Philosophie

Absage an einen moralisch überhöhten Staat

Ein neues Buch zeigt: Arthur Schopenhauer war auch ein politischer Denker - und sich in vielem mit Augustinus einig.
Arthur Schopenhauer - hier im Jugendbildnis
Foto: dpa (bearbeitet) | Nicht nur Vordenker von Menschen- und Tierrechten, sondern auch ein origineller Rechtsphilosoph: Arthur Schopenhauer - hier im Jugendbildnis.

Einen Philosophen musst du lesen, ihn selbst, jede Zeile von ihm, aber nichts über ihn, keine Zeile über ihn, – er heißt Arthur Schopenhauer.“ Mit diesen flammenden Worten warb Friedrich Nietzsche Mitte der 1860er Jahre gegenüber seinem Freund Paul Deussen, sich einmal mit der Schopenhauerschen Willensphilosophie auseinanderzusetzen. Nietzsche selbst ließ sich (bekanntermaßen zumindest zeitweilig) äußerst stark vom Denken des philosophischen Einzelgängers beeinflussen – worin er sich, mit Blick auf Denker und Künstler wie Richard Wagner, Thomas Mann, Albert Einstein, Sigmund Freud oder Leo Tolstoi bis hin zu Michel Houellebecq und Techno-DJ Westbam in illustrer Gesellschaft befand oder befindet.

„Dennoch erweisen sich viele von Schopenhauers Intentionen und Einsichten (...)
hinsichtlich gegenwärtiger politischer Debatten als äußerst gewinnbringend“

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Der immense Einfluss, den Arthur Schopenhauer (1788–1860) vor allem im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert mit seinem Denken auf Philosophie, Kunst und Psychologie gehabt hat, ist nachhaltig belegt. Vor allem seine Willensmetaphysik, sein emphatisches Kunst- und Musikverständnis, die Auseinandersetzung mit fernöstlichem Denken sowie seine in den auch heute noch gelesenen „Aphorismen zur Lebensweisheit“ entwickelte Lebenskunst- und Glücksphilosophie lassen Schopenhauer bei näherer Betrachtung sowohl als „glücklichen Pessimisten“ (Ludger Lütkehaus) als auch als „philosophischen Weltbürger“ (Robert Zimmer) erscheinen, der in seiner Philosophie beinahe mühelos antike und aufklärerische, christliche und buddhistische sowie naturwissenschaftliche und medizinisch-psychologische Denkmuster miteinander zu verbinden wusste und bis in die Gegenwart hinein zu einem äußerst vielfältigen und verschiedenste akademische Disziplinen anregenden „Denker gegen den Strom“ (Arthur Hübscher) avancieren konnte. Sein Politik-, Rechts- und Staatsverständnis hingegen, welches zugegebenermaßen verstreut in „Die Welt als Wille und Vorstellung“, seinen Berliner Vorlesungen über die „Metaphysik der Sitten“ von 1820 sowie in seinem finalen Werk, den „Parerga und Paralipomena“, aufzufinden ist, ist bis in die Gegenwart hinein jedoch weitgehend unbeachtet geblieben.

Zu Unrecht, findet Christina Kast: Die promovierte Philosophin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für philosophische Anthropologie, Kultur- und Technikphilosophie an der Otto-von Guericke-Universität Magdeburg beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit Vordenkern der Existenzphilosophie wie Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche und Heidegger und hat nun den Sammelband „Pessimistischer Liberalismus – Arthur Schopenhauers Staat“ in der Nomos Verlagsgesellschaft herausgegeben. Das Credo des in der Verlagsreihe „Staatsverständnisse – Understanding The State“ herausgegebenen Bandes lautet, dass Schopenhauers Politikverständnis eine ungewöhnliche Verbindung zwischen pessimistischer Philosophie und liberalem Denken darstelle und aus diesem Grund wiederentdeckt werden sollte.

Forderung: den Staat moralisch entmächtigen

Aus Sicht von Christina Kast und der an dem Sammelband mitwirkenden Autoren erwächst in Schopenhauer aufgrund von dessen Skepsis gegenüber der Berechenbarkeit von Mensch und Welt ein profundes Bewusstsein für die Grenzen von Politik und Staatlichkeit, das zudem von einem betont realistisch-nüchternen Blick für alles Menschliche, gerade in politischen Dingen, geprägt sei. Die Annahme des „Leidens allen Lebens“ bilde hiernach den Kern von Schopenhauers Staatsverständnis, welches – zugespitzt formuliert – auf einen Minimalstaat hinausläuft, in welchem im Vordergrund der Schutz von Leib, Leben und Eigentum steht, flankiert von guten Gesetzen, Gewaltenteilung und – wenn nötig – robust aufrecht zu erhaltender Ordnung.

Schopenhauers altliberale politische Philosophie steht hierbei sowohl in Tradition zu englischen Vordenkern von Liberalismus, Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung wie Thomas Hobbes und John Locke, als auch – wie einer der Autoren des Sammelbandes, Thorsten Lerchner, Privatdozent für Philosophie an der Universität Würzburg, in einem Beitrag nachweist – in engem Verhältnis zum Denken des Kirchenlehrers Augustinus, der laut Schopenhauer das „vollkommene Christentum“ lehrte, und genau wie dieser einem „moralisch entmächtigten“ Staat das Wort redete, der keinerlei Einfluss auf das Heilsgeschehen als auch auf die Tugendhaftigkeit seiner Mitbürger zu unternehmen gedenkt.

Pessimismus kann anregend für die gesellschaftliche Entwicklung sein

Schopenhauers liberale politische Philosophie ist erkennbar seinem philosophischen System nachgeordnet: Denn der Willensphilosoph ist zuerst ein den ewigen Wahrheiten verpflichteter Metaphysiker, erst danach ein an der Wirklichkeit orientierter politischer Theoretiker – in diesem Fall einer für ihn festzustehenden und als pessimistisch zu bezeichnenden Anthropologie. Dennoch erweisen sich viele von Schopenhauers Intentionen und Einsichten, so die Autoren, zu denen neben Christina Kast und Thorsten Lerchner unter anderem der Philosoph und Schopenhauer-Experte Dieter Birnbacher, die Philosophin und Expertin für Deutschen Idealismus, Manja Kisner sowie der Philosoph und Frankfurter-Schule-Kenner Per Jepsen gehören, hinsichtlich gegenwärtiger politischer Debatten als äußerst gewinnbringend: So könne Schopenhauer nicht nur als Vordenker von Menschen- und Tierrechten sowie Nachhaltigkeit und Bewahrung der Schöpfung, sondern auch als origineller Rechtsphilosoph, Antipode eines moralisch überladenen Politikverständnisses sowie als Beweis dafür gelten, dass sogenanntes pessimistisches Denken anregend für Diskussionen in Gesellschaft, Recht und Politik sein kann. Die Lektüre der Aufsätze dieses Sammelbandes, in denen Schopenhauers Denken unter anderem mit den Denkern wie Kant, Fichte, Schelling, Freud, Horkheimer und Arnold Gehlen, aber auch mit moderner Hirnforschung und der gegenwärtigen Ökologiedebatte in Verbindung gebracht wird, bestätigt diese Ansichten.

Das eingangs erwähnte Diktum Nietzsches an Paul Deussen, dass dieser lediglich Bücher von, aber keineswegs über Schopenhauer lesen solle, kann mit Blick auf diesen äußerst interessanten Sammelband zur politischen Philosophie Arthur Schopenhauers getrost außer Acht gelassen werden.


Christina Kast (Hrsg.): Pessimistischer Liberalismus – Arthur Schopenhauers Staat.
Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2021, 277 Seiten, ISBN 978-3-8487-6204-0, EUR 59,–

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