Paris

Sucher der „Verirrten“

Wer seine Herkunft nicht kennt, verliert seine Identität. Eine Rezension zu Jean Raspails Reise-Essays.
Karibikinsel Dominica
Foto: Adobe Stock | Raspail will die letzten Abkömmlinge der Kariben treffen. Auf der Karibikinsel Dominica hat er Erfolg.

Der französische Abenteurer, Romanciers und Essayist Jean Raspail starb am 13. Juni 2020 im Alter von 94 Jahren in Paris. Der unlängst im Karolinger Verlag erschienenen Band mit Reiserzählungen „Die Axt aus der Steppe“, dessen Erstausgabe 1974 in Frankreich unter dem Titel „La Hache Des Steppes“ publiziert wurde, wirkt nun wie ein Testament – und eines, das sich lohnt zu lesen.

Von einem ethnologischen und historischen Interesse getrieben unternahm der Schriftsteller zahlreiche Reisen zu schwer zugänglichen Orten der Erde. Raspail gründet seine Forschungen und seine literarische Arbeit, seine ganze Philosophie auf den Satz, dass es ohne Vorfahren keine Nachfahren gibt und die Enkel mit dem Verlust des Wissens um die Ahnen sich selbst verlieren. Dieser banale Satz erfährt seine Aktualität aus der Tatsache, dass er in Vergessenheit geraten ist. Jeder Mensch entstammt einer langen Familiengeschichte, einer Kette. „Für die meisten von uns verschwindet die Kette – der Ariadnefaden – freilich schon ab dem vorherigen Glied. Der kleine Mann von heute weiß, wie er heißt und von wem er unmittelbar abstammt.“ Für den „kleinen Mann“ existiert nur die Gegenwart, denn die Vergangenheit, seine Herkunft, hat er verloren und von der Zukunft weiß er nichts. „Er galoppiert im Kreis, der kleine Mann, wie ein Gaul am Ende einer Longe, angepflockt an seiner Anonymität.“

„Das Glied einer Kette wird dadurch
lebendig, dass es ein Bewusstsein von der
ununterbrochenen Kette erlangt, zu der es gehört“
Jean Raspail

Mündigkeit, sinnvolles Leben ergibt sich für Raspail aus dem Wissen um die eigene Abstammung. Sie garantiert erst Selbstständigkeit, Freiheit und Kultur. „Das Glied einer Kette wird dadurch lebendig, dass es ein Bewusstsein von der ununterbrochenen Kette erlangt, zu der es gehört.“ Versteht man unter Kultur unsere Art und Weise wie wir miteinander leben, welche Werte wir vertreten und auf welche Normen wir uns geeinigt haben, dann steht, wie man dieser Tage nicht nur in Stuttgart beobachten kann, unsere Kultur auf dem Spiel.

Raspail warnt davor, das Eigene, die eigene Geschichte aufzugeben, weil man sonst zu existieren aufhört und die große europäische Geschichte enden würde. Einerseits erblickt er die Ursprünge dieser Kultur in der christlichen, jüdischen, römischen und griechischen Geschichte, anderseits wirkte die Völkerwanderung dynamisierend auf Europa. In den Goten will Raspail seine Vorfahren erkennen, die aus Skandinavien nach Süden und Westen drängten. Die Westgoten ließen sich im römischen Gallien, dem heutigen Frankreich nieder. In der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern verbündeten sich die Westgoten mit den Römern und besiegten die Hunnen. Einige von ihnen, so nimmt Raspail an, verblieben trotz der Niederlage in ihren Siedlungen. In dem französischen Ort Origny-le-Sec, in den Jouquins genannten Einwohnern will er Nachfahren der Hunnen erkannt haben. „Wen kümmert es. Woher die Fäden kommen, die uns mit der Vergangenheit verbinden, solange sie noch heil sind und man mit pochenden Herzen, im Herzen dieses Geflechts aus Fäden selbst, für noch so ferne Schwingungen empfänglich bleibt.“ Aus diesem Grund beschloss Jean Raspail, die Gegend ethnologisch zu erforschen.

Auf der Suche nach den letzten Kariben

Nicht zufällig bildet der Hunnen- und Westgotenkomplex die Mitte des Bandes, den man auch als eine einzige Erzählung vom Aufspüren dieses „Geflechts“ verstehen kann. Überliefert wurde ihm von seiner Familie, so sein Glaubensbekenntnis, als Zeichen seiner Abkunft eine schwarze Axt, ein Stein, der vor dreitausend Jahren gehauen und poliert worden war – und dem man mit einem Holzstiel verbinden müsste, wenn man sie wieder benutzen wollte. Raspail hingegen dient diese Axt als Memento mori, als Artefakt des Anfangs, das ohne Unterbrechung in seiner Familie weitergegeben wurde und so auf ihn kam, als ein steinerner Ariadnefaden, als materielle Verbindung zur Abstammung, als Dokument der Unversehrtheit der Kette.

Auf den Antillen sucht er nach den letzten Abkömmlingen der Kariben, die einst auf den Inseln lebten, dann von den Indios, die von Südamerika mit Booten herüberkamen, und verdrängt und unterjocht wurden. Eigentlich assimilierten sich die Kariben, doch wenige beharrten auf das Autochthone und zogen sich ins undurchdringliche Gebirge zurück. Dort sucht Raspail nach ihnen, dort kommt es auf der Insel Dominica zu einer Begegnung mit dem König Francis, der Karibe bis in die Fingerspitzen war.

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Mit der älteren Ethnologie, als sie noch beschrieb und vom Strukturalismus nichts wusste, steht Raspail auf vertrautem Fuß, von der strukturalistischen Ethnologie eines Claude Levy-Strauss will er hingegen nichts wissen. Ihm geht es nicht um Strukturalismus, sondern um Geschichte, um Stammes-, um Abstammungsgeschichte. Die Suche nach den letzten ihrer Art führt ihn von der Karibik über Frankreich nach Japan, auf die Insel Hokkaido, die Nordinsel, und verwickelt ihn in eine atemberaubende Begegnung mit Anton Tschechow, posthum natürlich, schließlich über die russischen Wälder, über die Anden bis nach Patagonien. Von den Enden zu den Enden der Welt. Zuweilen kommt er zu spät und findet nur ein Grab vor.

Traumhaft schöne Sätze in eleganter Melancholie

Veranlasste die Axt aus der Steppe den Autor, sich an sein nomadisches Leben, an seine Suche nach den Letzten ihrer Art zu erinnern, so legte er die Axt mit dem Schreiben des Schlusses fort, denn: „Die Axt aus der Steppe bringt kein Glück ... Sie zeichnet all jene mit dem Siegel des Todes, die dem Lauf der Jahrhunderte getrotzt haben ... Sie ist das Symbol der Besiegten.“ Die Geschichte, die Raspail in dem Roman einer Reise erzählt, lässt in prallen Farben und glitzernden Facetten, in überraschenden Wendungen und unerwarteten Episoden einen melancholischen Abschied verglühen. Immer wieder gelingen Raspail traumhafte schöne Sätze einer eleganten Melancholie, wie man sie so nur in Frankreich kennt.

Raspail interessiert sich für historische Anomalien oder sollte man es Kuriosa nennen? Dinge, die eigentlich nicht geschehen – und wenn sie geschehen, in der Regel verborgen bleiben, wenn der Adept oder sehnsüchtig danach Suchende sich nicht genau danach auf die Suche begibt.

„Die Welt der Völkerwanderung ist übersät
von in Vergessenheit geratenen Verirrten“

Im „Heerlager der Heiligen“ erzählte der Romancier 1973 die Geschichte einer Masseneinwanderung, unter der die französische Gesellschaft und der französische Staat zusammenbrechen, weil sie sich zuvor schon von ihrer Kultur verabschiedet hatten. Vor dem Ansturm kapitulierte die französische Regierung, denn da sie nun mal da waren, musste man sie auch alle aufnehmen. Raspail hatte in einem Text darauf hingewiesen, dass das, was sich im Roman in 24 Stunden abspielte, in Wahrheit einen jahrzehntelangen Prozess verdichtete, dessen Auswirkungen sich erst 2045–2050 zeigen, wenn die stetig voranschreitende Masseneinwanderung und die Geburtenraten die Einwanderer zur Mehrheit verhelfen. „Die Stammvölker Europas mit ihren verkümmerten Geburtenraten und ihrer gloriosen Überalterung werden dem nichts entgegensetzen können.“

Raspail glaubt nicht, dass eine wirklich multikulturelle Gesellschaft gelingt. Für ihn bricht eine neue Zeit der Völkerwanderung an, in der die „Stammvölker Europas“ die Verlierer sein werden. „Die Welt der Völkerwanderung ist übersät von in Vergessenheit geratenen Verirrten, die in ihrer Todesstunde ihre ursprünglichen Züge wiederfinden und ins Jenseits mitnehmen, als ihre einzige Wahrheit.“

Auf seinen Reisen, die in diesem Buch geschildert werden, hat er sich auf die Suche nach den „Verirrten“ begeben, nach den letzten ihrer Art, nach den Katastrophen. „Die Axt aus der Steppe“ geriet so zum Epilog des „Heerlagers der Heiligen“.

Jean Raspail: Die Axt aus der Steppe. Reisen auf verwehten Spuren. Karolinger Verlag, Wien 2019, 280 Seiten, ISBN 978-3-85418-186-6, EUR 24,–

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