Selbstbespiegelung

Wir können ein erstaunliches Revival beobachten

Buchtitel über Klasse und Herkunft schießen wie Pilze aus dem Boden. Soll man sich darüber freuen oder wundern? Zumindest Soziologen und Demokratieforscher haben Fragen.
Schriftstellerin Annie Ernaux
Foto: Horst Galuschka (dpa) | Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux hat den Literaturnobelpreis erhalten. Sie gilt als Avantgarde eines erstaunlichen Literaturphänomens, das derzeit die Kassen klingeln lässt: Das eigene kämpferische ...

Von der Himmelsleiter zur Karriereleiter? Schon zu biblischen Zeiten galt die Leiter als Bild für den Weg des Lebens. Wer Kraft und Müh' nicht scheut, wird belohnt in himmlischen Höhen. Allein der Glaube darf nicht fehlen, denn nur die Hoffnung auf den Aufstieg und ein Gottvertrauen in Hilfe und Ermunterung verleihen dem Aufstrebenden den nötigen Schwung zum Erklimmen der Sprossen.

Auch im englischen Märchen „Hans und die Bohnenranke“ sprießt eine Bohnenpflanze bis in den Himmel. Dort oben wartet aber nicht Gott, sondern ein böser Riese, den Hans nicht ohne Gewinn zu Fall bringt. Geschichten über Aufstieg und Fall gibt es zuhauf. Geboren wurden sie aus dem Bedürfnis, den Ort, in den man hineingeboren wurde, zu verlassen und neue Standpunkte zu gewinnen.

„Der Zweck heiligt die Mittel!
Das System muss geschlagen werden mit seinen eigenen Mitteln!
Oder etwa nicht?“

Es sind frühe Empowerment Storys, die vor Trägheit und Resignation bewahren sollen. Längst aber ist die Leiter in Verruf geraten. Als Karriereleiter wurde sie gebrandmarkt, als bevorzugtes Instrument von Ellenbogenkämpfern, die jeden Widersacher in die Tiefe stürzen. Zeitgleich wurde eifrig auch der Leistungsbegriff demontiert. Leistung erodiert nicht nur seit Jahrzehnten, sondern wird als Götze neoliberaler Ausbeuter belächelt.

Schulnoten sollen abgeschafft werden, Auszeichnungen und Titel werden nur mehr verschämt vorgezeigt im Regime der allseits beweihräucherten Mediokrität. Statt Chancengleichheit stetig zu verbessern, sucht eine neue Generation von geschichtsblinden Sozialromantikern ihr Heil wieder in der Klasse. Buchtitel über Klasse und Herkunft schießen wie Pilze aus dem Boden. Vorbild sind die französischen Bestsellerautoren Annie Ernaux, Didier Eribon und Édouard Louis.

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Klagen über eine statische Gesellschaft werden vom Erfolg ad absurdum geführt

Man bewegt sich im Fahrwasser der Franzosen, setzt sich die Kapitänsmütze einer vermeintlichen Avantgarde auf und segelt dabei haarscharf an Wirklichkeit und Wissenschaft vorbei. Während französische Soziologen und Demokratieforscher den Klassenbegriff längst kritisch beleuchten oder gar ad acta gelegt haben, huldigen deutsche Proselyten einem abgehalfterten Götzen. „Klasse ist zu einer Art Orden für Aktivisten geworden“, sagt der Demokratie-Forscher Pierre Rosanvallon zu dieser Verschacherung eines soziologischen Ladenhüters.

Der Griff in die Mottenkiste erweist sich als Paradoxon: Einerseits wird eine statische Gesellschaft postuliert, andererseits belegt der Erfolg der Literaten den Triumph der Dynamik und die Möglichkeit der Überwindung eines starren Systems. Die Beweggründe für dieses Klassen-Revival sind dabei vorwiegend kapitalistisch: Eine Marktlücke wird entdeckt und genutzt. Bestsellerlisten motivieren zur Nachahmung und schon bevölkern mehr oder weniger proletarische Großmütter und -väter die literarischen Landschaften.

Mit dem Sektglas in der Hand zum Klassenkampf aufrufen

Wer hat noch nicht, wer will nochmal? Wer an den eigenen Ansprüchen scheitert oder über gesellschaftliche Hürden stolpert, führt die Klasse ins Feld. Verwunderlich ist das nicht, denn auch Pierre Bourdieu und sein – zweifelsohne verdienstvoller – Habitus erleben ein erstaunliches Revival. Unwahr ist es nicht, dass Klasse dieses kleine Quentchen bedeutet, das über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. Gleiches gilt aber auch für Schönheit, Klugheit, Tapferkeit. Dass Habitus aber eine Klassengesellschaft, die es nicht mehr gibt, voraussetzt, geschenkt!

Klassenposer sind die neuen Salonkommunisten. Apropos „Salonkommunisten“: Hinter manch Klassen-Buch steckt nicht nur ein geschäftstüchtiger Kopf, sondern tatsächlich die Vorhut des Sozialismus. Christian Baron, deutscher Klassenapologet par excellence, bekennt im Interview, dass er „den Kapitalismus durch den Sozialismus ersetzt sehen will“. Dass er selbst mit Sektglas in der Hand zum Klassenmaskottchen mutiert, nimmt er dabei in Kauf. Der Zweck heiligt die Mittel! Das System muss geschlagen werden mit seinen eigenen Mitteln! Oder etwa nicht? Empowernd ist die Geschichte von Christian auf der Leiter auf jeden Fall.

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Ute Cohen Annie Ernaux

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