausgegebenen Zeitschrift „Elementy“ (1992–1998) wider. Die Zeitschrift bezeichnet den Liberalismus als die „konsequenteste, aggressivste und radikalste Form des europäischen Nihilismus“, als Verkörperung der Traditionsfeindlichkeit, des Zynismus und der Skepsis. Der Liberalismus zerstöre jede geistige, historische und kulturelle Kontinuität, er sei der Feind des Menschengeschlechts schlechthin. Die Zeitschrift will sich keineswegs mit dem endgültigen Sieg ihres liberalen Erzfeindes abfinden und ruft zu einem Gegenangriff auf, zu einem Rachefeldzug, um die Schmach der Niederlage aller Gegner des Westens ungeschehen zu machen.

Entweder Freund oder Feind

Krieg und Gewalt werden von der Zeitschrift ähnlich wie von den Verfechtern der Konservativen Revolution in Weimar verklärt. Sie beruft sich auf den „Begriff des Politischen“ von Carl Schmitt, für den die Unterscheidung zwischen Freund und Feind das wesentlichste Kriterium der Politik darstellte. Auch die „Elementy“ halten diese Unterscheidung für das A und O der Politik. Als Feinde betrachtet die Zeitschrift: „Die neue Weltordnung, die offene Gesellschaft, die liberale Weltregierung, den globalen Markt, das One-World-Modell und den westlichen Universalismus.“

Dugins Endkampfideologie befand sich in den 1990er Jahren noch am Rand des politischen Spektrums Russlands. Erst nach der Errichtung der „gelenkten Demokratie“ Wladimir Putins im Jahre 2000 begann das von Dugin entwickelte manichäische Weltbild immer stärker das Denken und das Handeln der herrschenden Gruppierungen Russlands zu prägen. Vor allem aber seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine am 24. Februar kann man von einer Art Tandem „Dugin-Putin“ sprechen.

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Putin und Dugin hetzen im Gleichklang gegen „den Westen“

Am Vorabend der „Zeitenwende“ vom 24. Februar erreichte die Dämonisierung des Westens sowohl bei Dugin als auch bei Putin einen neuen Höhepunkt. Besonders deutlich spiegelte sich dies in dem von Dugin im Jahre 2021 veröffentlichten Buch „Das große Erwachen gegen den Great Reset“ wider.

Der Grundtenor des Buches unterschied sich allerdings grundlegend von den Äußerungen Dugins aus den 1990er Jahren. Damals schienen die Verfechter der „offenen Gesellschaft“ ihre autoritären und autokratischen Widersacher endgültig bezwungen zu haben. Etwa 30 Jahre später schien sich aber das Verhältnis zwischen den Verfechtern der liberalen Werte und ihren Gegnern grundlegend gewandelt zu haben. 

Putin dachte damals vermutlich ähnlich. Seinem am 24. Februar erfolgten Angriff auf die Ukraine sind wohl vergleichbare Überlegungen vorausgegangen. Indes scheiterte das Tandem Dugin-Putin auf der ganzen Linie. Aus dem von Putin geplanten „Blitzkrieg“ gegen die Ukraine ist bekanntlich nichts geworden.

Putin hat keinen Erfolg - Dugin prangert ihn an

Unmittelbar nach der Rückeroberung von Cherson durch die ukrainischen Streitkräfte hat sich Dugin auf spektakuläre Weise von Putin distanziert. In einem Schreiben, das im Internet kursiert, hob Dugin hervor, dass nicht die russischen Generäle, sondern der in Moskau herrschende Autokrat die alleinige Schuld für diese Niederlage trage: „Die Autokratie hat ihre Kehrseite“, so Dugin: „Die absolute Machtfülle im Erfolgsfall, aber auch die absolute Verantwortung im Falle einer Niederlage.“ Nicht zuletzt deshalb plädierte Dugin, wenn auch indirekt, für die Entmachtung Putins.

Später hat sich Dugin von diesem Schreiben distanziert, und behauptet, es sei nicht authentisch. Wie dem auch sei, das klägliche Scheitern der ursprünglichen Kriegspläne Putins erschütterte die Fassade der angeblichen nationalen Geschlossenheit in Russland.


Gekürzte und revidierte Fassung eines Beitrags, der am 8. November 2022
im Online-Debattenmagazin „Die Kolumnisten“ erschienen ist.

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