Naturrecht

Spaemanns Erbe

Andrzej Dominik Kuciski erschließt in verständlicher Sprache einen Zugang zum Verständnis des zu Unrecht  nahezu vergessenen Naturrechts.
Papst Benedikt XVI. stellte bei seiner Rede im Deutschen Bundestag 2011 das Naturrecht in den Mittelpunkt
Foto: Imago images | Papst Benedikt XVI. stellte bei seiner Rede im Deutschen Bundestag im Jahre 2011 das Naturrecht in den Mittelpunkt seiner Ausführungen.

Das Naturrecht, einst ein Merkmal katholischen Philosophierens und auch anschlussfähig gegenüber anderen Religionen, ist ins Hintertreffen geraten. In der Nachkonzilszeit von der Kirche immer mehr geleugnet, gewinnt es wieder, zumal in Krisenzeiten, neue Anhänger vor dem Hintergrund der Suche nach gemeinsamen ethischen Maßstäben. Der im Erzbistum Köln inkardinierte Priester des Neokatechumenats Andrzej Dominik Kuciski hat ein gewinnendes Plädoyer für dieses mit der Natur des Menschen und der Natur der Welt argumentierende Ordnungsprinzip vorgelegt, das der aktuellen Zersplitterung der anthropologischen Ansätze etwas entgegenzuhalten weiß.

Die Hoffnung, die Pandemie habe die Menschen solidarisch gemacht, in der Erkenntnis, "wie abhängig wir voneinander sind", hat sich wohl nicht erfüllt. Doch ist jedenfalls richtig, dass wir in einer sich immer mehr individualisierenden Gesellschaft dringend Mittel und Wege benötigen, die uns wieder zueinander finden lassen. Auf ein Phänomen weist Kuciski zu Recht hin: Die immer noch nachklingende Rede von Papst Benedikt XVI. 2011 im Bundestag, die damals Politiker aller Richtungen in Verlegenheit brachte, weil sie nicht politisch gedeutet werden konnte, war in Wahrheit ein Impuls, es wieder mit dem Naturrecht zu versuchen.

Das hörende Herz

Ausgehend vom jungen Salomon, der Gott um ein "hörendes Herz" bittet, fragte Benedikt: "Wie können wir zwischen Gut und Böse, zwischen wahrem Recht und Scheinrecht unterscheiden?" Die Christen hätten von Anfang an universalistisch gedacht in der Unterscheidung "von religiösem Recht und dem der Natur des Menschen verpflichteten Vernunftrecht". Freilich hätten sie   und da deutet sich das grundsätzliche Problem des Naturrechts an   Natur und Vernunft auf die von einem Schöpfergott gegründete Weltordnung bezogen: Das Naturrecht kommt ohne einen Letztbezug, der nur Gott sein kann, nicht aus. Das ist für manche Suchende aber zu schnell und zu einfach. Denn der positivistisch-funktionalistische Naturbegriff hindere uns heute daran, eine Brücke zwischen Sein und Sollen herzustellen.

Alles empirisch nicht Verifizierbare, wie Ethos und Religion, falle damit aus dem Bereich des objektiv Verbindlichen heraus. Es ist also eine große Aufgabe   der Kuciski sich in seinem Buch stellt  , das Fenster zur Annahme eines natürlichen Gesetzes wieder aufzureißen. Ein solches Eingangstor sieht er, wenn wir im Alltag intuitiv voraussetzen, dass etwas "sich einfach nicht gehört" oder dass man "etwas nicht tun darf". Es gibt immer noch, und es wird immer geben, Situationen, in denen wir nach einer allen Menschen gemeinsamen Norm zum Handeln suchen, "die nicht weiter begründet zu werden braucht und die jedem positiven Recht vorausgeht".

Sieben Eigenschaften des Naturrechts

An der Hand Robert Spaemanns, über dessen Naturrechtsbegriff Kuciski promoviert hat, kommt er zu sieben Eigenschaften des Naturrechts. Nämlich dessen Universalität, Objektivität   weil unabhängig von fehlbarer menschlicher Erkenntnis geltend, Autonomie    weil im Innern des Menschen zu entdecken  , Unveränderlichkeit und Ausnahmslosigkeit, Vernunftbezogenheit und Humanität   weil auch von Nichtgläubigen mit der Vernunft zu entdecken. Pädagogisch klug geht der Autor immer erst einen Schritt weiter, nachdem er am Ende des Kapitels eine thesenartige Zusammenfassung zum Überdenken mitgegeben hat. 

Für Kuciski ist die Krise des Naturrechts übrigens keine neue Erscheinung, er lässt sie vielmehr schon mit dem Nominalismus ab dem 14. Jahrhundert beginnen. Der Protestantismus mit seiner Annahme einer durch und durch verdorbenen Natur des Menschen rüttelte weiter an der Behauptung, daraus könne wahre ethische Erkenntnis erwachsen. Der Vernunftglaube der Neuzeit schließlich braucht keinen Gott mehr, weil die Vernunft ja alles zu regeln scheint. Das starre neuscholastische Naturrechts-Konzept, das Glaube und Vernunft trenne, aber von einer radikal unveränderlichen Wesensnatur des Menschen ausgehe, war ebenfalls schädlich.

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Vieles in die Natur des Menschen hinein interpretiert

Kuciski: "Auf diese Weise wurde die Natur des Menschen "überstrapaziert", das heißt, man hat in sie vieles hinein interpretiert und für konstant gehalten, was nur eine zeitbedingte Erscheinung war." Eine solche Positivierung des Naturrechts, die einer päpstlich autorisierten Sammlung von Gesetzen gleiche, kann vor der ständig wachsenden Pluralisierung der Gesellschaft nicht bestehen. Zugleich erhebt sich die Frage: "Wenn die menschliche Natur nicht mehr als in jedem Fall unveränderlich gesehen wird, ist es dann legitim, den Menschen als völlig beliebig gestaltbar zu betrachten?" Aktuelle Tendenzen des Transhumanismus scheinen darauf hinzudeuten. Dazu der Autor: "Ohne die von außen kommende Sicherheit, dass der Mensch als solcher ein Gut darstellt, das unbedingt zu schützen und zu fördern ist und dass diese Gutheit das Hauptkriterium des Umgangs mit ihm bleibt, lässt sich seine Naturveränderung nicht wirklich verhindern." 

Lehre von der Zielgerichtetheit der Lebewesen

Kuciski redet einer Naturteleologie als Lehre von der Zielgerichtetheit der Lebewesen das Wort. Für ihn ist klar: Der Mensch als Substanz hat die Tendenz, sein eigenes Sein zu bewahren. Der Mensch als Lebewesen hat mit anderen Lebewesen die Tendenz zur Arterhaltung. Der Mensch als rationales Wesen hat die Neigung, die Wahrheit kennenzulernen und sich in der Gesellschaft zu entfalten. Auf diesen natürlichen Neigungen könne man aufbauen. Ein dynamisches Verständnis der menschlichen Natur lasse verschiedene Lesarten des Naturrechts zu, führe die Pluralität der Kulturen aber wieder zum Ausgangspunkt, eben den natürlichen Neigungen, zurück.

Die religionsbegründete Deutung des Naturrechts bleibe zwar eine Herausforderung für das säkulare Denken, sei aber dennoch Zeichen der Rationalität: "Denn mit dem Wegfall des Religiösen aus der öffentlichen Sphäre drohen in letzter Konsequenz einige Errungenschaften der Moderne verloren zu gehen", so freiheitliches Bewusstsein, Vernunftbegabung, Wahrheitsfähigkeit. "Was die Menschen Gültiges über sich selbst und über die Welt sagen können, steht und fällt mit der (...) Frage: Existiert Gott? Die konsequente Negation des Unbedingten muss die Bemühungen um eine ethische Universalität (...) vereiteln." Deswegen hat Naturrecht eine Zukunft, im Übrigen auch in Bezug auf die drohende ökologische Katastrophe, den "Verbrauch" der Erde.

Naturrecht wieder entdecken

Andrzej Dominik Kuciski macht es uns mit seinem in einer ganz zugänglichen Sprache verfassten Buch leicht, das Naturrecht wieder zu entdecken. Kein Leser muss sich scheuen, die eminent praktische Funktion dieses genuin katholischen Denkansatzes zu erfassen und für sein Leben, aber auch das Wirken in der Öffentlichkeit nutzbar zu machen. Kuciskis Wegweiser eignet sich für das Selbststudium ebenso wie als Grundlage für eine Vortragsreihe. Das Buch füllt eine Lücke und beweist einmal mehr, dass die Lösungen für die aktuellen Krisen in Kirche und Gesellschaft schon seit jeher bereit liegen.

Andrzej Dominik Kucinski: Wegweiser in ethischer Verirrung Naturrecht auf dem Prüfstand. Verlag Media Maria, Illertissen, 2022, 205 Seiten, ISBN 978-3-9479314-1-5, EUR 18,85

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