Buchrezension

Quelle gegen Gift

Kardinal Sarahs Meditationen über den Priester sind geistliche Arznei gegen die Kirchenkrise unserer Zeit.
Kardinal Sarah sieht die Ursache des Verfalls in der gedanklichen Entkoppelung von Amt und Person
Foto: Paul Haring (CNS photo) | Kardinal Robert Sarah sieht die Ursache des Verfalls in der gedanklichen Entkoppelung von Amt und Person. Weil die Priester nicht so leben, wie es der Heilige Geist in sie bei der Weihe eingeschrieben hat, gerate die ...

Man würde es als ein Gegengift bezeichnen, was Kardinal Sarah in seinem neuesten Buch zur Überwindung der Kirchenkrise der Gegenwart zu sagen hat. Würde nicht der Begriff des Giftes so gar nicht zu den Meditationen passen, die er zum katholischen Priestertum vorlegt. Es ist eher das Bild des klaren Quellwassers, das dem am nächsten kommt, was der aus Guinea stammende emeritierte Kurienkardinal zu trinken empfiehlt, um den Organismus der Kirche von innen her zu reinigen und ihm neues Leben zu schenken, da wo er durch die diversen Infektionen mit den Keimen eindimensionaler Ideologien infiziert und von Verfall gekennzeichnet ist. Die Lösung der Krise liegt nach Kardinal Sarah nicht in einer Zeitgeistantibiose, bei der künstliche Hilfsmittel aus „alt“ „neu“ machen sollen, sondern in der Förderung der Selbstheilungskräfte der Kirche. Sie heißen Buße, Umkehr, Gebet und Heiligkeit.

Kardinal Sarah plädiert für Reform im Wortsinne

Im Gegensatz zur „Reformation 2.0“, die Papst Franziskus schon mehrfach spöttisch hinter der deutschen Synodalagenda vermutet hat, plädiert Kardinal Sarah für eine Reform im Wortsinne. „Was ist eine Reform?“, so zitiert er sich selbst aus seinen 2019 mit Nicolas Diat  geführten Gesprächen, „Es geht um eine Re-Formation, eine Wieder-Herstellung. Dies meint eine Rückkehr zur ursprünglichen Form, die den Händen Gottes entspringt.“ So wie es die Heiligen gemacht haben. „Sie reformierten die Kirche, und zwar nicht dadurch, dass sie Pläne für neue Strukturen erarbeiteten, sondern indem sie sich selbst reformierten.“

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Unter diesem Vorzeichen rangiert die gesamte Zusammenstellung der Gedanken über das Priestertum, die Kardinal Sarah in seiner Verantwortung als Bischof seinen Lesern vorstellt. Zwar spricht er zunächst zu seinen Mitbrüdern „als Bruder, als Freund, als Vater und als Jünger Jesu Christi“. Dennoch ist die Abhandlung durchaus für alle geschrieben, denen eine Erneuerung der Kirche am Herzen liegt. Seine schriftlichen Exerzitien nehmen jeden in klarer Sprache mit auf eine Reise zur Herzmitte der Kirche. Und dies ist das Priestertum.

Keine Erneuerung der Kirche ohne Bekehrung der Priester

Das Priestertum? Das augenblicklich gerüttelte und geschüttelte Priestertum, von dem der Synodale Weg sagt, es habe einen Webfehler, der die systemische Ursache für moralische Abseitigkeiten sei? Ja, das Priestertum ist es, das Kardinal Sarah bewusst und mit der Emphase eines selbst um Heiligkeit bemühten Priesters als wesentlichen Ort der Gegenwart Christi meditiert.

Unterstützung dafür hat er bei einer Reihe von Heiligen und Heiligmäßigen gefunden, deren Gedanken er in vierzehn Kapiteln vorstellt und kommentiert: Katharina von Siena, Gregor der Große, Johannes Chrysostomus, Papst Johannes Paul II., Bernhard von Clairvaux, John Henry Newman, Augustinus, Papst Benedikt XVI., Kardinal Jean-Marie Lustiger, Georges Bernanos und die Päpste Franziskus und Pius XII. Sie alle dienen ihm als Zeugen für den zentralen Gedanken des Buches: dass es keine Erneuerung der Kirche geben kann ohne Bekehrung der Priester.

Priestertum muss als Wesensmoment betrachtet werden

Die Kirche, die als in die Zeit getragenes Heilsmysterium unentbehrlich ist, ist Sakrament Jesu Christi. Deswegen bedarf sie des Priestertums, das niemals getrennt von der Kirche betrachtet werden kann, sondern im Gegenteil – jenseits aller strukturellen Funktionalität – als Wesensmoment betrachtet werden muss. Und deswegen kann die Fäulnis, die die Diener der Kirche befallen hat, auch nur durch deren geistliche Erneuerung, durch deren Bekehrung und Heiligung erreicht werden. Georges Bernanos zieht nach einem von Sarah zitierten Vergleich zwischen Franz von Assisi und Martin Luther den Schluss: „Die Kirche braucht also keine Reformer, sondern Heilige.“

Während Luther an der Lasterhaftigkeit der Kirche verzweifelt und damit zu einer Ablehnung der institutionellen Kirche und der Sakramente gelangt, reformiert Franziskus die Kirche seiner Zeit, die nicht minder von sündhaften Lasten, Korruption, Unzucht und Verfallenheit an die Welt litt, durch eine radikale Rückkehr zum Evangelium. Das Programm ist dabei nicht eine „neue Lesart der Schrift“, eine „Öffnung zur Lebenswirklichkeit“ oder eine „Anpassung an die Erfordernisse der Gegenwart“, sondern Umkehr und unerbittliche Buße als Beweis der erneuerten Liebe zur Wahrheit.

Es braucht eine Einheit zwischen Amt und Leben

Diesen roten Faden verfolgt Kardinal Sarah durch alle Kapitel seines Buches: Das Priestertum ist notwendig, weil es Christus sakramental vergegenwärtigt. „Wenn der Apostel Petrus tauft, dann ist es Jesus, der durch ihn tauft; aber auch wenn Judas, der Verräter, tauft, ist es ebenfalls Jesus, der durch ihn tauft“, wird in diesem Zusammenhang Augustinus zitiert. Dennoch muss es eine Einheit zwischen Amt und Leben geben.

Alle Entkoppelungen der priesterlichen „Funktionen“ von seinem „Privatleben“ führen am Ende zu jenen Persönlichkeitsspaltungen, die moralische Abwege begünstigen und ihnen ein unbeobachtetes Reservat erschließen, das dann irgendwann skandalträchtig und offenbar wird.

Wenn Priester nicht leben, wie es der Heilige Geist ins sie eingeschrieben hat

Die unglücklichen bis tragischen Missgriffe von Priestern zu Lasten der ihnen anvertrauten Menschen sind das Ergebnis eben dieser Schizophrenie, in die der Priester gerät, wenn er beginnt, auf Erfolg und Anerkennung zu schielen, wenn er sich sprachlich, ideologisch und medial in eine Passform begibt, die ihn unsichtbar macht und gleichzeitig sein persönliches Leben in eine Parallelwelt führt. „Wie im Mittelalter“, sagt Kardinal Sarah, „führt die Infiltration der Welt in die Kirche zu sexuellen und finanziellen Skandalen unter den Priestern und hat Autoritätsmissbrauch und eine tödliche spirituelle Austrocknung zur Folge.“

Die Quintessenz daraus ist für ihn das reine Gegenteil von dem, was seine deutschen episkopalen Mitbrüder derzeit anraten. Während diese sich einer soziologischen Lesart verschreiben und den Priester geradezu funktionärshaft seines Wesens entkleiden und ihn als korrupten Beamten dastehen lassen, weil sie glauben erkannt zu haben, dass der Missbrauch von Macht und Sexualität dem Priestertum wie eine DNA eingeschrieben ist, führt der Kardinal die Ursache des Verfalls gerade auf diese gedankliche Entkoppelung von Amt und Person zurück. Weil die Priester nicht so leben, wie es der Heilige Geist in sie bei der Weihe eingeschrieben hat, gerät die Kirche ins Wanken.

Christus wird erneut gekreuzigt

Und deswegen braucht es eine Wiedergewinnung der Heiligkeit des priesterlichen Lebens durch Umkehr zu seinem Wesen. Dazu dient nicht Demokratisierung, sondern eine schon in der Priesterausbildung grundgelegte Christusförmigkeit, die täglich durch Gebet und Messopfer vertieft wird. Durch Relativismus und Subjektivismus in Theologie und Verkündigung – so Sarah – wird Christus erneut gekreuzigt. Wobei er eher beiläufig, jedoch gleichermaßen unüberlesbar in einer für Subjektivismen anfälligen Liturgie die Ursache für das Versiegen der geistlichen Quellen erblickt, aus denen das Priestertum lebt.

Damit legt Kardinal Sarah in seinen Meditationen weit mehr vor als den tausendsten Beitrag zu einer Spiritualität des Priesters. Er schält in unübertroffener Klarheit den Wesenskern des Priestertums heraus und stellt ihn kontrovers gegen den gegenwärtigen Versuch, ihn „systemisch“ zu vernichten. Es wird darauf ankommen, den Ratschlägen des afrikanischen Kardinals zu folgen, wenn es eine Aussicht auf Erneuerung geben soll. Sein Buch ist ein Geschenk an die Kirche unserer Zeit. Man wünschte es unter viele deutsche klerikale Weihnachtsbäume. Und nicht minder unter die bischöflichen.

Kardinal Robert Sarah: Für die Ewigkeit. Meditationen über den Priester. fe-Medienverlag, 232 Seiten, ISBN 978-3863573577, EUR 16,80

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