Hindernisse sind unsere Flügel.“ Dieses Zitat von Nikolai Gogol stellt Patti Smith ihrer Autobiografie voran, und sie muss es wissen: Einfach war ihr Leben nicht. Es ist geprägt von Verlusten.
Dem Tod ist die 1946 in Chicago geborene Sängerin, Dichterin, Performerin, Malerin, Fotografin und Mystikerin allzu oft begegnet in ihrem ruhelosen Leben. Ihre ersten Freunde starben im Vietnamkrieg, der Drogenmissbrauch der 1970er-Jahre forderte seinen Tribut, dann kam Aids. Vergänglichkeit und Sterblichkeit durchziehen ihre Gedichte, Bücher und Songs, in denen sie den verlorenen Freunden ein Denkmal setzt und sie damit dem Vergessen entreißt. Dem frühen Gefährten Robert Mapplethorpe, der 1989 starb, widmet sie das Buch „Just Kids“, im Rockalbum „Gone Again“ von 1996 versucht sie, mit dem Tod ihres Mannes und ihres Bruders umzugehen. Die „Traumsammlerin“, 1991 geschrieben und 2013 auf Deutsch erschienen, ist ihrem Vater zugeeignet.
Gefährdete und Gestrandete
Und auch das Sam Shepard gewidmete „M Train“ erzählt von den Gratwanderern ihrer Welt, den Gefährdeten und Gestrandeten: von Jean Genet, von ihrem Mann Fred Smith und den gemeinsamen Kindern Jackson und Jesse, von William Burroughs, Paul Bowles und Christoph Schlingensief, voller Melancholie und untergründiger Trauer und doch gänzlich unsentimental, mit einer unbedingten Liebe zum Leben und zu den sie umgebenden Menschen, Freunden, den Lebenden wie den Toten.
Die nun vorliegende „Geschichte meines Lebens“ ist der Rückblick der fast Achtzigjährigen auf ihr facettenreiches Dasein, und auch wenn eigentlich alle ihre Bücher und Songtexte Zeugnis davon ablegen, setzt Patti Smith hier das Mosaik ihres Lebens noch einmal völlig neu zusammen. Sie will schreiben, damit etwas bleibt, damit nichts verlorengeht von den Menschen und Dingen, die ihr wichtig sind und für die Zukunft bewahrt werden müssen.
„Schreib für diese Zukunft, sagt der Stift, schreib für das ausgestoßene Lamm, davongeweht wie Asche auf einem brennenden Dachboden. Die Sanduhr kippt. Jedes Korn ein Wort, das in tausend weitere zerbirst, der erste und der letzte Moment von allem, was lebt.“
Erinnerungen aus der christlich geprägten Kindheit, die Sonntagsschule der presbyterianischen Gemeinde, später der Bibelkreis bei den Zeugen Jehovas, denen sich ihre Mutter angeschlossen hatte, die fantasievollen Spiele mit den beiden jüngeren Geschwistern im Wald blitzen auf. Reflexionen der Heranwachsenden verschmelzen mit denen der welterfahrenen Frau. Immer ging das Mädchen unbeirrt den Weg, den es für sich als richtig erkannt hatte: „Man (die ‚Ältesten’ der Zeugen Jehovas) erklärte mir, im Reich Christi gäbe es keinen Platz für Kunst. Doch ich wusste, woran ich glaubte. Ich glaubte an den Schöpfer, an die vielen Zungen der Natur, an die moralischen Lehren von Märchen, an die Sprache der Bäume und den Lehm der Erde. Ich glaubte an die Wollsammler, Seelenfänger und Mönche, die ihre physische Hülle verlassen und reisen konnten. Ich bemühte mich, eine Gleichung zu finden, die alles einschloss. Gott das unendliche Reich, Jesus die menschliche Brücke und der Künstler als diesseitiges Sprachrohr.“
Der Glaube trägt durch Schmerz
Diesen Glauben hat Patti Smith beibehalten, er trägt sie durch den Schmerz, ihr erstes Kind weggeben zu müssen, und durch ihr wildes Leben in den 1970er-Jahren in New York. Und er beschützt sie im legendär berüchtigten Chelsea Hotel vor den allgegenwärtigen Drogenexzessen ihrer Freunde und Mitbewohner, durch die sie hindurchgleitet wie ein engelgleiches Wesen. Er hilft ihr, die kaum zu ertragenden Verluste ihrer Liebsten zu bewältigen: den Tod von Robert Mapplethorpe; von ihrer Lebensliebe Fred Smith; von ihrem jüngeren Bruder und den Eltern. Und dank der ihr eigenen schöpferischen Fähigkeiten kann sie das Leiden im Singen, Schreiben und Malen verarbeiten. Auch im Sammeln der unterschiedlichsten Objekte, in denen die Erinnerung gespeichert ist: Steine, Scherben, Zweige, Schmuck, Fotos, Stofffetzen – alles, was sich aufheben lässt, wird bewahrt und bringt die Zeit zurück, der es entstammt.
Nun muss sie lernen, loszulassen, und es scheint zu gelingen: „(...) und das Wissen um die Dinge, die ich geliebt habe, ist so tief in mir verankert, dass ich mir ,Guernica’ vorstellen kann, ohne zu sehen, ,Ascension’ und ,My Bloody Valentine’ hören kann, ohne zu hören, das ,Glasperlenspiel’ durchblättern kann, ohne zu lesen, ich fühle es in meiner Seele. (...) Die Dinge loslassen ist eine der schwersten Aufgaben im Leben. Unsere Talismane fortgeben, einen nach dem anderen. Aber meinen Ehering werde ich behalten, genau wie die Liebe meiner Kinder. (...) Rundherum liegen Schutt und Trümmer, aber wir gehen vorsichtig, um nicht auf eine schwindende Silhouette zu treten, unsere eigene ursprüngliche Haut.“
Erfüllt von tiefer Dankbarkeit denkt Patti Smith zurück. „Ein plötzlicher Lichtstrahl, der die Schwingungen eines bestimmten Augenblicks in sich birgt. (...) Die unbefleckte Erinnerung an unerwartete freundliche Gesten. Sie sind das Brot der Engel.“
Mit diesem Buch hat die Rock-Ikone des 20. Jahrhunderts ein Werk geschaffen, das über das eigene Erleben hinausgeht. Es spricht jeden an, der sich öffnen kann für die poetische Kraft der Worte und die Schönheit der Bilder.
Patti Smith: Bread of Angels, übersetzt von Brigitte Jakobeit, Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2025, 320 Seiten, gebunden, EUR 26,–
Die Rezensentin hat über 30 Jahre bei den Berliner Festspielen im Pressebüro und als Protokollchefin gearbeitet. Sie lebt als freie Kulturjournalistin in Berlin.
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