Es gibt Bücher, die klug und schonungslos Wunden unserer Zeit bloßlegen. Die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz macht es sich zur Aufgabe, in dem Werk „Leuchtspuren“ das Heilige in dieser Welt wieder zu entschlüsseln. Dem gedanklichen Absturz von der Theodizee zur Anthropodizee und Biodizee soll aufklärend Einhalt geboten werden. In vier großen Abschnitten werden Denkanstöße gegen die von Einsamkeit und Verdruss geprägte, ziellose Zukunft angeboten.
Die Fleischwerdung Gottes durch die Jungfrau Maria ist der Angelpunkt des Christentums. Sie unterscheidet dieses von allen Kulturen, allen heidnischen Mythen, Riten, Heils- und Weisheitslehren: „… die Männlichkeit Jesu, sein Eintritt in die polar gebaute Schöpfung, ist Eintritt
… in die polare Ordnung der Geschlechter.“
„Gang durch ein Minenfeld“
Mit Akribie widmet sich die Autorin dem Zustand der Kirche in Deutschland. Sie bezeichnet diesen als einen „Gang durch ein Minenfeld“.
Im Zuge des Synodalen Wegs wurde immer wieder die Forderung erhoben, das sakramentale Priestertum für Frauen einzuführen und den verpflichtenden Zölibat abzuschaffen.
Ohne die Sendung der christlichen Frauen zu schmälern und die Gleichwertigkeit von Mann und Frau zu negieren, verweist Gerl-Falkovitz auf das verpflichtende Vorbild Jesu, die klaren Aussagen des Lehramtes hinsichtlich der priesterlichen Ehelosigkeit und die sich daraus ergebende konstante Praxis der Kirche.
Scharf wendet sie sich gegen die feministische Umdeutung Marias zur Rebellin: „Wo hätte sie Priester-Macht für sich eingefordert? Der wörtliche Rat aus ihrem Mund, zugleich ihr letztes überliefertes Wort, lautet: ‚Was er euch sagt, das tut‘ (Joh 2, 5). Die Rebellion Marias reicht weit tiefer: in den Umbau des Existenzbewusstseins, den Umbau nämlich der Selbstbehauptung gegen die Macht Gottes – und auch der trotzigen Selbstbehauptung gegen den schöpferischen göttlichen Entwurf: Zum Glück hat er die Geschlechter unterschieden, zum Glück unterschieden begabt.“
Fragwürdiges Verhaftetsein in Strukturen
Über den deutschen Synodalen Weg und dessen Kritik an fragwürdigem Verhaftetsein in Strukturen urteilt Falkovitz differenziert. Strukturelle Ordnungen sind primär apersonal und sachlich. Sie stützen sowohl die „Banalität des Bösen“ als auch die „Banalität des Guten“. Jedenfalls entbinden sie Personen nicht von dem Urteil des eigenen Gewissens.
Zweifellos ist die Kirche Struktur. In Fragen des sexuellen wie auch des Machtmissbrauches ist sie sowohl anfällig als auch weisungsgebend. Hörbar muss diese Kirche wieder jene Ur-Forderungen erheben, deren Missachtung das Elend unserer Tage begünstigt. Es darf keine vorgeburtlichen Tötungen, keine Geschlechtsumwandlung, keine Leihmutterschaft, keine Kontrazeption, keine künstliche Befruchtung mehr geben.
Menschsein als Gabe Gottes
Exemplarisch stellt die Autorin uns die Gestalt der Gottesmutter Maria in einer feinsinnigen Deutung des Magnifikats vor Augen, und sie widmet ein überaus lesenswertes Kapitel dem „Vormund des ewigen Wortes“, dem heiligen Joseph. Die vielfache Fehldeutung seiner Person wird brillant widerlegt.
Streng verurteilt die Autorin die Überheblichkeit des Menschen hinsichtlich der Praktiken der Verhütung, Zeugung und Abtreibung. Der Ichverhaftete ist gerufen, sich in der Taufe lösen zu lassen, das eigene Dasein dankbar und staunend als göttliche Gabe zu erfahren.
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: Leuchtspuren. Warum braucht Kultur das Christentum? Herder, Freiburg, 205 Seiten, EUR 25,-
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