Lob der Einsamkeit

Eremiten gab es schon immer. Und heute? Eine persönliche Annäherung an einen Typus, der aus der Zeit zu fallen scheint. Von Björn Hayer
Eremit mit religiöser Leidenschaft
Foto: IN | Eremit mit religiöser Leidenschaft: „Der büßende Hieronymus“, gemalt von Georges de la Tour (1593–1652).

Als ich mir im Frühjahr 2017 ein Haus im Wald kaufte, war dies das Ergebnis eines langen Entfremdungsprozesses. Immer wieder ging mir der Titel von Albert Camus Text „Den Menschen so fern“ über einen einsam in der Wüste lebenden Lehrer durch den Kopf. Seither hege ich eine große Vorliebe für Bekenntnisse der Einsamkeit. Wenn ich aus dem Fenster auf die grüne Wiese mit einem kleinen Bach schaue, denke ich zum Beispiel oft an jene lakonische Schilderung von Marguerite Duras: „In einem Haus ist man allein. Und nicht außerhalb, sondern innerhalb des Hauses. Im Park gibt es Vögel, Katzen. Aber auch mal ein Eichhörnchen, ein Frettchen. Man ist nicht allein in einem Park. Im Haus aber ist man so allein, dass man manchmal davon irre wird.“ Obgleich sich die französische Autorin Zeit ihres Lebens in die politische Öffentlichkeit einbrachte, führte sie phasenweise doch ein (modernes) eremitisches Dasein – ob im Küstenhotel mit ihrem verdunkelten Schreibzimmer in Trouville oder ihrem Landhaus.

Ja, ich habe etwas übrig für Solitäre, Nomaden und Grübler, die an irgendeinem Punkt ihrer Existenz beschlossen hatten, sich zurückzuziehen und in sich zu gehen. Nicht nur mir wohnt die Faszination für sie inne. Denn die Kulturgeschichte ist reich an Einsiedlern. Aber gibt es dahinter eine Philosophie oder Philosophien? Und wie lassen sich solch anachronistischen Typen zur Gesellschaft verorten? Stehen sie nicht für einen politischen Defätismus? Während ich so die Bücherstapel in meinem Landhaus durchgehe und meine chaotische Intellektuellenhöhle durchstöbere, fallen mir verschiedene Autoren und Texte in die Hand. Aus der Gegenwart natürlich von Botho Strauß und Peter Handke. Letzterer übt sich seit Jahren in einem Pariser Vorort-Haus im Kautzigsein, schreibt über Pilzesammeln und das Spazierengehen. Vom politischen Handke, der einstmals so für seine Haltung gegenüber Milosevic gegeißelt wurde, vernimmt man derweil nur noch recht wenig. Bei dem kantigen Einsiedler in der Uckermark verhält es sich bezüglich der Einmischung in den gesellschaftlichen Diskurs etwas anders: Seit Langem wird Strauß nicht müde, in großen Abständen die postmoderne Kulturindustrie, ihre Beliebigkeit und ihren blinden Amüsementkult immer wieder anzuklagen.

Fragt man nach dem Geist des Einsiedlers, so kommt man an seinem letzten Werk „Oniritti Höhlenbilder“ gar nicht vorbei. Schon in der ersten Erzählung lernt der Leser die unterirdische Stadt Idle City kennen, einem traumartigen „Märchenreich der gebrechlichen Seelen, jedenfalls Kultstätte der Sichabkehrenden“, dessen Bewohner in „erfüllter Zeit“ und einer „Schlummersphäre“ leben. Doch die Thematik des Zurückgezogenseins durchzieht das Buch wie ein roter Faden. Es ist ein Zustand, der einer bestimmten Abwägung bedarf: „Zwei Formen der extremen Andacht, zwischen denen der Eremit und der Wüstenheilige sich entscheiden konnten: Bin ich Gott näher in der Verborgenheit oder im erhöhten und offenen Ausgesetztsein? Werde ich ein Höhlen- oder ein Säulenbewohner? Gehe ich hinaus oder umschließe ich mich? Lebe ich uteral oder phallisch? Bin ich klaustrophil oder agoraphil?“

Welche Lebensweise verspricht mehr Sinn? Jene der Abkehr und Verinnerlichung oder jene in Gemeinschaft und Öffentlichkeit? Auch ich habe mir diese Frage gestellt, als ich im letzten Jahr voller Enttäuschung nach zehn Jahren eine Partei verlassen habe. Momentan kämpfe ich an keiner Front, sondern denke mehr nach, bin eher auf der Suche und gebe offen zu, dass ich derzeit nicht immer eine passende Antwort auf alle Fragen parat habe. Ob der Eremit zur politischen Figur taugt, frage ich mich derweil verstärkt. Intuitiv würde man sagen: Keineswegs. Wer sich isoliert und im Kämmerchen vor sich hin sinniert, bezieht eine rein passive Haltung. Aber ist das wirklich so? Ich denke an Nietzsches Zarathustra. Voller Inbrunst verkündet er der tumben Bürgerschar den letzten Menschen, er predigt ein neues Zeitalter, das kommen wird, in der Gegenwart aber von keinem ernst genommen wird. Darum lässt der Philosoph seinen Eremiten den Weg ins Gebirge antreten. Die Wanderung nach oben erweist sich als eine einsame, aber trotz der scharfen Christentumskritik Nietzsches wohl auch als eine transzendente. Denn nur die innere Einkehr verspricht dem hellen Geist Vertiefung und Durchdringung. Inmitten geselliger Strukturen lässt sich kaum ein Programm begründen. Stattdessen stellt das Alleinsein musische Stunden zur Verfügung. Inspiration blitzt wie ein angezündetes Streichholz in der Dunkelheit auf. Denken Sie hier an das Licht Gottes, so liegen Sie richtig. Eigentlich geht die Idee des Eremiten, dem Wortursprung nach des Wüstenbewohners, auf die Religion zurück, worin sie die Keimzelle des Mönchtums bildet. Zahllose Figuren der Geschichte sind unter ihnen. Unter anderem der heilige Franziskus, Kirchenvater Hieronymus, Paulus von Theben, Nikolaus von Flüe – letzterer gilt als Schutzpatron der Schweiz und führte als Bergbauer eine auf Bescheidenheit und Askese angelegte Existenz. Er soll intensiv gebetet und in seinen letzten Jahren lediglich noch Wasser und die Kommunion zu sich genommen haben. Offensichtlich handelte es sich bei diesem verlassenen Mystiker um die Idealvorstellung eines Einsiedlers, die Falk van Gaver in „Auf den Wegen Gottes“ beschreibt. Der perfekte Aussteiger ist der, „der vor der Eitelkeit der Welt und des eigenen Selbst flieht, um in der Einöde die Wahrheit über die Welt und sich selbst wiederzufinden“.

Selbst in der Gegenwart finden sich noch zur Berühmtheit gelangte Einsiedler: Just verstarb etwa der in Bulgarien verehrte Dobri Dobrev (Jahrgang 1914). Er lebte zurückgezogen in dem Kloster Kremikowzi und spendete in seinem Leben mehr als 40 000 Euro an kirchliche Einrichtungen. Und die Benediktiner der Jerusalemer Dormitio-Abtei haben vergangene Woche sogar einen Eremiten zum Abt gewählt, den 71-jährigen Ikonenschreiber Bernhard Maria Alter.

Heute glaubt jeder auf Facebook und in anderen sozialen Netzwerken im Besitz der einen, gültigen Wahrheit zu sein. Jeder fühlt sich zum Experten für alles berufen. Täten uns da nicht mehr Eremiten gut? Könnten sie einem „Weniger“ zu mehr verhelfen? Kaum ein anderer Typus erscheint mir für unsere Gegenwart mehr von Nöten als der Eremit. Wohl mag zutreffend sein, dass nicht jeder diese Lebensform und vor allem nicht in ihrer traditionellen Radikalität leben kann. Ansonsten hätten wir es mit einer Gesellschaft der Passivisten und des Stillstandes zu tun. Doch in einer gewissen Anzahl können eremitische Menschen das Gemeinwohl bereichern, weil sie für philosophische Erneuerung sorgen. Während um uns herum Lärm und Geschwätz alles übertönen, reift in ihrer Meditation visionäres Gedankengut. Dem Homo digitalis setzen sie den homo intellectualis entgegen, dem Homo technicus den Homo naturalis. Man denke nur an Thoreaus Walden, einem Waldeinsiedler, der sein Heil in der Natur sucht oder an die Aussteiger der 60er und 70er Jahre. Die Wahrung der Schöpfung in ihrer modernen Ausgestaltung im Umwelt- und Klimaschutz ist eng verknüpft mit einer kontemplativen Liebe zur Natur, wie sie jene Typen und Figuren auszeichnet.

Daraus können neue Modelle des Zusammenlebens hervorgehen. Aber bloße Theorie genügt nicht. Daher braucht der Eremit, der eine exklusive Figur bleiben muss und nicht für Massenbewegungen taugt, auch seinen Konterpart, die Gesellschaft. Sie muss für ihn empfänglich sein, so wie die Laien für die Pfarrer und Mönche. An auratischen Eremiten mangelt es derzeit jedoch. Bemerkbar wird stattdessen so etwas wie ein „Privateremitentum“. Um die Welt zu verbessern, bauen viele sich ihre kleine Insel eines ethisch verträglichen Daseins: Der Einzelne ordert Ökostrom, trennt Müll, lebt vielleicht vegetarisch oder vegan und engagiert sich möglicherweise in der Flüchtlingshilfe. Und selbst die reformmüde Politik wird nicht müde, die asketischen Konsumtugenden anzupreisen. Alles käme ja auf den Verbraucher an. Statt Aktivität auf legislativer Ebene verlagert man Probleme auf das Individuum, das sich, wenn es denn klug ist, im Verzicht auf allzu vieles bewähren soll.

Wie auch immer heutige Einsiedler uns beeinflussen oder nicht beeinflussen könnten, zwischen Trump-Getwitter, Tagesschau und GroKo-Geschachere – in jedem Fall stehen sie für ein würdiges Menschenbild. Georges Abou Jaoudé fasst in einem Vorwort für einen Text über den heiligen Charbel treffend die Bedeutung oder fehlende Bedeutung des Eremiten in unserer Spätmoderne zusammen, woraus sich aber auch ein klares Gegenbild ergibt: „Oft hören wir, wie so manche das Leben der Mönche, Einsiedler und Anachoreten kritisieren und deren Nutzen für die moderne Gesellschaft infrage stellen. Für sie ist nur der Konsum ausschlaggebend und sie messen den Wert eines Menschen an seiner Produktivität. Unsere Marktgesellschaft fußt nur auf materiellen Werten, aus denen Kapital geschlagen werden kann. Eine derartige Gesellschaft läuft Gefahr, den Menschen zu einem austauschbaren Produzenten zu erniedrigen, der wie eine Maschine nach Gebrauch weggeworfen wird, sowie zu einem unersättlichen Verbraucher. Unter diesem Gesichtspunkt sind Einsiedler und Anachoreten, die die Welt verlassen haben, in den Augen vieler in der Gesellschaft zu nichts nutze, da sie ja offensichtlich weder etwas erzeugen noch verbrauchen.“

Gerade diese „Nutzlosigkeit“ oder Zweckfreiheit sollte uns wieder erstrebenswert sein. Ihr wohnt die Geburtsstunde für Ideen und Träume inne. Indem sich der Eremit der ökonomischen Logik entzieht, schafft er Raum für ein Denken jenseits von Tausch und Gegenwert. Für unsere Gesellschaft repräsentiert er den Befreier schlechthin. Von meinem Haus im Grünen wird wohl keine Revolution ausgehen. Doch brauche ich diesen Ort, der wie aus der Zeit gefallen scheint, mit seinen Eidechsen im Sommer und seinem narkotischen Schneefall im Winter. Die Gedanken schweifen mit den Tagen so dahin und umkreisen die Bäume und Felder, bis sie sich mehr und mehr verdichten. Und am konzentriertesten Punkt, da weiß der Eremit, dass er seine Höhle wieder verlassen muss, um der Welt von Neuem zu erzählen.

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