Literatur für Christen

War Jesus ein Mystiker?

Frühjüdische Apokalyptik und Philo von Alexandrien erweisen sich als exegetische Fundgrube für eine Erhellung und Unterscheidung Jesu von anderen Mystikern.
Verklärung Jesu
Foto: retrt | Geht über Mystik weit hinaus: die Verklärung Jesu auf dem Tabor.

Der Buchtitel mag verblüffen: Ist Jesus nicht „Bezugsperson“ und „Ziel“ der Mystiker – er selbst aber soll mystische Erfahrungen gemacht haben? Bevor man die Frage grundsätzlich abweist, geht die Untersuchung drei synoptischen Berichten aus dem Leben Jesu nach: seiner Taufe, die mit der sofort anschließenden Versuchung in der Wüste zusammengesehen wird, Jesu Vision des Satanssturzes und seiner Verklärung auf dem Tabor. Darin tut sich eine unerwartete Fundgrube auf – im Lichte der Mystik zeigen sich die Evangelien als unerschöpfliche Quelle für Nicht-Bedachtes, neu zu Sehendes.

„Mystikforschung ist Eindringen in die Erfahrungen göttlicher Wirklichkeit“, schreibt der Autor Thomas Michael Kiesebrink (Jahrgang 1976) zusammenfassend im Vorwort seiner 2020 an der Evangelisch-Theologischen Fakultät Bonn angenommenen Dissertation. Mittlerweile ist er als bisheriger protestantischer Pfarrer zur katholischen Kirche konvertiert und für die Erzdiözese Freiburg tätig. Willkommen in der Una sancta catholica et apostolica! Es macht Freude, ein so gewissenhaftes Studium der Heiligen Schrift wahrzunehmen.

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Ein schwer überschaubares Wortfeld

Nach dem wissenschaftlichen „Gesetz der Kunst“ werden zu Anfang die vielfältigen  Bedeutungen von „Mystik“ in dem schwer überschaubaren Wortfeld untersucht. Denn nicht nur Theologie, auch Religionswissenschaft und (Religions-)Psychologie begeben sich in die Mystikforschung auf ihre jeweilige Weise. Ebenso ist der Blick auf die methodische Bibelexegese der letzten hundert Jahre augenöffnend für die Schwierigkeit, eine angemessene Methode, vielmehr verschiedene Methoden für die Auslegung der Evangelien zu finden. Im Durchgang durch die unterschiedlichen Mystikkonzeptionen werden letztlich als Kriterien der Mystik erarbeitet: erstens eine außergewöhnliche religiöse Erfahrung vor dem Tod in unmittelbarer Berührung mit dem Göttlichen und der himmlischen Welt; zweitens Differenzierungen dieser Berührung in Schau, Audition, Ekstase im Sinne der Gottergriffenheit, verbunden mit vorbereitenden spirituellen Praktiken wie Rückzug in die  Einsamkeit oder Fasten. Der Hauptteil widmet sich zunächst der „Mystik im religionsgeschichtlichen Umfeld“ der Evangelien und beginnt mit den – sicherlich vielen Lesern unbekannten – außerbiblischen Apokalypsen des Henoch, Abraham, Zephanja und Levi. In diesen Texten wird der Aufstieg eines Sehers in die himmlische Welt beschrieben und zudem eine spirituelle Praxis thematisiert, die im Zusammenhang mit außergewöhnlichen Gotteserfahrungen steht. Im Anschluss an das Kapitel zur Apokalyptik folgt eine Auslegung der „ekstatischen Gotteserfahrung“, „Himmelsreise“ und „spirituellen Praxis“ bei dem jüdischen Philosophen Philo von Alexandrien.

Ausgehend von der Mystik im religionsgeschichtlichen Umfeld folgt das Kapitel „Mystik in der synoptischen Tradition“. Hier werden Berichte über das „Ergriffenwerden“ Jesu in den drei genannten Episoden untersucht, wortgetreu nach dem griechischen Text vor allem bei Markus, nur der Satanssturz nach Lukas. Bei der genauen Textauslegung ergeben sich nun Gemeinsamkeiten, aber auch deutliche Unterschiede gegenüber den mystischen Erfahrungen in den Apokalypsen und bei Philo. Als großes Beispiel dafür sei erwähnt der Bericht über die Metamorphose oder Verwandlung Jesu auf dem Tabor: Hier geht es nicht um eine (spirituelle oder asketische) Initiative Jesu, der über Gebet und Einsamkeit in eine andere Welt hinaufsteigt, sondern um ein plötzliches sichtbares Herabkommen Gottes in die irdische Welt – sichtbar sogar für die anwesenden Jünger! Es geht nicht um ein Streben des „Mystikers“ nach oben, sondern um den „Einbruch der Wirklichkeit Gottes in und an der Person Jesu“.

Musterbeispiel gewissenhafter Exegese

Die im Titel gestellte Frage, ob Jesus ein Mystiker sei und von den Synoptikern im kulturellen Rahmen anderer Erzählungen der Zeit entsprechend dargestellt werde, findet daher am Ende eine differenzierte Antwort: Ja und Nein. Auf der einen Seite steht ein bedingtes Ja: Manche Kriterien wie das Gebet in der Einsamkeit, auch eine geschlechtliche Askese treffen auf Jesus wie auf andere Mystiker zu. Auf der anderen Seite steht ein Nein: weil Jesu „außergewöhnliche Gotteserfahrungen“ nicht mit einer unentwegten Askese und anderen klassischen Übungen wie dem dauerndem Rückzug aus der Welt oder Ähnlichem verbunden sind. Vielmehr ist es „das „Sohn-Gottes-Sein“ Jesu, das in den Augen seiner Freunde „als engste Verbundenheit mit der himmlischen Welt“ erscheint. Eine solche dichteste Gottesnähe wird von keinem anderen Mystiker erzählt und hebt den Sohn Gottes über sie alle unvergleichlich hinaus. Kurz: Ein Musterbeispiel gewissenhafter Exegese!


Thomas Michael Kiesebrink: Jesus als Mystiker? Mystik als Interpretationskategorie für die neutestamentliche Wissenschaft am Beispiel der synoptischen Tradition. Philosophia Verlag, München 2022, 433 Seiten, ISBN: 978-3-88405-132-0, EUR 88,–

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