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Ungestümes Serafinensingen

Braucht es heute noch religiöse Lyrik? Die Gedichte Dorothea Grünzweigs zeigen: ja, mehr denn je.
Seraphin
Foto: IMAGO/Pascal Deloche / GODONG (www.imago-images.de) | Eine Seraphin-Darstellung in der orthodoxen Kirche Saint-Antoine-le-Grand in Frankreich.

Selten sind die Momente am Morgen geworden, da ich beim Durchblättern einer Tageszeitung innehalte. Doch heute werde ich durch ein einziges Wort im Innersten berührt: „Himmels-Hafen“. Papst Gregor der Große und andere Kirchenväter haben das Leben mit einer stürmischen Seefahrt verglichen. Ihr Ziel liege hinter dem Horizont. Es ist der Hafen des Himmels. Das alles weiß ich. Doch an diesem Morgen erschließt sich mir eine neue Dimension. Ich entdecke ein Gedicht von Gerard Manley Hopkins SJ (1844–1889), das er 1864, zwei Jahre vor seiner Konversion beim späteren Kardinal John Henry Newman, schrieb. „Eine Nonne nimmt den Schleier“ fügte er als Erläuterung seinen Versen hinzu. Sie lauten:

„Ich sehne mich dahin zu ziehen,
Wo Frühling niemals unterliegt,
Land, wo kein schneidend schräger Hagel fliegt
Und ein paar Lilien blühen.
Und wünsche dort zu leben,
Wo keine Stürme wüten,
Wo Häfen grüne zahme Brecher hüten,
Und fern von des Meeres Beben.“

Diese Übersetzung stammt von Dorothea Grünzweig (*1952) und ist in ihrer kommentierten Ausgabe von Hopkins’ Gedichten „Geliebtes Kind der Sprache“ (2009) in der Edition Rugerup erschienen. Hopkins führte mich an diesem Morgen zu seiner deutschen Schwester im Geiste. Bei ihr entdeckte ich eine Seelenlandschaft, die mich seit früher Jugend in Bann geschlagen hatte. Nach Forschungsaufenthalten und Lehrtätigkeiten in Oxford und Dundee wohnt Dorothea Grünzweig seit vielen Jahren im Südosten Finnlands. In ihren eigenen Gedichten werden die Nomina wieder Numina: Beschwörung und Bann. Grünzweig stammt aus dem schwäbischen Korntal. Das bezeugen Wörter aus der Kindheit („hättel“, „bolig“), die sie mit finnischen Wörtern („pimeys“, „huuhkaja“) in den Teppich ihrer Gedichte webt. Das Bild des Vaters und des schutzbedürftigen Bruders ist in ihren Gedichten präsent und mit ihnen die alten Kirchenlieder. Da erklingt das Passionslied „O Haupt voll Blut und Wunden“ auf einer sehr blutigen finnischen Bärenjagd. Das Antlitz Christi leuchtet im geschundenen Haupt des Bären auf. Hopkins sprach von der verborgenen Ingestalt („inscape“) der Natur. Das Wort des Dichters macht sie sichtbar.

Wer den Spuren der Dichterin folgt, sieht auch den Riss in der Schöpfung

Die erhabene Natur der finnischen Wälder und Seen offenbart den Schöpfer. Doch wer den Spuren der Dichterin auf ihren Wanderungen durch die Einöde folgt, der sieht auch den Riss in der Schöpfung. In ihm kann das Leuchtfeuer des himmlischen Hafens sichtbar werden. Dieses Geheimnis hat Hopkins in seinem berühmten Gedicht „Der Untergang der Deutschland“ beschrieben. In „Kaamos Kosmos“ (Wallstein Verlag 2014) entwirft Grünzweig Bilder einer paradoxen Erfahrung, die den Kern vieler mystischer Dichtungen berührt. „Kaamos“ bezeichnet den finnischen Winter, wo die Landschaft des hohen Nordens in Dunkelheit versinkt. „Kosmos“ bedeutet „Ordnung“. Nichts ist Gott so fern, dass sein Lichtstrahl die Nacht nicht erhellen könnte. Das Zitat eines Mystikers – „die nacht ist kommen drin wir ruhen sollen“ – flicht Grünzweig in das Eröffnungsgedicht. Berichtet wird von einer Nachtwanderung im Wald, der aufsteigenden Angst und ihrer Überwindung durch die Beschwörung mithilfe dieses Verses. Draußen am Fluss fliegen Schwäne. Sie werden zu Hinweisen auf das Licht. „verwehte Engel“ auf vielen Wegen. Umfangen und Rauschen: „seraphinengelb der lüfte“. Die Gegenwart der Vergangenheit: Das Bild des längst verstorbenen Vaters mit seiner im Krieg versehrten Hand. Der Vater glaubte an Wunder. Erfahrungen des Schwebens über den Dingen, „ein heilesegen fädchen“, „das engelshaar des feuerkrauts“, Lobgesang.

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Momente der Geborgenheit in Erinnerung und Gegenwart: Eine Kanufahrt. Plötzlich wird das Boot zur „schwingenden wiege“. Kardinal Newman sprach von den Engelkräften in der Natur. Dorothea Grünzweig beschreibt eine Entrückung: Zwei Engel gehen durch ein ausgetrocknetes Bachbett: „jeder von ihnen trägt ein tier auf dem arm/ der eine eine katze der andere einen hund“. Ihnen folgen weitere Engel, „engel mit schafen hasen kälbern ein bär wird gleich von zwei engeln geschleppt“.

Rilke hat den Tieren die achte Duineser Elegie gewidmet. Auf sie nimmt Dorothea Grünzweig Bezug in ihrem neuesten Gedichtband „Erfasst von dieser Nachtverwandlung“. „uns verlorener segen“ liegt auf den Tieren. Denn sie sind „erfüllt von gegenwart“. „ein jedes ruht in sich und seinem wesen“. Wieder kehrt die Dichterin in die Tiefen der Erinnerung zurück, besucht den erkrankten Bruder und erfährt das Wunder der Wandlung: „ein angstgebirge ist durch alter und verlust an/ kräften abgetragen worden“. Es erklingen die wohlvertrauten Abendlieder der Kindheit. „geheimnisse kann man nicht auflösen“. Wie wahr! Hopkins hat seine Gedichte zu Lebzeiten nicht veröffentlicht. Heute gilt er als bedeutendster katholischer Dichter seiner Zeit. Die Lyrikerin Dorothea Grünzweig begegnet ihm auf Augenhöhe. Unsere Zeit ist „seelisch kurzatmig“ geworden. Deshalb brauchen wir religiöse Dichter, die im Gesang der Nachtigall „nimmermüdes serafinensingen“, ja „ungestümes serafinensingen“ vernehmen.

Dorothea Grünzweig: Erfasst von dieser Nachtverwandlung, Göttingen: Wallstein Verlag, 2026, 152 Seiten, gebunden, EUR 24,–

Der Rezensent ist promovierter Theologe und habilitierter Kulturwissenschaftler.

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