Würzburg

Wer schafft ein Meisterwerk?

Museen machen aus einem Kunstwerk etwas Besonderes. Die Einschätzung von Hochkultur unterliegt dem Epochenwandel.
Nike von Samothrake
Foto: Adobe Stock | Obwohl sie arm- und kopflos ist, wurde die Siegesgöttin von Samothrake durch ihre Aufstellung im Louvre von einer unbeachteten Statue zur ikonischen Silhouette an ikonischem Ort. Heute gilt sie als Meisterwerk.

Was macht ein Kunstwerk zum Meisterwerk? Wer entscheidet das und nach welchen Kriterien? Diese drei Fragen stehen im Zentrum einer Publikation von Alexandra Enzensberger, und ihre differenzierte Antwort lässt sich in einem Satz zusammenfassen: die Inszenierung in einem Museum. Diese auf den ersten Blick befremdliche These begründet Enzensberger so: „Die Geburtsstunde des Museums ist zugleich die Geburtsstunde des Meisterwerks. Mit dem Etikett Meisterwerk werden einzelne Kunstwerke als die besten ihrer Gattung markiert, verkörpern den Kanon der Kunst im Dreiklang des Wahren, Schönen, Guten einer bürgerlichen Hochkultur und avancieren schließlich zum Gesicht und Aushängeschild einer Sammlung.“

Es versteht sich von selbst, dass diese These auf Widerspruch stoßen muss. Denn bereits der Antike war die Idee des Meisterwerks nicht fremd. Von dort bis in unsere Gegenwart hinein sind die Dispute darüber Legion, welches Kunstwerk seine Entstehung einem genialen Künstler verdankt und welches nicht. Ebenso zahlreich sind jene Artefakte, die nach einem glänzenden Dasein im hellen Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit ins Depot verbannt wurden, um dort schließlich ganz dem Vergessen anheimzufallen.

In den „tempi passati“ bestimmten noch allein ausgewiesene Fachleute, wem der Rang eines Meisterwerks zukam. Giorgio Vasari (1511–1574) war, wenn man so will, ein Prototyp dieser Illustri. „Le Vite“, sein Opus Magnum, das in der zweiten Auflage von 1568 Künstlerbiographien „von Cimabue bis in unsere Zeit“ enthält, ist zum Vorbild für zahlreiche Nachfolger und Nachfolgewerke geworden. Die, wer wüsste es nicht, bis auf wenige Ausnahmen schon längst von studierten Kunstwissenschaftlern verfasst werden. Alexandra Enzensberger gehört dieser Zunft an. „Das inszenierte Meisterwerk“ ist ihre Doktorarbeit. Aus ihrer Sicht ist in der „Meisterwerks-Frage“ das Museum zum entscheidenden Faktor geworden, denn dort „kann das einzelne Kunstwerk durch einige wenige Ausstellungsentscheidungen zum Meisterwerk erhoben oder zum kunsthistorischen Nebenpfad erklärt werden. Es ist eine Frage der Inszenierung.“

Die Museen rühmen sich lautstark ihrer „Meisterwerke“

Selbstvermarktung ist längst zu einem bestimmenden Faktor unserer Zeit geworden, die auch vor den Museen nicht haltgemacht hat. Wer meint, ein Meisterwerk sein eigen nennen zu dürfen, schreit es in die Welt hinaus: „Masterpieces of the V & A“ heißt es dann in London, „Meisterwerke der Museumsinsel“ in Berlin und „Les incontournables du Louvre“ in Paris. Selbst der Heilige Stuhl schreckt nicht davor zurück, seine „Opere imperdibili dei Musei Vaticani“ anzupreisen.

Wie „ein Kunstwerk im Museum zum Meisterwerk inszeniert“ wird und was als Folge davon „das Meisterwerk mit seinem Museum macht“ exemplifiziert Enzensberger an vier Beispielen: Rembrandts Gemälde Die Nachtwache im Amsterdamer Rijksmuseum, Michelangelos monumentaler Marmorstatue David in der florentinischen Galleria dell'Accademie, der antiken Nike von Samothrake im Pariser Louvre und an den Raphael Cartoons im Victoria and Albert Museum in London.

Im Falle der Nachtwache, „der bereits in ihrer vormusealen Inszenierung als einem von sieben Gruppenporträts für das Versammlungshaus der Schützenkompanie von Amsterdam an einem ausgewählten Ort der Stadt eine besondere Stellung“ zukam, untersucht Alexandra Enzensberger die Strategien der Lichtinszenierung und die Präsentation in einem kirchenähnlichen Saal. Auch dem David, so stellt sie heraus, kam schon vor der Musealisierung der Rang eines Meisterwerks zu. „Als politisches Symbol der Republik Florenz seit 1504 vor den Toren des Regierungssitzes auf der Piazza della Signoria, war seine Aufstellung und Funktion im Stadtraum fest verankert.“ Woraus die Kunsthistorikerin schließt, dass der Standortwechsel in die Galleria dell'Accademie „als ein Versuch verstanden werden“ kann, „diesen Status zu bewahren“. Dort steht der strahlend weiß restaurierte David nun „wie unter einer Glasglocke eingefroren“, dem von politischer Seite die Rolle eines „Performers“ übergestülpt worden ist, um nun die ihm zugeschriebene Aufgabe als „universales Sinnbild einer europäischen politischen Vision“ zu erfüllen.

Das Museum als Ersatz-Tempel

Die Nike von Samothrake befindet sich seit ihrer Ausgrabung 1864 unter Napoleon III. im Musée du Louvre, wo man die geborgenen Einzelstücke zusammensetzt und der Torso zwei Jahre später innerhalb der Antikensammlung ausgestellt wird. Erst ab 1879, so die Autorin, „durchläuft das Werk eine Wandlung von einem als unvollständig erachteten und doch qualitativ hochgeschätzten antiken Fundstück zum gefeierten Monument einer Siegesgöttin“, und mit dem Umzug von der Salle du Tibre ins große Treppenhaus des Louvre nimmt dort „eine kongeniale Inszenierung ihren Anfang“. Denn jetzt war für eine „ikonische Silhouette“ der „ikonische Ort“ gefunden worden.

Die Raphael Cartoons bestehen aus sieben Einzelstücken und sind um 1516 als Auftragswerk von Papst Leo X. als Webvorlagen für Tapisserien von Raffael da Urbino gemalt worden. Der Bestimmungsort der Wandteppiche war die Sixtinische Kapelle im Vatikan. Obwohl die Cartoons ursprünglich also lediglich einem rein funktionalen Zweck dienten, sind sie aus Gründen der Wertschätzung Raffaels im 17. Jahrhundert von der englischen Krone angekauft worden. Ab 1699 präsentierte König William III. die nun in Rahmen gefassten Stücke „in einer eigens erbauten Galerie im Schloss Hampton Court“.

„Erst 1950“, analysiert Enzensberger, „kam es zu einem inszenatorischen Bruch: In einem neuen kirchenschiffartigen Raum im Erdgeschoss des Victoria and Albert Museums wurden die Werke an einem Ort ausgestellt, der wie eine englische Version der Sixtinischen Kapelle wirken konnte.“ Von diesem Zeitpunkt an rückten die Cartoons „als autonome Bilder erneut ins Bewusstsein“ der internationalen Öffentlichkeit. Die Cartoons gelten heute als Botschafter des Vatikans und sind von Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch bei Queen Elizabeth II. im September 2010 auch als solche verstanden worden.

In ihrem Resümee stellt Alexandra Enzensberger warnend fest: „Diente das Meisterwerk des 19. Jahrhunderts einem kanonischen Bildungsideal und wurde das Museum im 20. Jahrhundert mit der Erhöhung des Meisterwerks zunehmend zu einem Ersatz-Tempel – entleert von Ideologie und Religion“, so kann die heute übliche übermäßige Fixierung aufs Meisterwerk „zu Überdruss führen“. Enzensberger scheint über ihre stupendes Fachwissen hinaus das Auge eines Filmemachers zu besitzen. Soll heißen: Ihr Blick erfasst die Dinge so, wie sie im ihnen zugewiesenen Raum die größtmögliche Wirkung erzielen können. Auch darum ist ihr mit „Das inszenierte Meisterwerk“ eine Publikation gelungen, die keineswegs nur für Kunsthistoriker interessant ist.

Alexandra Enzensberger: Das inszenierte Meisterwerk.
Deutscher Kunstverlag, Berlin München 2019, 320 Seiten mit 73 farbigen und 94 schwarzweißen Abbildungen, ISBN 978-3-422-96536-2, EUR 48,–

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