Frankfurt am Main

Nordische Impressionen

Einsame Seevögel: Norwegen ist Gastland der Buchmesse Frankfurt am Main.
woman reading beside campfire in norway
Foto: Adobe Stock | "Lesen heißt, die Worte als Lichter zu sehen, sie leuchten in der Dunkelheit." Das literarische Norwegen hat viel zu bieten.

„Der Traum in uns.“ Unter dieses Motto stellt Norwegen sein Literaturprogramm, das es auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt vorstellen wird. Die Worte stammen aus einem Gedicht des norwegischen Dichters Olav H. Hauge (1908—1994): „Das ist der Traum, den wir tragen, dass etwas Wunderbares geschieht, geschehen muss — dass die Zeit sich öffnet, dass das Herz sich öffnet, dass Türen sich öffnen, dass der Berg sich öffnet, dass Quellen springen — dass der Traum sich öffnet, dass wir in einer Morgenstunde gleiten in eine Bucht, um die wir nicht wussten.“

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Die Bucht wird das literarische Norwegen symbolisieren, das es zu entdecken gilt – und da lassen sich faszinierende Schätze heben. Drei Literaturnobelpreisträger hat Norwegen hervorgebracht: Bjornstjerne Bjornson (1903), Knut Hamsun (1920) und Sigrid Undset (1928), die den Preis für ihr dreibändiges, im Mittelalter angesiedeltes Romanwerk „Kristin Lavranstochter“ (1922) erhielt. Die Romantrilogie ist – wie auch das vierteilige Werk „Olav Audunsson“ (1927) – durchdrungen von religiösem Gefühl und der Suche nach Gott. 1924 war die 1882 geborene und 1949 gestorbene Schriftstellerin zum Katholizismus konvertiert, was im protestantischen Norwegen einen Skandal hervorrief. Die entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus musste nach der deutschen Besetzung Norwegens 1941 fliehen und erreichte auf abenteuerlichen Wegen die USA, wo sie bis zum Kriegsende blieb.

Längst Vergessenes in der eigenen Seele

Eine frühe Erzählung der äußerst produktiven Autorin ist im Frühjahr in einer neuen Übersetzung erschienen: „Das glückliche Alter“ (1908) erzählt auf wenigen Seiten die Geschichte einiger junger Frauen Anfang 20, auf der Suche nach sich selbst, nach dem Leben, der Liebe und dem Glück. Und der Leser versteht: diese Mädchen unterscheiden sich nicht grundlegend von den heutigen, in ihrer Sehnsucht und ihrem Aufbruch ins Erwachsenwerden. Sigrid Undset sollte unbedingt wiederentdeckt werden. „Die Einsamkeit der Seevögel“ von Gohril Gabrielsen, Jahrgang 1961, bedient sich einer gläsernen, klirrend scharfen Sprache und atmosphärisch dichten Bildern, die dem Winter in der nördlichsten Region Norwegens entsprechen, fern jeder Zivilisation.

Dorthin zieht es eine junge Wissenschaftlerin, die ganz allein in der unwirtlichen Landschaft die Einflüsse klimatischer Veränderungen auf die Population von Seevögeln studieren will und minutiös alle täglichen Verrichtungen und Erlebnisse in ein Tagebuch einträgt. Die kleine Tochter hat sie bei ihrem geschiedenen Mann zurückgelassen, sie wartet auf den geplanten Besuch des neuen Freundes Jo, der jedoch immer wieder verschoben wird; Jo kann sich nicht so leicht von seiner Tochter und deren Mutter trennen. Den rauen Elementen ausgeliefert, umgeben von stürmischem Meer und Schneeverwehungen, häufig abgeschnitten von allen Kommunikationsmitteln, haust sie in einer alten Fischerhütte, mit deren Geschichte sie sich auseinandersetzt. Zunehmend bedrängen die namenlose junge Frau in ihrer Einsamkeit Phantasien; die früheren Bewohner bevölkern ihre Hütte und die Bilder der eigenen Vergangenheit ergreifen Besitz von ihren Gedanken. Sie muss sich ihnen stellen, wenn sie sich nicht verlieren will.

Dass die Natur menschliche Herausforderungen nicht immer erträgt, wird deutlich in dem auch für Laien spannenden Sachbuch der Glaziologin Monica Kristensen „Amundsens letzte Reise“. Bis heute ist ungeklärt, was am 18. Juni 1928 tatsächlich geschehen ist, als der Bezwinger des Südpols und norwegische Nationalheld Roald Amundsen mit einer kleinen Crew in Tromso ein Flugboot bestieg, um den abgestürzten Polarforscher Umberto Nobile zu retten. Die Autorin, eine bekannte norwegische Polarforscherin, hat über Jahre eine Fülle wissenschaftlicher Fakten zusammengetragen und sie zu einem faszinierenden Krimi im ewigen Eis verwoben, den die Wirklichkeit schrieb. Gleichzeitig ist ein ungeschöntes Porträt des Abenteurers Amundsen entstanden, das die Frage aufwirft, ob er möglicherweise sein Leben – und damit auch das seiner Begleiter – leichtsinnig aufs Spiel gesetzt haben könnte. Sie muss unbeantwortet bleiben.

Der lange skandinavische Winter hat auch Merethe Lindstrom, Jahrgang 1963, zu ihren Selbstreflexionen animiert. In „Aus den Winterarchiven“ erzählt sie ihre eigene Geschichte; für eine gewisse Zeit hat sie sich mit ihrer Familie aufs Land zurückgezogen, um zu schreiben, über den Mann, mit dem sie zusammenlebt, die große Liebe zu einem Menschen, der immer wieder in Depressionen versinkt. Über die damit verbundenen Ängste, die es täglich aufs Neue zu bekämpfen gilt. Über die Gebete mit den Kindern und die eigene Kindheit, den zum Katholizismus konvertierten Vater. Ihre eindringliche Sprache rührt an längst Vergessenes in der eigenen Seele.

Worte leuchten in den langen Wintern

Ausführlichste Leidenschaft für die persönliche Biografie scheint ein Zeichen der Zeit zu sein. Ketil Bjornstad, 1952 geboren, ist Schriftsteller und Musiker. Auf über 800 Seiten reflektiert er seine 60er Jahre in „Die Welt die meine war“, und das ist durchaus faszinierend, weil er seine eigene Geschichte (die eines dicken, pianistisch höchstbegabten Jungen) selbstironisch mit den prägnanten historischen Ereignissen jener umwälzenden Epoche verknüpft. Das macht den Roman zu einem brillant geschriebenen Zeitdokument, das die individuellen Erinnerungen auf den Prüfstein legt.

Auch der 1972 geborene Tore Renberg ist Musiker und Schriftsteller. Von allen Seiten ist ein literarisches Roadmovie über zwei Brüder, 15 und 16 Jahre alt, die ihrem tristen Dasein entfliehen wollen, das mit einem prügelnden, geizigen Vater und einer psychotischen Mutter unerträglich geworden ist. Ihre Suche nach dem Glück scheitert an der harten Realität, sie geraten auf kriminelle Abwege und müssen Strategien entwickeln, um nicht unterzugehen. Dank der planerischen eiskalten Intelligenz von Ben, dem jüngeren Bruder, dem der einfältigere ältere Rikki blind ergeben folgt, finden sie ihren Weg durch die Abgründe menschlichen Daseins, das bei aller Brutalität mitunter sehr komische Züge aufweisen könnte – wenn nicht die seelische Verwahrlosung der alleingelassenen Jungen alle mögliche Heiterkeit gefrieren ließe.

Der 1968 geborenen Karl Ove Knausgaard gilt als bedeutendster norwegischer Autor seiner Generation, an seinem gewichtigen Werk kommt niemand vorbei, der sich für norwegische Literatur interessiert. Mit „Kämpfen“ hat er nun den Abschluss seines sechsbändigen autobiografischen Projekts vorgelegt. Auf über 1 200 Seiten entfaltet der Autor akribisch sein Leben mit drei kleinen Kindern und einer manisch-depressiven Frau. Wir begleiten ihn bei allen alltäglichen Verrichtungen der Jahre 2008 – 2011. Das könnte ermüdend sein, hätte Knausgaard nicht die Gabe, neben den konkreten praktischen Tätigkeiten und Reflexionen sein sehr spezielles geistiges Gedankengebäude zu vermitteln. Dieser Autor scheint „alles“ gelesen zu haben. Das angehängte Literaturverzeichnis beinhaltet die Werke zahlreicher Philosophen, Dichter und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts von Giorgio Agamben bis Peter Szondi, er hat sich ausführlich mit der Bibel und mit Hitlers „Mein Kampf“ beschäftigt. Und er entwickelt erfrischend eigenständige Gedanken dazu, fern von jedem zeitgeistigen oder moralisierenden Mainstream. Ein großartiges intellektuelles Vergnügen.

„Lesen heißt, die Worte als Lichter zu sehen,
sie leuchten in der Dunkelheit.“
Karl Ove Knausgaard

  • Sigrid Undset: Das glückliche Alter.
    Übersetzung Lothar Schneider. Bibliothek Suhrkamp 2019, 131 Seiten, EUR 12,–

  • Gohril Gabrielsen: Die Einsamkeit der Seevögel.
    Übersetzung Hanna Granz. Insel Verlag 2019, 174 Seiten, EUR 20,–

  • Monica Kristensen: Amundsens letzte Reise.
    Übersetzung Christel Hildebrandt. btb Verlag 2019, 464 Seiten, EUR 22,–

  • Merethe Lindstrom: Aus den Winterarchiven.
    Übersetzung Elke Ranzinger. Verlag Matthes & Seitz 2019, 294 Seiten, EUR 22,–

  • Ketil Bjornstad: Die Welt die meine war.
    Übersetzung Gabriele Haefs. Kerstin Reimers und Andreas Brunstermann, Osburg Verlag 2019, 833 Seiten, EUR 26,–

  • Tore Renberg: Von allen Seiten.
    Übersetzung Elke Ranzinger. Heyne Encore Verlag 2019, 544 Seiten, EUR 24,–

  • Karl Ove Knausgaard: Kämpfen.
    Übersetzung Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. btb Verlag 2018, 1 280 Seiten, EUR 15,–


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