EU-Kulturkampf

Westliche Arroganz trifft östliche Komplexe

Warum sich Europas Osten von hochnäsigen Westlern in seiner Würde verletzt sieht, erklärt der Journalist Norbert Mappes-Niediek.

Die aktuellen, stetig wachsenden Spannungen zwischen den Regierungen in Budapest oder Warschau und der EU-Kommission in Brüssel beziehungsweise den politischen Wortführern in Westeuropa haben tiefe Wurzeln. Der aus Deutschland stammende, in Österreich lebende Südosteuropa-Korrespondent Norbert Mappes-Niediek legt sie in seinem aktuellen Buch weitgehend frei: Auf 300 Seiten erklärt er geschichts- und meist sachkundig, warum sich die Europäer im Osten und Südosten Europas chronisch benachteiligt fühlen, den einst heiß ersehnten EU-Beitritt nun teilweise als feindliche Übernahme erleben und sichvon den Kollegen im Westen übervorteilt und verkannt wissen. „Das Bild vom gleichgültigen, selbstgerechten Westen und vom betrogenen, verratenen Osten ist allerdings nicht aus der Luft gegriffen“, so der Autor.

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Westeuropäer (und diese geben im vereinten Europa den Ton an) könnten aus den Darlegungen von Mappes-Niediek lernen, den Europäern jenseits der 1991 gefallenen Jalta-Grenze Respekt und Aufmerksamkeit entgegenzubringen, ihre Geschichte und Kultur zu studieren, ihr Selbstverständnis und Narrativ ernst zu nehmen, weniger herablassend, kränkend und belehrend zu agieren. „Gerade in Osteuropa macht der Ton die Musik.“ Der Autor behauptet und belegt: „Durch die Geschichte hindurch war Osteuropa für den Westen mal die Schwundstufe des eigenen Selbst, mal Vorzimmer oder Burggraben, mal Nachhut.“ Die Missverständnisse beginnen mit der Terminologie.

Es ist der Ton, der die Musik macht

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So reagieren Polen, Ungarn und Balten allergisch darauf, als „Osteuropäer“ bezeichnet zu werden, wie sich Kroaten dagegen wehren, zum Balkan oder „Westbalkan“ gerechnet zu werden. Warum sich Westeuropäer ihren östlichen Nachbarn moralisch überlegen fühlen, bleibt dort ein Rätsel und Ärgernis: „Arroganz ist die häufigste Anklage von Ost an West, aber sie wiegt unter den Vorwürfen des Ostens an den Westen nicht am schwersten. Der gewichtigste Anklagepunkt lautet vielmehr auf Heuchelei.“ Je arroganter und selbstgewisser der Westen auftritt, desto energischer werde die östliche Opposition.

Hellsichtig analysiert der Autor, dass sich die Nationen im Osten, anders als im Westen Europas, gegen den Staat herausbildeten. Österreich-Ungarn, das zaristische Russland und das Osmanische Reich hätten eher einer Holding geähnelt, in welcher die Sprachen wie die Glaubensvielfalt der Untertanen lange eine untergeordnete Rolle spielten. Nationalität und Staatsangehörigkeit seien im Osten zwei Paar verschiedene Stiefel. Man sei sich der eigenen ethnischen Zugehörigkeit wie auch der ethnischen Vielfalt des Staates bewusst. Die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Nation und ihre Unterscheidung vom Staat seien die Ursache zahlreicher Missverständnisse.

Verschiedene Sicht auf Nationalität und Staatsangehörigkeit

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Etwa mit Blick auf die Verteilung von Migranten in der EU: „Im Westen Europas stellt man sich die Nation als eine Art erweiterter Nachbarschaft vor. Im Osten dagegen fühlt sich die Nation an wie eine erweiterte Familie.“ Nation existiert darum notfalls ohne eigenes Territorium, erweitert sich aber nicht durch Zuwanderung. „Die in Deutschland übliche Anforderung, Zuwanderer sollten sich über die Beachtung staatlicher Regeln hinaus ,integrieren‘, ist für Menschen vom Balkan und aus dem Nahen Osten schlicht nicht verständlich. Schließlich ist auch die Gesellschaft in ihren Heimatländern nicht ,integriert‘.“ Gerade weil der zuziehende Fremde stets ein Fremder bleibt, darf er seine Eigenheiten, Bräuche und Umgangsformen behalten. Das westliche Ideal der Durchmischung oder Integration gelte in Osteuropa nicht einmal für die angestammte Bevölkerung.

„Das Ringen um die eigene nationale, kulturelle,
sprachliche Identität spielt bei jenen,
die geschichtlich vor allem Opfer waren zweifellos eine andere Rolle
als bei den westeuropäischen Nationen“

Ganz entrinnt auch Mappes-Niediek den Vorurteilen und Klischees nicht, die im Westen über „den Osten“ herrschen. Den gibt es in dieser Geschlossenheit – wie der Autor weiß – gar nicht, sondern lediglich als Abstraktion. Wenn aber den so zusammengefassten Völkern und Volksgruppen eines gemeinsam ist, dann die Erfahrung von Fremdherrschaft und Unterdrückung. So manches scharfe Urteil, etwa über Kroatien, Polen, Ungarn und die Ukraine wäre wohl differenzierter und weniger ungerecht ausgefallen, wenn die geschichtliche Erfahrung von türkischer beziehungsweise russischer Fremdherrschaft und kommunistischer Überfremdung der nationalen Identität gewürdigt worden wäre. Das Ringen um die eigene nationale, kulturelle, sprachliche Identität spielt bei jenen, die geschichtlich vor allem Opfer waren zweifellos eine andere Rolle als bei den westeuropäischen Nationen mit ihrem aggressiv missionarischen Selbstverständnis.

Wenn, wie der Autor schreibt, die polnischen und kroatischen Katholiken „genauso wie die Orthodoxen in ihrer Nachbarschaft regelrechte Nationalkirchen“ bilden, dann deshalb, weil die katholische Kirche in der Zeit sowjetischer beziehungsweise jugoslawischer Überfremdung und Unterdrückung zum letzten Freiheitsraum und zum Reservat der kulturellen Identität wurde. Anders als in Russland oder Serbien hatte dieser „Nationalismus“ also defensiven Charakter.

Wenn sich nichts ändert kann großer Schaden entstehen

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Bietet Mappes-Niediek nun neben der Einladung zu einem wacheren und sensibleren Umgang des Westens mit dem Osten Europas auch einen Schlüssel zur Entschärfung jener aktuell anschwellenden Konflikte, die sich bei ungebremster Dynamik eignen, der Einheit Europas schweren Schaden zuzufügen? Durchaus. Brüssel (die EU-Kommission und der Rat der EU) sei aus östlicher Sicht nicht der Feind, sondern eher der Reibebaum: „Dass Zentrale und Peripherie miteinander streiten, ist nach dem osteuropäischen Konzept das Natürlichste von der Welt. Für eine noch weitere Vertiefung der Europäischen Union ist das Nationsverständnis im östlichen Europa kein Hindernis.“ Der immer wieder von westlichen Politikern geäußerte Verdacht, Warschau und Budapest seien dabei, die EU zu verlassen oder blieben lediglich aus finanziellen Gründen in der Union, werde dort als beleidigend empfunden. Die Politiker der 2004 und 2007 der EU beigetretenen Staaten sähen ihre Ländern „nicht im Vorstand der EU-AG… sondern im Betriebsrat“. Westliche Politiker dürfen also rhetorisch gegenüber Budapest und Warschau abrüsten.

Dann könnten sie auch die realen Probleme im Osten realistischer sehen statt über die finanziellen Empfängerstaaten zu lamentieren. Westliche Konzerne profitieren von den niedrigen Löhnen im Osten, schöpfen Gewinne ab und sind die Gewinner des massiven Brain-drain, der massenhaften Abwanderung leistungsbereiter und qualifizierter junger Arbeitskräfte. Gerade diese aber fehlen mittlerweile in fast allen östlichen Staaten Europas. In Bulgarien etwa schrumpfte die Bevölkerung seit 1991 um 22 Prozent. Ähnlich ist die Entwicklung in Kroatien und im Baltikum. Während Millionen Polen nach Großbritannien oder Westeuropa ausgewandert sind, zogen fast zwei Millionen Ukrainer und Weißrussen nach Polen. Zeit, die verstaubten Narrative über Bord zu werfen und die realen Probleme in den Blick zu rücken. Dazu leistet das vorliegende Buch einen soliden Beitrag.


Norbert Mappes-Niediek: Europas geteilter Himmel. Warum der Westen den Osten nicht versteht.
Ch. Links Verlag, Berlin 2021, 299 Seiten, ISBN 978-3-96289-112-1, EUR 22,–

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