Weihnachtsliteratur

Schauerliche Seligkeit entsteigt manchem Festtagserleben

Was vom Fest der Liebe übrig bleibt: Familienstreit, Dekadenz und eine Menge Blut. Björn Hayers wagt einen Blick auf ambivalente Literatur zur Weihnachtszeit.
A Christmas Carol
Foto: IMAGO / United Archives

Sicher, jedes Jahr um diese Zeit wandelt sich der grausige Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens „Eine Weihnachtsgeschichte“ (1843) vom Misanthropen zu Christkinds liebstem Barmherzigkeitsritter. Auch dem Maikäfer in Gerdt von Bassewitz‘ verspieltem Klassiker „Peterchens Mondfahrt“ (1912) wird alljährlich eine späte Rettung zuteil, nämlich dann, wenn zwei mutige Kinder mitsamt der geballten Macht der Naturgeister die Milchstraße durchreisen, um das verlorene Beinchen des Herrn Sumsemann vom Mond zurückzuholen. Doch längst nicht alle bekannten Prosatexte zum Fest fallen letztlich derart besinnlich und optimistisch aus. Mit dem Advent ziehen auch Zynismus und Satiren auf.

Einen der schwarzhumorigsten Abgesänge auf der Familien heimeligste Zusammenkunft schrieb etwa Heinrich Böll. In seiner Satire „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ (1952) wird es schön ungemütlich, wenn der weiße Winter sich zu einem endlosen Alptraum entwickelt. Nach Bombenhagel und Krieg will sich Tante Milla das Fest der Feste nicht mehr nehmen lassen und beendet das erste Weihnachten 1945 einfach nicht mehr. Zunächst räumt man für sie nur den Tannenbaum nicht ab, doch bald schon steigert sie sich gänzlich in das Phantasma hinein, jeden Tag fände Christi Geburt statt.

„Unzählig sind die Gedichte der Romantiker,
die Wanderer in der Winterzeit in die verlassene Schneelandschaft schicken –
Weihnachten ist eben auch ein Fest der eremitischen Verzückung,
der gesuchten und heraufbeschworenen Melancholie“

In Vojech Jasnys Verfilmung von 1970 erklingt dazu aus dem Inneren eines Elektro-Engels ständig „Frieden“, was für Tante Millas Familie und die Zuschauerinnen zum Sinnbild des Wahns wird. Die Geschichte zeichnet ein trauriges Menetekel: Wer glaubt, Weihnachten habe das Zeug zur gewaltfreien Utopie, der irrt. Bei Böll steht es ganz im Zeichen der Heuchelei, deren gesamte Tragik sich in einer Welt und einem Jahrhundert des Schreckens manifestiert. Die Ermahnung des künstlichen Himmelsboten zum Pazifismus veranschaulicht in ihrer nervtötenden Unabstellbarkeit die Ohnmacht von Sprache und letztlich auch Literatur.

Wo sie nicht mehr ernsthaft durchdringt, muss sie sich unernst Gehör verschaffen. Feiern bieten als Orte des familiären Rituals der Literatur beste Gelegenheiten, sie einmal so richtig zu unterlaufen. Zumeist bekommt das Bürgertum sein Fett ab. Nicht einmal die Zuckermasse all der Leckereien reicht dann noch aus, um die ungewollten Streitigkeiten an den Tafeln zu versüßen. Die scheinbar ritualisierte Ordnung wird durch das Chaos ersetzt.

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Theodor Storm erinnert sich an Festtage seiner Kindheit

Bisweilen tragen zelebrative Anlässe rund um Christi Geburt aber ebenso zu einer Kontemplation bei. Sie dienen dem Erinnern und der Vergegenwärtigung vergangener Tage. Wenn auch nicht frei von etwas zu viel Zimt und Süße in der Sprache, so erzählt Theodor Storms autobiografisch gefärbter Prosatext „Unter dem Tannenbaum“ (1862) von der Sehnsucht eines Amtsrichters nach den erfüllten Festtagen seiner Kindheit. Als der Autor diesen Entwurf schreibt, hat er im heutigen Schleswig-Holstein aus politischen Gründen bereits seine Zulassung als Rechtsanwalt verloren. Seit 1856 weilt er als Kreisrichter im Thüringischen Heiligenstadt, fernab der Weite der See, wo einstmals die Welt noch in Ordnung war.

Nicht selten ermöglicht Weihnachten also eine Art nostalgischer Zeitreise, ein Abgleiten in märchenhaft verklärte Vorstellungswelten. Das Ziel: die Überwindung von Entfremdung, mithin einer voll und ganz unmodernen und pathetischen Suche nach Heimat und Identität, ganz frei von Skeptizismus und Dekonstruktivismus. Von dieser Erfahrung berichtet auch Hermann Hesse in einem Gedicht zu den Adventstagen: „In Weihnachtszeiten reis´ ich gern/ und bin dem Kinderjubel fern/ und geh´ in Wald und Schnee allein./ Und manchmal, doch nicht jedes Jahr,/ trifft meine gute Stunde ein,/ dass ich von allem, was da war,/ auf einen Augenblick gesunde/ und irgendwo im Wald für eine Stunde/ der Kindheit Duft erfühle tief im Sinn/ und wieder Knabe bin…“ – selbst der entschiedenste Festzyniker wird nun wohl zugegeben müssen: Solche Verse gehen wie Glühwein runter.

Gesuchte und heraufbeschworene Melancholie

Tja, wo andere feiern, geben sich so manche Poeten gern der Einsamkeit hin. Unzählig sind die Gedichte der Romantiker, die Wanderer in der Winterzeit in die verlassene Schneelandschaft schicken – Weihnachten ist eben auch ein Fest der eremitischen Verzückung, der gesuchten und heraufbeschworenen Melancholie. Die Wehmut kann zur – ach dieses wunderschöne deutsche Wort! – Besinnlichkeit führen. Man begibt sich in die – noch so eine unserer Herzensvokabeln – Waldeinsamkeit, verzaubert von allem Lärm überdeckenden Schnee.

Von dieser eigenartig meditativen Stimmung gibt auch das Gedicht „Advent“ von Rainer Maria Rilke Kunde: „Es treibt der Wind im Winterwalde/ Die Flockenherde wie ein Hirt,/ Und manche Tanne ahnt, wie balde/ Sie fromm und lichterheilig wird./ Sie lauscht hinaus. Den weißen Wegen/ Streckt sie die Zweige hin bereit/ Und wehrt dem Wind und wächst entgegen/ Der einen Nacht der Herrlichkeit.“ Eine sakrale Atmosphäre bahnt sich selbst in der reinsten, vom Menschen unbewohnten Natur in den Wochen vor der Stillen Nacht Raum.

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Die Erwartungshaltung siegt über alle Ängste

Auch wenn sich noch Widerstände, beispielsweise im eisigen Wind, bemerkbar machen, siegt die Erwartungshaltung über alle Ängste und Bedrohungen. Die Herrlichkeit, so die zuversichtliche Botschaft des Poems, sie wird sich einstellen. „Aus des Schnees Einsamkeit/ Steigts wie wunderbares Singen –/ O du gnadenreichen Zeit“, heißt es auch in einem anderen Weihnachtsgedicht des Jahrhundertwendeautors.

Zauber und immer wieder Zauber, davon erzählt die Literatur, seitdem sie über den Heiligen Abend nachdenkt. Ludwig Tiecks Novelle „Weihnacht-Abend“ (1838), die uns mit Menschen in bitterster Armut konfrontiert und ihnen zuletzt ein Stück Erfüllung und Erlösung gewährt, dokumentiert, welche Magie die Ankunft Jesu Magie freisetzt. Sie verschönert und verbessert die Welt.

Gemein ist ihnen übrigens, sowohl den ironischen als auch den pathetisch-feierlichen Texten, dass Weihnachten stets als Initiationspunkt für das Erzählen an sich fungiert. Besonders dokumentiert wird dies in Klaus Modicks „Vierundzwanzig Türen“ (2000).

An jene denken, die weniger von Glück beschenkt sind

Hinter den besagten Klappen des Adventskalenders wird eine Familie einer Geschichte um Gemäldediebe gewahr, die es unversehens im Schneesturm in ein Gehöft verschlägt, wo sie einer Frau in den Wehen begegnen. Mit jedem Türchen erschließt sich nach und nach die Story, die, etwas verschoben und neu arrangiert, eine Art zweiter Weihnachtsgeschichte entwirft. Im Kern zeigt sie den Gegensatz zwischen der Welt der Reichen und Armen. Sie dokumentiert, warum wir am 24. Dezember zusammenkommen, nämlich um an jene zu denken, die weniger von Glück beschenkt sind als wir selbst.

Literatur gemahnt uns aktuell, gerade im Schatten des Kriegs, uns wieder auf die Grundwerte unseres Zusammenseins zu verständigen. Sie erinnert uns nicht nur daran, dass wir nicht allein sind, sondern auch, dass wir eine Verantwortung für die und zur Gemeinschaft haben. Das Gefühl von Nähe stellt sich demnach beim Lesen ein und ist in dieser tristen und scheinbar hoffnungsarmen Zeit eine wahre Wohltat.

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